ask – art & science krems: Frau Blaschitz, Frau Glassner, Sie beschäftigten sich lange mit den Arbeiterinnen in der Tabakfabrik Stein. Wie kam es dazu?
Anne Glassner: Edith Blaschitz hat einen Suchaufruf nach Exponaten der Tabakarbeiterinnen in Stein gemacht. Eine von ihnen war meine Uroma Franziska Hackel, so kamen wir ins Gespräch. Das war Ausgangspunkt meiner Recherche darüber, was von ihr und anderen Tabakarbeiterinnen bleibt – in der Familiengeschichte und in Archiven.
Edith Blaschitz: Ich habe 2003 hier begonnen. Als Historikerin und Zuagroaste war ich überrascht, dass die Universität für Weiterbildung in einer ehemaligen Tabakfabrik untergebracht war. 2015 habe ich ein Projekt zu unseren Vorgängerinnen an dem Ort, dem Universitätsgebäude, gemacht. Ein Film aus dem Filmarchiv Austria hatte ihre damalige Arbeits- und Lebenswelt festgehalten. Zunächst versuchte ich, die Schauplätze im Haus zu verorten. Dann vernetzte mich eine Kollegin mit ehemaligen Tabakarbeiterinnen. Diese zeigten uns, wo die Produktion, die Kinderkrippe und andere Einrichtungen waren. Die verlorenen Spuren machten wir in einer App wieder sichtbar. Ich bin stets überrascht, dass der bedeutsame Ort für die Stadtgeschichte, der erst 1991 geschlossen wurde, nicht stärker sichtbar gemacht wird.

ask – art & science krems: Frauengeschichte ist häufig schlecht dokumentiert, auch die von Arbeiterinnen hat Lücken. Welche Quellen gibt es?
Blaschitz: Die Volkskundlerin Veronika Plöckinger-Walenta hat für ihre 1996 fertiggestellte Diplomarbeit geforscht und auch Tabakarbeiterinnen interviewt. Außerdem gibt es einige Forschungsarbeiten zur Österreichischen Tabakregie und anderen Standorten. Die Tabakregie hatte nach dem Ersten Weltkrieg noch neun Fabriken auf österreichischem Staatsgebiet. Neben den Archiven der Universität für Weiterbildung Krems und der ehemaligen Österreichischen Tabakregie in Hainburg gibt es im Staatsarchiv noch schriftliche Quellen wie Verwaltungsakten, Verzeichnisse und Hausordnungen. Aber die sind noch nicht gut aufgearbeitet.
Glassner: Auch meine Uroma wurde interviewt. Ich habe versucht, ihre Stimme zu identifizieren und fand sie in den Berichten darüber, wie sich Frauen zusammengetan, wie sie bei der Arbeit gesungen haben. Vor drei Jahren arbeitete ich mit einem Valie Export Stipendium in Linz in der Tabakfabrik. Das Archiv dort und die Räume haben mich bewegt, Objekte meiner Uroma dorthin zu bringen und zu fotografieren. Ich beschäftige mich mit den Themen Ruhe, Erholung, Stillstand und auch Schlaf, die im Kontrast stehen zum Arbeitsrhythmus und dem ständig Produktiven.
ask – art & science krems: Was wissen Sie über das Leben Ihrer Urgroßmutter Franziska Hackl?
Glassner: Sie wurde 1909 geboren, war bereits mit neun Vollwaise und einige Zeit Kindermädchen in Perchtoldsdorf. Dann ist sie zurück nach Krems, hat drei Söhne großgezogen. Mit der Möglichkeit, in das Arbeiterinnenwohnheim einzuziehen, begann sie in der Fabrik. Dort war sie von 1939 bis 1969 tätig. Ich erinnere mich gut an die Wohnung. Sie ist bis heute relativ unverändert. Mittags kochte sie für die Söhne, sie war wohl ungeheuer organisiert. Sie ist langsam aufgestiegen und war zuletzt Betriebsrätin. Es muss recht monoton gewesen sein, diese Virginier-Zigarren zu wuzeln. Meine Uroma war in vielen Vereinen aktiv, gesellig, selbstbewusst, sang gerne und hielt die Leute zusammen. Sie war ehrlich und hatte einen starken Gerechtigkeitssinn. Den Sonntag verbrachte sie gerne im Schrebergarten. Bei der Mittagspause durfte sie niemand stören.


Neben Vertretern der Stadt Krems (Bild 1 von links: Gemeinderätin Elisabeth Kreuzhuber, Bereichsleiterin Doris Denk und Bürgermeister Peter Molnar) war auch die Mutter der Künstlerin Anne Glassner im Publikum (Bild 2).
ask – art & science krems: 1876 arbeiteten in der Tabakfabrik 492 Frauen und 19 Männer, 1931 waren es mehr als 1.000 Beschäftigte. Was bedeutete das für die Stadt?
