Der Schlot dampft schon lange nicht mehr. Dennoch herrscht reger Betrieb im ehemaligen Kesselhaus der Austria Tabak in Krems: 2005 ist hier, am Campus Krems, das Kino im Kesselhaus eingezogen, ein neuer kultureller Ort besonderer Qualität entstand. Waltraud Bruckner, die in der Nähe wohnt, konnte damals ihr Glück kaum fassen. Heute ist sie die konsequenteste Stammkundin des Kinos. Anlässlich des Jubiläums – das Filmhaus begeht es mit einer Jubiläumswoche ab 7. Oktober – erzählte die pensionierte Sekretärin ask – art & science krems über ihre Liebe zu der Institution.

„Ein großer Gewinn!“
Aufgewachsen in Krems-Stein, besuchte sie schon als Kind gern ein Kino in der Umgebung, das längst geschlossen ist. „Dort hat man zum Beispiel Heimatfilme gespielt“, erinnert sie sich. „Allerdings gab es nur dann eine Vorführung, wenn mindestens sieben Leute da waren.“ Später unterbrachen Leben und Alltag der berufstätigen Mutter ihre Cineastinnenkarriere: 20 Jahre pendelte sie täglich nach Wien, vier Stunden hin und retour. Da blieb nicht viel Zeit für Schöngeistiges. Danach besuchte Frau Bruckner, die kein Auto hat, manchmal das Zentralkino, das einst am Kremser Bahnhof war. „Aber der Weg war weit und vor allem in der Nacht nicht besonders angenehm.“ Als später die Minoritenkirche in Stein zu Filmabenden lud, entfachte sich ihre Leidenschaft für das Kino neuerlich. Und dann eröffnete eines Tages, noch näher, ein neues Filmhaus. „Das war wirklich ein großer Gewinn“, erinnert sie sich an ihre Gedanken damals. „In erster Linie gefiel mir, dass es so nahe ist. Aber mir war auch der kleine Rahmen sympathisch, der Saal fasst 100 Leute, ebenso das nette Kassapersonal.“ Aki Kaurismäkis „Lichter der Vorstadt“ und Pedro Almodóvars „Volver“ gehörten zu den Filmen, die sie früh dort sah.

Im Gespräch
Eine Reihe von Events, wie das beliebte Film.Bar.Quiz oder „Stricken im Kino“, ergänzten im Laufe der Zeit das Kinoprogramm und machten das Kino im Kesselhaus zu einem Kulturzentrum. Mit Konzerten, Poetry Slams und Lesungen zieht es ein weit größeres Publikum als Hardcore-Cineast*innen an. Von den vielen zusätzlichen Veranstaltungen nimmt Waltraud Bruckner vor allem die Filmgespräche wahr. Sie erinnert sich an eines mit dem, wie sie sagt, „leider so früh verstorbenen Regisseur Florian Flicker“. Sein Film „Grenzgänger“, den er hier 2012 vorstellte, sollte sein letzter sein. Über eine Szene, die Waltraud Bruckner besonders auffiel, kam sie mit ihm ins Gespräch.
Mietbörse Kino im Kesselhaus
An eine weitere Begebenheit erinnert sie sich, die bis heute nachwirkt. Vor ungefähr vier Jahren begann sie mit einem jungen Sitznachbarn zu plaudern, der in Krems studierte und auf der Suche nach einer Wohnung war. Waltraud Bruckner, die in ihrem Haus gerade zufällig eine frei hatte, erzählte ihm davon. Einer ihrer ersten Mieter saß just in diesem Moment direkt vor ihr, drehte sich um, und empfahl dem jungen Studenten seine einstige Landlady herzlich. „Mittlerweile hat der Kinogast fertig studiert und wohnt noch immer bei mir“, amüsiert sich Bruckner.

Englisch-Auffrischung
Das Nonstop-Kinoabo, das viele österreichische Programmkinos 2023 einführten, hat Waltraud Bruckner seit Beginn abonniert. Kürzlich war sie sogar zweimal an einem Tag im Kino im Kesselhaus – einmal um 16, einmal um 18 Uhr. Rund zehn Mal pro Monat kommt sie durchschnittlich. Hochgerechnet wären das 120 Filme pro Jahr, 2400 in den vergangenen 20 Jahren. In dieser Zeit, meint sie, habe sie besser Englisch gelernt. Denn im Kino im Kesselhaus laufen die Filme in Originalsprache, oft auf Englisch. Das zeigt, dass ein Filmhaus weitaus mehr Funktionen erfüllen kann als seine ursprüngliche, dass es ein sozialer Raum ist, der Begegnungen und Wissenserwerb forciert.
Erbe Kinobegeisterung
Fragt man Waltraud Bruckner nach besonders eindrücklichen Kinoerlebnissen, dann sprudelt sie: „Sehr gut gefiel mir ‚The Menu‘, ‚Andrea lässt sich scheiden‘, ‚Altweibersommer‘, ‚Oh la la – Wer ahnt denn sowas‘. Aber ich mag auch Dokumentarfilme, zum Beispiel ‚Ich will alles‘ über Hildegard Knef und die zwei Leonard-Cohen-Filme.“ Weniger begeistert war sie vom viertel Teil von „Bridget Jones“. Es wäre auch ein Wunder, wenn von tausenden Filmen jeder ungebrochene Begeisterung entfachen würde.
Ihre Leidenschaft für den Film hat Waltraud Bruckner von ihrem Vater geerbt. „Schon er hätte so ein Kino gebraucht.“ Was er nicht mehr erleben durfte, kann seine Tochter nun genießen.
Nina Schedlmayer


