Die Magie von Musik und Performances entfaltet sich, wenn Vorhang oder Taktstock sich heben. Auch Olga Kolokytha kennt und schätzt diesen Zauber: „Als Forscherin interessiere ich mich jedoch für die Bedingungen, die bestimmen, wie Kultur entsteht und erlebt wird, und wie sie verschiedene Bereiche unseres Lebens beeinflusst“, sagt die Senior Scientist an der Universität für Weiterbildung Krems. Mit ihrer Forschung in Kulturbetriebslehre möchte sie nützliche Erkenntnisse für die Praxis entwickeln: „Ich interessiere mich für Kulturpolitik, Kulturdiplomatie, war selbst Projektleiterin für Opernprojekte und möchte herausarbeiten, wie der Musiksektor auch in Krisen arbeiten kann.“ Davon gab es im vergangenen Jahrzehnt ja einige: von Covid und Krieg bis zu Klimaverwerfungen. Das aktuelle Projekt „Composing Change“, finanziert vom Land Niederösterreich, zielt darauf ab, Orchester im heutigen Europa als kulturelle Institutionen neu zu positionieren und dabei ihre Bedeutung als Träger der Kompetenzförderung, als Leuchttürme europäischer Werte, als Instrumente der Kulturdiplomatie und Stützen in Krisenzeiten sowie als Werkzeuge der regionalen Entwicklung hervorzuheben. Partner im Projekt ist dabei das European Union Youth Orchestra (EUYO).

Geeint in Vielfalt
Die 120 Mitglieder des hervorragenden Jugendorchesters, ein Sprungbrett für junge Professionist*innen, werden jährlich neu zusammengesetzt. Bei den europaweiten Auditions im Spätherbst spielen mehr als 2500 Kandidat*innen aus allen 27 EU-Mitgliedsstaaten vor. 2023 verlegte das Ensemble seinen Hauptsitz nach Grafenegg, wo es probt, spielt und zu den Einsätzen im Rahmen europäischer Projekte reist. Das operative Orchesterbüro befindet sich in den Räumlichkeiten der Universität für Weiterbildung Krems, wo das Orchester immer wieder auch probt. Das aktuelle Programm „Towards 2030“ ist inspiriert von der Agenda 2030 der Vereinten Nationen für nachhaltige Entwicklung.

Im zweiten Jahr der Laufzeit des Forschungsprojekts „Composing Change. Orchestral Impact in European Societies“ (bis 2/2028) verfeinert und ergänzt das Team am Zentrum für Angewandte Musikforschung des Departments für Kunst- und Kulturwissenschaften die Forschungsfragen, erstellt die Leitfäden für die vertieften qualitativen Interviews mit dem EUYO-Personal sowie Fragebögen für die quantitative Befragung von anderen Orchestern und ihren Betreuungsteams. Basis dafür sind von externen Expert*innen verfasste Reports zum Stand der Forschung in den Projekt-Themen: Entwicklung von professionellen Skills, Kulturdiplomatie, Regionale Kulturpolitik, Europäische Werte, Musiker*innen und Mental Health sowie Gender & Intersektionalität.

Das EUYO ist eine interessante Institution, um Musik zu machen und sich zu vernetzen. Hier fließen jedes Jahr aufs Neue Visionen und Grundwerte zusammen, hier trifft Reisefreiheit auf Logistik, Umweltschutzbemühungen auf internationale Engagements, Exzellenz auf Pragmatismus und Vielfalt auf ein geeintes Auftreten. Olga Kolokytharechnet damit, in Gesprächen mit dem langjährigen Betreuungsteam mehr darüber zu erfahren, wie das funktioniert, welche Werte das Handeln prägen und welche Rollen in Gegenwart und Zukunft eingenommen werden können. Das Forschungsteam will Good Practice identifizieren zu nächsten Schritten, Möglichkeiten und Handelnden: „Wir interessieren uns dafür, wie Orchester europäische Werte mit Leben erfüllen, welchen Einfluss sie auf europäische Gesellschaften haben können und wie der soziale und finanzielle Impact auf Communities aussehen kann“, so die Projektleiterin.
Kultureller Impact bis in den letzten Winkel
Wie können Orchester in kulturelle Diplomatie einbezogen werden? Wie können sie von der lokalen bis zur internationalen Ebene Wirkung zeigen? Wie einer Region guttun – nicht nur in den Tourismus, sondern auch in die Musikerziehung hineinwirken? Nicht nur in Hauptstädten aktiv werden, sondern auch in entlegenen Regionen. „Es ist mir wichtig, Musik dorthin zu bringen, wo sie nicht leicht hinkommt“, sagt Kolokytha. Sie selbst ist auf Kreta aufgewachsen, als Insel weder abgelegen, noch klein, noch kulturlos. Dennoch hörte sie das erste Orchesterkonzert live erst als Erwachsene. Auch ungelöste Problemlagen sind Thema der Befragungen, wie etwa genderbasierte Instrumentenwahl oder Karriereaussichten. „Wir sind die Ersten, die das so umfassend untersuchen mit einem breiten Horizont, der sich nicht in der Ästhetik erschöpft, sondern verschiedene soziale Elemente einbezieht. Wir sind also sehr froh über die Forschungsförderung des Landes.“

Kultur wurde schon immer für Diplomatie genutzt und „wir erarbeiten, wie Orchester hier mitwirken und Verhältnisse beeinflussen können“. Olga Kolokytha hütet sich davor, eine konkrete Vision für die Rolle von Orchestern in der EU-Diplomatie zu entwickeln: „Wir arbeiten nicht mit ‚wishful thinking‘. Wir beantworten Fragen mit Fakten, die wir sammeln. Unsere Forschung wird interessante Dinge aufdecken und die Ergebnisse des Projekts werden an vielen Stellen und für viele verschiedene Institutionen interessant sein – von Bildung und Forschung bis Kulturvereinen und Behörden von lokal bis national.“
Astrid Kuffner