Blaschitz: Krems war damals eine beschauliche Kleinstadt mit Landwirtschaft, Weinbau und Handel, als 1850 diese große Fabrik eröffnete. In die geordneten Verhältnisse kam plötzlich ein Haufen junger Arbeiterinnen ab 12 Jahren. Sie waren im Stadtbild sichtbar und unterwegs. Aus den Heiratsmatrikeln wissen wir, dass sie oft aus Wien und dem deutschsprachigen Böhmen kamen. Sie heirateten erstaunlich oft Gefängniswärter, man traf einander wohl am Arbeitsweg. Ich sage immer, dass mit der Tabakfabrik, der Industriearbeit und der getakteten Zeit die Moderne in Krems Einzug gehalten hat. Die Frauen haben durch ihren Konsum eine neue Kultur mitentwickelt, Handel und Dienstleistungen haben profitiert, weil sie keine Selbstversorgerinnen mit Landwirtschaft waren.
ask – art & science krems: Wie wurden diese modernen Frauen gesellschaftlich wahrgenommen?
Glassner: Aus meinen Interviews weiß ich, dass meiner Uroma davon abgeraten wurde, in der Fabrik zu arbeiten. Es hieß: „In die Fabrik gehen nur leichte Mädchen“.
Blaschitz: Arbeiterinnen waren nicht hoch angesehen. Eine Frau, die mit Tabak zu tun hat, war im 19. Jahrhundert verrucht. In der Monarchie wurden sie „Tschickweiber“ genannt und nahe an leichte Mädchen gerückt. So erlebten sie doppelte Diskriminierung. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts waren ihre Lebens-, Wohn- und Arbeitsbedingungen elend. Unter den Arbeiterinnen waren Tabakarbeiterinnen am schlechtesten gestellt. Vom Rand der Gesellschaft haben sie in der Sozialdemokratie nach und nach mehr Rechte und bessere Bedingungen erkämpft, ihr Ansehen stieg.

ask – art & science krems: 1886 gab es einen spontanen Streik aus Solidarität mit einer unrechtmäßig entlassenen Arbeiterin. Welche Bedeutung hatten kollektive Kämpfe für die Frauenemanzipation und bessere Arbeitsbedingungen?
Blaschitz: Die „excedierenden Tabakarbeiterinnen“, die sich gemäß damaligen Maßstäben ungehörig verhielten, schafften es auf das Cover eines Wiener Journals. Es war bemerkenswert, denn die Lohnarbeiterinnen konnten jederzeit entlassen werden. In der Fabrik führten Männer als Vorgesetze ein hartes Regime. Für diese Frauen stand also viel auf dem Spiel. 1902 wurde die erste Gewerkschaft in der Tabakfabrik gegründet und für die Rechte der Frauen gekämpft.
ask – art & science krems: Frauen verdienten in der Fabrik ihr eigenes Geld. War das die Basis für Emanzipation?
Blaschitz: Der eigene Lohn unterstützte Frauen dabei, eigene Entscheidungen zu treffen. Das Geld ging aber meist ins Familienbudget. Heute meint Emanzipation oft individuelle Verwirklichung. Damals wollten die Frauen schlicht gleichen Lohn und gleiche Rechte, aber innerhalb eines traditionellen Rollenverständnisses.
ask – art & science krems: Frau Glassner, Ihr künstlerisches Projekt „Franziska“ im museumkrems kombiniert mehrere Dinge: Fotografien, Tonaufnahmen, Archivalien, eine Performance. Erzählen Sie uns mehr darüber?
Glassner: Meine Arbeiten entstehen im Prozess. Mir sind die Räume wichtig, von denen ich ausgehe. Was macht ein Raum mit uns, auch körperlich? Aus dieser Frage entstand die Idee zur Zusammenarbeit mit den „Choryphäen“, dem Chor der Universität für Weiterbildung Krems. Diese machen am 12. November einen performativen Walk durch die Fabrik und singen Arbeiterinnenlieder. Das Performative ist ein wesentliches Element, weil es mit der körperlichen Präsenz eine neue Dimension erreicht. Aus dem Archiv der Tabakfabrik verwende ich zum Beispiel Grafiken, auf denen man Gesten sieht, die Techniken und Arbeitsprozesse erklären, ebenso die Tonaufnahmen sowie die familiären Begegnungen. Ich installiere Kissen im Ausstellungsraum mit Archivfotos, auf einem davon ist auch meine singende Uroma zu sehen. Dazu kommen Stimmen aus den Objekten. Mit Fotos von mir in Originalkleidung im Stiegenhaus der heutigen Universität kommt ein Aspekt der Zeitlosigkeit herein: Durch die Kleidung bleibt ungewiss, wann das Foto aufgenommen wurde.


