„Hoffnung ist ein Gegengift zu Fatalismus“

Wie lässt sich Hoffnung in Zeiten multipler Krisen denken? Donaufestival-Chef Thomas Edlinger und Verena Steiner-Hofbauer, Leiterin des Forschungszentrums Transitionspsychiatrie an der Karl Landsteiner Universität (KL Krems), über Kunst als Gegenentwurf zu Fatalismus, Frustrationstoleranz und das Erwachsenwerden.
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ask – art & science krems: Thomas Edlinger, Verena Steiner-Hofbauer, wie ist Ihr Blick auf den Stellenwert von Hoffnung in einer Zeit multipler Krisen?

Thomas Edlinger: Beim Donaufestival verstehen wir Hoffnung so, dass wir die Möglichkeit zur Veränderung in den Blick nehmen. Der Kulturwissenschaftler Terry Eagleton spricht von „Hoffnung ohne Optimismus“, Søren Kierkegaard von der „Leidenschaft für das Mögliche“. Die Kunst ist ein Ort, an dem Perspektiven ver-rückt werden können. Es braucht ein wenig Verrücktheit, um momentan an Hoffnung zu glauben. War es naiv, beim Fall der Mauer zu glauben, dass die DDR ohne einen Gewehrschuss zerfällt? Wahrscheinlich schon. Trotzdem ist es passiert. War es naiv von den protestierenden Menschen im Iran, auf den Sturz des Mullah-Regimes zu hoffen? Nein! Hat es funktioniert? Auch nein. Etwas Naives kann zu Veränderung führen, aber Hoffnungen haben in der modernen Welt oft mit Enttäuschung zu tun.

Verena Steiner-Hofbauer: Mein Hoffnungsbild war eher religiös konnotiert: Hoffen wir auf Erlösung oder darauf, dass wir in den Himmel kommen. Die Psychologie definiert Hoffnung jedoch recht eng und praktisch-angewandt: sich vorzustellen, was noch nicht ist, sich Wege dorthin zu überlegen sowie fähig und willens zu sein, darauf zuzugehen. Wir nennen das Agency oder Self Efficacy. Zum Beispiel wurde erforscht: Wenn Studierende daran glauben, dass sie die Prüfung bestehen, bestehen sie diese eher. Aber da sind die Wege zum Ziel auch relativ klar. Welche Wege kann man angesichts globaler Krisen persönlich beschreiten? Da ist der Einfluss des Einzelnen begrenzt. Ich kann Trump nicht anrufen und fragen, ob er sich zur Ruhe setzen möchte.

Edlinger: Der Ursprung des Hoffnungs- und Erlösungsgedankens ist religiös, aber in der Moderne hat sich eine säkularisierte Form entfaltet: die realistische Hoffnung auf eine Verbesserung der Lebensumstände im Diesseits. Der amerikanische Traum – vom Tellerwäscher zum Millionär – ist immer noch ein gesellschaftlich wirksames Konstrukt. Politische Veränderung wie der Arabische Frühling oder die 68er-Bewegung ist ohne Hoffnung undenkbar. Ohne dieses Potenzial wären wir vielleicht in einer vormodernen Welt gefangen.

Die ask-Autorinnen Astrid Kuffner und Nina Schedlmayer im Gespräch mit Verena Steiner-Hofbauer, Leiterin des Forschungszentrums Transitionspsychiatrie an der Karl Landsteiner Universität und Thomas Edlinger, dem Leiter des Donaufestivals.

ask – art & science krems: Was passiert, wenn Hoffnungen enttäuscht werden?

Steiner-Hofbauer:  Frustrationstoleranz ist eine wichtige Fähigkeit. Am Beginn steht die Frage: Welche Wege gibt es? Was mache ich, wenn einer nicht funktioniert? Was kann ich erreichen? Wann muss ich das Ziel verändern? Was ist dringend und notwendig? Man muss lernen, damit umzugehen, dass man nicht alles haben kann. Es kommt vor, dass junge Menschen unrealistische Berufswünsche haben, etwa Influencer. Auf dem Weg dorthin müssen sie aber vielleicht erst einmal für sich selbst aufkommen. Da muss man manchmal realistische Zwischenziele setzen. Es gibt definitiv Berufswünsche, die sich nicht jeder erfüllen kann.

ask – art & science krems: Thomas Edlinger, das Donaufestival wählte dieses Jahr das Motto „Mad Hope“. Wie kam es dazu?

