Wenn Ulrike Königshofer an den Kapitelsaal in der Kremser Minoritenkirche denkt, gerät sie ins Schwärmen. Viele Räume, in denen sie bisher ihre Installationen und Fotoarbeiten zeigte, seien „eher schwierig“ gewesen, erinnert sich die Künstlerin bei einem Gespräch in ihrem Wiener Atelier. „Aber dieser hier ist richtig schön! Es ist toll, wenn ein Raum so viel Atmosphäre hat.“
Wind, zu Wind übersetzt
Tatsächlich versprüht der frühgotische Kapitelsaal auf fast quadratischem Grundriss, der am Ende des Kreuzgangs im heutigen Klangraum Krems Minoritenkirche liegt und zu dem man über Treppen hinabsteigt, einen besonderen Charme, ist intim und großzügig zugleich. Auf Einladung des Donaufestivals installierte die in Wien lebende Ulrike Königshofer nun ihre mehrteilige Arbeit „Air“. Fotos davon können freilich nur bedingt Wesen und Inhalt dieser Arbeit wiedergeben. Auf einem Plattenspieler läuft ein Tonträger mit Geräuschen aus dem windigen Wienerwald, von Königshofer schon vor längerem aufgenommen. Eine Vorrichtung – wie so oft bei der Künstlerin ein eigens entwickeltes kleines technisches Wunderwerk – spielt diese Aufnahme an Ventilatoren, die sich entsprechend der elektronisch übertragenen akustischen Signale bewegen. Dabei dringt kein Ton aus dem Plattenspieler, aber der Wind aus dem Wienerwald wird in Wind aus den Ventilatoren übersetzt.

Geräusche entstehen im Körper
Diese Art der Übersetzungsleistung – Wind wird wieder zu Wind, aber ganz anders – zieht sich durch Königshofers Arbeit. Die Künstlerin zeichnete schon Wellenbewegungen eines Sees mit einem ziemlich komplizierten Gerät auf, um sie in einer Wanne im Ausstellungsraum wiederzugeben („Cast of Water“, 2021). Sie legte Papier auf eine Wand, rieb so lange mit Bleistift darüber, bis deren Struktur zu erkennen war – erzeugte also eine Frottage – und hängte das Ergebnis über die Wand („Empty Walls“, 2024)
Vor wenigen Wochen zeigte sie, ebenfalls im Klangraum Krems Minoritenkirche, ihre Schau „Transforming sound“ im Rahmen des Imago Dei Festivals. Da schloss sie eine Glühbirne an den Audioausgang eines Plattenspielers an, die im Rhythmus der Tonsignale flimmerte, während ein anderes Gerät Wellenbewegungen zu Schallwellen transformierte.
„Ich beschäftige mich viel mit Wahrnehmung und deren Relativität“, sagt Ulrike Königshofer. „Was wir hören und sehen, ist nicht absolut. Ein Geräusch zum Beispiel entsteht eigentlich erst in unserem Körper, ebenso wie das Sehen.“ Ihre Kunst vergegenwärtigt diese Vorgänge.


Licht ist der Gegenstand
Viele ihrer Arbeiten gehen dabei von fotografischen Techniken aus. So baute Ulrike Königshofer eine Camera Obscura, die sie so bearbeitete, dass sie den Lauf der Sonne in minimalistische Graphen umwandelte. Oder sie ließ Mondschein auf Fotopapier fallen, sodass monochrome Bilder entstanden. „Üblicherweise dient Licht nur als Medium für die Fotografie, um etwas zu übertragen und als Objekt darzustellen. In dieser Arbeit ist das Licht selbst Gegenstand des Bildes“, schrieb sie über diese schon 2015 entstandene Arbeit.
Oft zeichnen sich Ulrike Königshofers Kunstwerke durch einen formalen Minimalismus aus, bezaubern in ihrer zurückhaltenden, aber hoch ästhetischen Ausführung. „Das Reduzierte interessiert mich schon lange“, sagt sie. „Ich versuche oft, meine eigene Handschrift rauszunehmen und ein Setting zu schaffen, wo Dinge von selbst entstehen.“
Wobei der technische Aufwand dafür zumeist beträchtlich ist. In ihrem Atelier, das eher einer Werkstatt ähnelt, hat sich unterschiedlichstes Zubehör angesammelt: Elektroequipment, Labornetzteile, Glühbirnen, Schrauben, Lacke, Klebebänder, Kabel. Auf einem Regal im Vorzimmer lugt ein Karton mit einem Diakarussell hervor. Die technische Anleitung für den Aufbau ihres Wellenapparats für „Cast of Water“ umfasst 13 Seiten – und zwar 13 sehr notwendige Seiten, denn Ulrike Königshofers Konstruktionen sind so speziell, dass es viel Zeit brauchen würde, sie ohne Bauplan zu rekonstruieren. „Das Technische habe ich mir durch Learning by Doing angeeignet“, erzählt sie. „Ich lese nach im Internet, wie was funktioniert, oft tagelang. Durch Herumprobieren komme ich auch oft auf neue Dinge.“ Üblicherweise arbeitet sie allein, ohne Techniker – die aktuelle Installation „Air“ war dabei eine Ausnahme.

Frühe Prägung
Das Herumprobieren, Werken, Basteln mochte sie schon als Kind, wie sie sich erinnert. Mit 14 Jahren ging sie dann in Graz in die Ortweinschule, eine künstlerische Mittelschule, aus der zahlreiche wichtige Künstler:innen wie Susanne Wenger, Maria Biljan-Bilger, Fritz Panzer und Soap&Skin hervorgingen. Später besuchte sie an der Wiener Universität für angewandte Kunst die Klasse von Adolf Frohner – gleich neben dem Klangraum Krems Minoritenkirche liegt übrigens das Forum Frohner, wo sie erst im Vorjahr ausstellte.
Besondere Eindrücke hinterließ der Meister zwar nicht bei ihr, aber die unterschiedlichen Charaktere in seiner Klasse zeigten ihr verschiedene Zugänge. Nach dem Studienabschluss entwickelte sie ein gesteigertes Interesse an Wissenschaftstheorie. Für die künstlerische Auseinandersetzung damit erschien ihr die Malerei nicht mehr das geeignete Medium. So begann sie zu zeichnen und mit neuen Medien zu experimentieren. Zunehmend fanden ungewöhnliche Materialien Einzug.
Das Atelier dient ihr in ihrer Praxis als Raum fürs Experimentieren, aber auch zum Nachdenken. „Für mich ist die künstlerische Arbeit eine Methode, Dinge zu verstehen“, sagt sie gegen Ende des Gesprächs. Und, so könnte man ergänzen, dem Publikum Dinge bewusst zu machen. Wie zum Beispiel die Tatsache, dass Wind auf ganz eigene Weise übertragen und wahrgenommen werden kann.
Nina Schedlmayer


