Ein Festival erdauert sich

Mit Kontinuität und Konsequenz hat sich das Festival Literatur & Wein einen exzellenten Ruf in der Branche erarbeitet. Wenn Weltstars nach Krems und Göttweig kommen, so tun sie dies auch wegen der Atmosphäre und der Entschleunigung.
By

Literatur, meinte der Schriftsteller Klaus Merz einmal, müsse man sich „erdauern“. Eine schöne Worterfindung, die ziemlich gut zum Festival Literatur & Wein passt – kein Wunder, dass Michael Stiller es im Gespräch mit ask – art & science krems zitiert. Er leitet das Unabhängige Literaturhaus NÖ und damit auch Literatur & Wein (Untertitel: das Internationale Kulturenfestival), das dieses Jahr von 16. bis 19. April zum 26. Mal stattfindet, im Literaturhaus selbst, in der Artothek Krems sowie im Stift Göttweig.

Unschlagbare Mischung

1999 erstmals auf Schloss Gobelsburg abgehalten, ist Literatur & Wein längst im Stift Göttweig verankert und zieht Jahr für Jahr ein großes und treues Publikum an; 1400 verkaufte Karten sind im Literaturbetrieb – Lesungen sind häufig gratis zu besuchen – eine kleine Sensation. Die unschlagbare Mischung aus Literatur und Wein ist ein Magnet für Gäste aus ganz Österreich. „Es reisen Gruppen aus Oberösterreich, Tirol und Vorarlberg an, die sich individuell einmieten und die ganze Zeit über hier bleiben“, erzählt Stiller. „Das sehe ich als Wertschätzung gegenüber dem Festival und dem Programm.“

1400 verkaufte Karten sind im Literaturbetrieb – Lesungen sind häufig gratis zu besuchen – eine kleine Sensation. Die unschlagbare Mischung aus Literatur und Wein ist ein Magnet für Gäste aus ganz Österreich.

Und das ist äußerst attraktiv; teilweise wartet es mit internationalen Berühmtheiten auf: Lily Brett, Alex Capus, Bora Ćosić, Ulrike Draesner, Nino Haratischwili, Dzevad Karahasan, Sibylle Lewitscharoff, Francesca Melandri, Saša Stanišić und Juli Zeh gastierten hier bereits. Dieses Jahr liest Shelly Kupferberg, deren Roman „Isidor. Ein jüdisches Leben“ als Bühnenfassung am Wiener Akademietheater gerade euphorische Reaktionen erntete, ebenso wie Booker-Prize-Gewinner David Szalay. Letzteren hatte Stiller bereits vor der Bekanntgabe seiner Ehrung eingeladen.

Exzellenter Ruf in der Branche

Dass derartige Kaliber nach Krems und Göttweig reisen, um vor Publikum zu lesen: Das fällt freilich nicht vom Himmel. Das „Erdauern“ zeigt sich eben auch im Durchhaltevermögen. „Wir sind ein kleiner gemeinnütziger Verein und leben von unserem Ruf in der Branche“, meint Michael Stiller. „Die besten Werbeträger sind die Autoren und Autorinnen, die nach ihrem Aufenthalt hier davon erzählen.“ Ihnen bietet das Festival eine angenehme Erfahrung – umso bemerkenswerter, als ein kleines Team das Event schupft und dabei viele Aufgaben bewältigt, dessen sich Publikum und Eingeladene oft kaum bewusst sind: Termine müssen abgestimmt, Programmhefte verfasst, entworfen und gedruckt, das Ticketing organisiert werden, ebenso die An- und Abreisen für Künstlerinnen und Künstler, Übernachtungen und Abholungen, die Kooperation mit den Winzerinnen und Winzern, mit dem Stift Göttweig, mit der Buchhandlung Thalia, die Büchertische zur Verfügung stellt – und vieles mehr.

Mund-zu-Mundpropaganda kompensiert das fehlende Marketingbudget, mittlerweile kommen auch Social Media ins Spiel. Dieses Jahr werden zwei junge Buchbloggerinnen vor Ort sein. Entwicklungen, die Stiller begrüßt: „Das Festival wandelt sich mit der Gesellschaft.“ Ein weiterer Indikator dafür ist die Tatsache, dass man, vor zehn Jahren kaum vorstellbar, heuer auch alkoholfreien Wein aufwartet. „Wenn ein Festival starr wird, dann stirbt es“, ist Stiller überzeugt. Nach jeder Ausgabe gibt es eine Nachbesprechung mit der Frage, was im nächsten Jahr anders werden könnte. Bisweilen entstehen neue Formate: Dieses Jahr beispielsweise setzt sich ein Schriftsteller, Stefan Kutzenberger, mit dem Austragungsort, dem Stift Göttweig, und dessen kulturellen Schätzen auseinander.

Wein, Wachau, Entschleunigung

Auch bei den Weinverkostungen setzt das Festival Highlights, im „Weinalphabet“ etwa erfahren die Gäste mehr über bestimmte Rebsorten; dieses Jahr stehen Winzerinnen im Fokus. Die Weinverkostungen scheinen übrigens für ein ausgeglicheneres Geschlechterverhältnis zu sorgen: Ist das Publikum bei Lesungen und Literaturfestivals üblicherweise zu größeren Teilen weiblich, so dürfte der Wein-Schwerpunkt auch so manchem Ehemann den letzten Schubs geben, hierher zu kommen. In der Wachau bietet sich der Fokus auf dessen wichtigsten Exportschlager freilich an. „Diese Kulturlandschaft ist ein Bonus, dessen man sich bewusst sein muss“, so Stiller. „Da kann ich etwas draufsetzen, das nicht urban ist, sondern Entschleunigung bietet.“ Das „Erdauern“ kann eben auch für Literaturfestivals gelten.

„Diese Kulturlandschaft ist ein Bonus, dessen man sich bewusst sein muss“, sagt Festivalleiter Michael Stiller. Wenn Weltstars der Literatur und ein begeistertes Publikum nach Krems und Göttweig kommen, so tun sie dies auch wegen der Atmosphäre und der Entschleunigung.

Artikel teilen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Kleine Maschinen und klassische Musik

Kleine Maschinen und klassische Musik

Die Chemikerin Yolanda Salinas Soler entwickelt funktionale Nanomaterialien, um gesellschaftliche…
Ghost Work als Schreckgespenst & Chance

Ghost Work als Schreckgespenst & Chance

Andreas Ihl forscht an der Universität für Weiterbildung Krems zur…
Die Schönheit der Vergänglichkeit

Die Schönheit der Vergänglichkeit

Die Koto-Spielerin und Sängerin Karin Nakagawa gastiert beim Festival Imago…

Tags

Das Festival Literatur & Wein findet von 16. bis 19. April in Krems und Göttweig statt

Es lesen: Bettina Balàka, Xaver Bayer, Marcel Beyer, Birgit Birnbacher, Lizzie Doron, Ralph Dutli, Dorothee Elmiger, Antonio Fian, Milena Michiko Flašar, Norbert Gstrein, Jan Koneffke, Shelly Kupferberg, Stefan Kutzenberger, Myroslav Laiuk Doron Rabinovici, Angelika Rainer, Tamara Štajner, Leeanne Quinn, Michael Stavarič, Heinrich Steinfest, David Szalay und Nenad Veličković.

Musikalische Begleitung: Ernst Molden & Hannes Wirth, Sigrid Horn und das Nest sowie Sinfonia de Carnaval

Programm und Tickets finden Sie hier.

Gratis-Abo
ONLINE-MAGAZIN PER MAIL

Art and Science Krems 2 mal im Monat