Edlinger: Angesichts der Weltverdüsterung wollten wir negative Befunde nicht verdoppeln, sondern mit den Mitteln eines Festivals dagegenhalten. So beschäftigt sich etwa der Künstler Anton Kats, ein Ukrainer, in seiner Performance „After Hope“ mit dem Schiff „Vishwa Asha“, zu Deutsch „Universelle Hoffnung“. Es wurde im heute umkämpften Cherson gebaut und gilt als verschollen. Anhand dieser verschwundenen Hoffnung spekuliert er über die Möglichkeit von Hoffnung nach dem Ende von Hoffnungen.

„Wenn ich was hoffen darf, um es so altmodisch nach Kant zu formulieren, wie komme ich dazu?“, fragt der Leiter des Donaufestivals, Thomas Edlinger. „Welche gesellschaftlichen Parameter machen einen Hoffnungsspielraum auf – oder limitieren ihn? Die Hoffnungen im Iran sind anders gelagert als die in den USA, die einem – wie auch immer verbeulten und verzerrten – american dream anhängen.“

ask – art & science krems: Haben vielleicht gerade Menschen, die sich nicht passend in der Welt fühlen, auch ver-rückte Ideen, die andere nicht haben?

Steiner-Hofbauer: Momentan wünschen sich viele junge Erwachsene, eine Autismus- oder ADHS-Diagnose zu bekommen. Sie kommen gut vorbereitet mit Informationen aus dem Internet zum Psychologen oder zur Psychologin, um eine Legitimation für ihre Schwierigkeiten zu bekommen. Im Sinn der Neurodivergenz werden Autismus oder ADHS ja nicht zwingend als Erkrankungen definiert, sondern so, dass das Gehirn und das Denken anders funktioniert. Manchmal trifft die Diagnose zu, aber manchmal schaffen sich Jugendliche in der Krankheitsidentität eine eigene Realität, wo sie besser hineinpassen.

Edlinger: Für uns beim Donaufestival ist der Gedanke der Hoffnung in einem künstlerischen, anarchischen Sinn interessant, ebenso in einem politischen und sozialen: Welche Formen von Hoffnung lassen sich kollektivieren und sind nicht vom Schicksal oder der Fähigkeit Einzelner abhängig? Wenn man von enttäuschten Hoffnungen spricht oder Effekten der Desillusionierung gegen ein Moment der Selbsttäuschung, muss man diese auch als gesellschaftlich produziert betrachten. Verena Steiner-Hofbauer, Sie haben vorher die Konjunktur von ADHS angesprochen; schon vorher gab es eine Konjunktur der Depression. Warum? Produziert die Gesellschaft tatsächlich mehr Depressionen als vor 50 Jahren? Oder fragen sich Menschen jetzt: Etwas stimmt in meinem Leben nicht – was ist das? Und haben mit der Depression dann einen Namen dafür? Wenn ich was hoffen darf, um es so altmodisch nach Kant zu formulieren, wie komme ich dazu? Welche gesellschaftlichen Parameter machen einen Hoffnungsspielraum auf – oder limitieren ihn? Die Hoffnungen im Iran sind anders gelagert als die in den USA, die einem – wie auch immer verbeulten und verzerrten – american dream anhängen.


ask – art & science krems: Frau Steiner-Hofbauer, Sie befassen sich mit Menschen an der Schwelle zum Erwachsenwerden und leiten ein Forschungszentrum für Transitionspsychiatrie. Ist es heute schwieriger, erwachsen zu werden als vor 50 Jahren?