In der Ausstellung “Franziska”, die noch bis 15. November in der galeriekrems zu sehen ist, kombiniert Anne Glassner Fotografien (teils auf Polster gedruckt wie im Bild oben), Tonaufnahmen und Archivalien.
ask – art & science krems: Das Archiv wird also durch die Kunst lebendig?
Blaschitz: Ich finde das spannend. In historischen Gebäuden fragen wir uns ja, wie die Menschen sie vor 100 Jahren nutzten – etwa wie sie in einem Kloster gebetet oder in einer Fabrik gearbeitet haben. Dieses Gefühl der Zeitreise fasziniert uns. Die Universität für Weiterbildung erscheint als Wissensinstitution heute etwas elitär, historisch ist es ein Ort harter Akkordarbeit. Mit dem chorischen Walk wird die Fabrik wieder in Besitz genommen, und zwar von einem Arbeiterinnenkollektiv.
ask – art & science krems: In der Tabakfabrik Linz haben Sie, Anne Glassner, sich bereits mit dem Archiv befasst, mit der Arbeit „Do Archives sleep“. Was bedeuten Archive für Ihre Kunst?
Glassner: Für mich sind Archive sehr lebendig, ich sehe sie als Wissensnetzwerke und Plattformen. Man zieht eine Lade auf, es öffnet sich die nächste, und dann tauche ich immer mehr hinein. Das Thema Erinnerung beschäftigt mich in meiner künstlerischen Arbeit – ich befasse mich viel mit Schlaf, da spielt das auch eine große Rolle.
ask – art & science krems: Von den Arbeiterinnen existieren heute kaum mehr Spuren in der Öffentlichkeit. Wie kann die Erinnerung an die Frauen und ihre Geschichte präsent gehalten werden – brauchen wir Straßenumbenennungen, Tafeln oder Kunst im öffentlichen Raum?
Blaschitz: Am besten alles! Seit dem Vorjahr gibt es an der Universität für Weiterbildung eine kleine Ausstellung über die Tabakfabrik. Aber es braucht noch mehr Bausteine. Wir zeigten 2021 die von der Stadt initiierte Ausstellung „Wo sind sie geblieben“ über die Frauen von Krems. Dafür rekonstruierten wir erstmals deren Geschichten. Damals waren wir uns einig darüber, dass das keine einmalige Aktion bleiben dürfe. Damals beschloss der Gemeinderat sogar, dass neue Straßen nach Frauen benannt werden sollten. Allerdings entstehen nicht so viele neue Straßen. Jedenfalls: Es ist gut, wenn im öffentlichen Raum etwas passiert, auch eine Zusammenarbeit mit Schulen ist gut – aber es muss konstant ein Thema sein. Die männliche Geschichtsschreibung setzte das Wirken der Frauen ins Vergessen.
Frage aus dem Publikum: Was weiß man über die Rolle der Frauen in der NS-Zeit?
Blaschitz: Es gab eine Widerstandsgruppe – zwei Arbeiter und vier Arbeiterinnen mit kommunistischem Hintergrund, die verraten wurden. Sie versuchten, Geld zu sammeln und Zeitschriften zu verteilen, wurden dann von der Gestapo verhaftet und mussten langjährige Haftstrafen absitzen. Was kaum bekannt ist: Es gab auch polnische Zwangsarbeiterinnen. Deren Lager befand sich in oder bei der heutigen Kunsthalle. Aber darüber finde ich momentan kaum Quellen.
ask – art & science krems: Sie sind durch Ihre Auseinandersetzung mit den Tabakarbeiterinnen verbunden. Künstlerische und wissenschaftliche Arbeit scheinen sich von deren Tätigkeit stark zu unterscheiden. Sehen Sie dennoch Gemeinsamkeiten?
Glassner: Spontan würde ich sagen: Auch ich bin oft im Getriebe! Aber ich sehe auch das Kommunikative, das Vernetzende, das Soziale als eine Parallele.
Blaschitz: Zunächst verbindet uns, dass wir Frauen sind. Vieles, wofür sie kämpften, ist uns bis heute nicht fremd. Wenn ich Texte aus 1890 lese, frage ich mich manchmal: Ist es heute so viel anders? Oder aber sogar: Waren wir nicht schon einmal weiter? Zum Beispiel, was das Denken und Handeln im Kollektiv betrifft. Da haben wir durch die Individualisierung einiges verloren. Ich nehme stark das Gefühl wahr, dass wir Einzelkämpferinnen sind. Solidarität und Gemeinschaft: Dahin könnten wir wieder stärker zurückkehren.