Steiner-Hofbauer: Die Phase war immer kritisch, aber vielleicht hat man früher nicht so hingeschaut. Noch in meiner Kindheit nahm man Emotionen von Kindern nicht so ernst wie heute, da hat sich die Bereitschaft geändert. Zudem haben Eltern heute andere Ressourcen als in den 1950er-Jahren, die von Existenzsorgen und Kriegstraumata geprägt waren. Wobei noch immer viele Kinder unter suboptimalen Bedingungen aufwachsen. Der Wunsch nach einem Zentrum für Transitionspsychiatrie hatte auch einen praktischen Grund, etwa wegen der Zuständigkeit und Betreuung. Patient*innen im Transitionsalter haben zusätzlich zu den gesundheitlichen Herausforderungen die Herausforderung des Erwachsenwerdens zu meistern. Darauf kann weder ganz bei Betreuung für die Kinder noch ganz bei der für die Erwachsenen optimal eingegangen werden.  Wir definieren das Alter der Transition von 15 bis 25, manchmal bis 27 oder 30 Jahren. Man studiert länger, ist ökonomisch abhängig von den Eltern. Kinder definieren sich in Relation zu Eltern, aber irgendwann können sie selbst entscheiden, wer sie sind. Das ist ein Prozess, der nie endet. Wenn jemand 16 Jahre alt ist und eine Lehre abgeschlossen hat, mag er oder sie zunächst fertig sein, aber es kommen neue Transitionen, etwa mit der Elternschaft oder dann in der Pension. In der Psychiatrie sollen Patientinnen und Patienten das Gefühl haben, dass es Entwicklungen gibt: Es kann sein, dass sie nicht gesund werden, es kann ihnen aber besser gehen. In der Depression ist die Hoffnungslosigkeit ein zentrales Problem.

Verena Steiner-Hofbauer erläutert „Das (anm. Transition) ist ein Prozess, der nie endet. Wenn jemand 16 Jahre alt ist und eine Lehre abgeschlossen hat, mag er oder sie zunächst fertig sein, aber es kommen neue Transitionen, etwa mit der Elternschaft oder dann in der Pension. In der Psychiatrie sollen Patientinnen und Patienten das Gefühl haben, dass es Entwicklungen gibt: Es kann sein, dass sie nicht gesund werden, es kann ihnen aber besser gehen. In der Depression ist die Hoffnungslosigkeit ein zentrales Problem.“

ask – art & science krems: Ernst Bloch schreibt in „Das Prinzip Hoffnung“: „Es kommt darauf an, das Hoffen zu lernen. Seine Arbeit entsagt nicht, sie ist ins Gelingen verliebt statt ins Scheitern.“ Wie können Menschen das Hoffen lernen?

Edlinger: Aus künstlerischer Perspektive ist das Einfinden in Lähmung und Unveränderbarkeit keine Option. Wenn künstlerisch Kaputtheit dargestellt wird, ist es nicht dessen Wiederholung, sondern eine Darstellungsform, die den Vorschein auf was Anderes zeigen kann. Wenn Hoffnung ein Gegengift zu Fatalismus ist, kann man das unterstützen. Wenngleich es auch falsche, rückwärtsgewandte Hoffnungen gibt, die bewusst gestreut werden im Wissen, dass sie keine Chance auf Realisierung haben. Wenn die Gruppe „Return To The Land“ in Arkansas einen Ort ausschließlich für Weiße errichten will, will sie die Welt im Sinn der White Supremacy wieder so ordnen, wie sie nie hätte sein sollen. Die Philosophin Eva von Redecker prägt in ihrem Buch „Dieser Drang nach Härte“ den Begriff des „Phantombesitzes“: etwas Verlorengegangenes wird reklamiert, etwa die vermeintlich richtige Geschlechterordnung oder rassistische Vorstellungen. Eine andere Dimension ist, dass Hoffnung sich in die Zukunft richtet. Dabei waren, wie Ernst Bloch schreibt, Versprechen schon in der Vergangenheit da, wurden aber nicht eingelöst. Sie entsteht aus der in ihrer Potenzialität nicht ausgeschöpften Vergangenheit. Auch die „Universal Hope“ in der Arbeit von Anton Kats gab es einmal, aber das Schiff hat seine Bestimmung nicht erreicht. Genauso gab es einmal andere Vorstellungen im Iran, ebenso Frauenrechte in den USA. Insofern müssen wir nicht alles neu erfinden.

ask – art & science krems: Frau Steiner, was meinen Sie mit Blick auf die Psychiatrie: Kann man Hoffnung lernen?

Steiner-Hofbauer: Es gibt Ansätze dazu, aber man muss differenzieren: Wer klinisch erkrankt ist an einer Depression, dem kann ich nicht sagen: Denk‘ abends an drei Dinge, die heute positiv waren. In der positiven Psychologie funktionieren solche Dinge aber, ebenso wie das Beschränken von negativen Dingen wie Doomscrolling, das Schaffen von Freiräumen. Das muss man lernen.  Positive soziale Kontakte können dazu beitragen, Hoffnung neu zu erarbeiten. Aber wenn man klinisch depressiv ist, reicht das nicht aus. Denn das sind kognitive Übungen, wo wir mit bewusstem Geist die Aufmerksamkeit auf etwas Besseres richten. Bei Depressionen braucht es zunächst vor allem professionelle Unterstützung. Es gibt keinen Trick, der einen wieder rausholt.

ask – art & science krems: Wie wichtig sind kollektive Erfahrungen, wie sie etwa in Konzerten oder Performances entstehen, für das Empfinden von Hoffnung?

Steiner-Hofbauer: Ganz wichtig. Wenn Leute gemeinschaftlich was tun, etwa Demos organisieren, entsteht das Gefühl, dass sie nicht allein sind. Und Gemeinschaft kann etwas ermöglichen – wie beim Fall der Berliner Mauer. Menschen haben in der gesamten Entwicklungsgeschichte immer in Gruppen gelebt. Wir brauchen Gemeinschaft, um gesund und glücklich zu sein.

Edlinger: Bei einem Festival teilen Leute Erlebnisse und Erfahrungen, die dadurch andere werden. Das spiegelt sich schon auf Mikroebene: Es entsteht Gesprächsstoff, etwas, das Menschen verbindet – das kann auch die Ablehnung sein. Menschen organisieren sich, fahren gemeinsam zum Festival, einigen sich darauf, was sie sehen wollen. Das sind unterbelichtete Formen von Kommunikation, die in der Rezeption von Kulturveranstaltungen oft unter den Tisch fallen. Menschen sind soziale Tiere. Kunst ist nicht fertig in dem Moment, wo sie auf der Bühne ist, sondern geht weiter in den Köpfen derer, die sich damit beschäftigen.

„Im Dialog“ mit den beiden ask-Autorinnen Astrid Kuffner und Nina Schedlmayer sowie den Gesprächspartner*innen Thomas Edlinger und Verena Steiner-Hofbauer fand diesmal im museumkrems statt.

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Thomas Edlinger ist seit 2017 künstlerischer Leiter des Donaufestivals, das jedes Jahr in Krems stattfindet, diesmal unter dem Motto „Mad Hope“. Zudem arbeitet er als Kulturjournalist, Autor und Radiomacher (FM4, Ö1). Zu seinen Publikationen zählen „Der wunde Punkt. Vom Unbehagen an der Kritik“ (2015) und „In Anführungszeichen. Glanz und Elend der Political Correctness“ (2012, gemeinsam mit Matthias Dusini).

 

Verena Steiner-Hofbauer leitet seit Februar 2024 das Forschungszentrum Transitionspsychiatrie an der Karl Landsteiner Universität. Sie erforscht am Universitätsklinikum Tulln gesellschaftliche, psychologische, biologische und soziale Aspekte der mentalen Gesundheit junger Menschen und leitet mehrere Forschungsprojekte, die sowohl klinische als auch nicht-klinische Aspekte des Erwachsenwerdens behandeln.

 

„Im Dialog“ ist ein Diskussionsformat von ask – art & science krems, bei dem sich Vertreter*innen aus Wissenschaft und Kunst aktuellen Themen aus unterschiedlichen Perspektiven annähern und mit dem Publikum ins Gespräch kommen.

 

© Barbara Elser
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