Dass Bilder von Robert Rauschenberg, irgendwie in ein Boot gepresst, durch die Kanäle von Venedig schippern, nur von einer zarten Folie bedeckt: Das wäre heute unvorstellbar. Jede*r Kurator*in, jede*r Restaurator*in würde schärfsten Protest einlegen. Doch 1964 war ein solch improvisierter Transport für die Werke eines der ganz Großen im Kanon der Kunstgeschichte offenbar völlig in Ordnung. Zugegeben: Damals erreichten die Preise für seine Werke noch keine schwindelnden Höhen.
Notlösung auf Wasser
Freilich handelte es sich auch damals um eine Notlösung. Denn in diesem Jahr gewann Robert Rauschenberg den Preis für Malerei auf der Biennale Venedig. Der Haken daran war nur: Seine Werke waren größtenteils im venezianischen US-Konsulat zu sehen, im amerikanischen Pavillon hing nur ein einziges davon. Um ihn ausreichend auf der Biennale repräsentiert zu sehen, verschiffte man kurzum drei der Bilder vom Konsulat in die Giardini.


Eines davon hängt heute in der Kunsthalle Krems, in der Ausstellung „Robert Rauschenberg. Image and Gesture“. Es heißt „Tree Frog“, besteht aus unterschiedlichen Siebdrucken und gestischer Malerei, und seine Entstehungszeit sieht man ihm ein wenig an. Wie so oft arbeitete Rauschenberg auch hier mit Bildern aus der Raumfahrt, in den USA damals gerade ein wichtiges Thema. Dazu arrangierte er Fotosiebdrucke von einem Weißkopfseeadler sowie von der Freiheitsstatue, einmal hochkant, einmal kopfüber. An manchen Stellen fehlt die Farbe. Verblasst der „American Dream“ hier etwa? Und ist dies als Kritik an der damaligen US-Politik – Vietnam, Kalter Krieg, Wettrüsten – zu lesen? So weit würde Florian Steininger in seiner Interpretation nicht gehen. Der Leiter der Kunsthalle Krems, der die Ausstellung kuratiert hat, sieht darin vielmehr „Ikonen der US-amerikanischen Identität“ verarbeitet.
Erste Werkschau in Österreich
Angesichts der Bedeutung von Robert Rauschenberg (1925-2008) erstaunt es ein wenig, aber die Schau in der Kunsthalle Krems ist seine erste groß angelegte Werkschau in Österreich. Schließlich zählt er zu den einflussreichsten US-Künstler*innen sowie den wichtigsten Wegbereitern von Pop Art und Konzeptkunst.
!["Bear Grass", (Robert Rauschenberg 1999)
[Anagram (A Pun)]
Copyright: ourtesy Galerie Thaddaeus Ropac, London · Paris · Salzburg · Milan · Seoul
© The Robert Rauschenberg Foundation / Bildrecht, Wien 2026](https://www.art-science-krems.at/wp-content/uploads/2026/05/Robert-Rauschenberg-Bear-Grass-Anagram-A-Pun-1999-636x1024.jpg)

In der Ausstellung, die einen Fokus auf den malerischen Gestus legt, zeigt sich, warum: Als erster vereinte Rauschenberg die Darstellung der Medienwelt mit expressiver Malerei. Maschinenobjekte wie jenes, bei dem das Publikum fünf transparente Scheiben mit Siebdrucken per Staubsaugermotoren zum Rotieren bringen kann, lassen an Gegenwartskünstler*innen wie Ulrike Königshofer denken. Die Globalisierung der Kunst kündigt sich in Robert Rauschenbergs „ROCI“-Serie an, für die er unterschiedlichste Weltgegenden, bevorzugt solche an den „unruhigsten Orten der Welt“ (Rauschenberg) von China über Chile bis zur damaligen Sowjetunion, besuchte. Und sogar die tägliche digitale Bilderflut scheint sich in seinen Werken seit den Sixties anzukündigen.
„Verschwommene Fensterscheiben“
Florian Steininger, einen ausgewiesenen Experten der US-amerikanischen Malerei, überraschte in der Auseinandersetzung mit Robert Rauschenberg vor allem dessen Spätwerk. „Es ist extrem farbintensiv“, sagt er. „Es hat etwas Delikates, ist weniger schroff als frühere Arbeiten.“ Und er zieht einen plastischen Vergleich: An „verschwommene Fensterscheiben“ erinnerten ihn diese Arbeiten. In ihnen verarbeitete Rauschenberg, was ihm begegnete, das Alltägliche: In „Random Want (Scenario)“ etwa treffen Zahnpastatuben auf ein Taxi an einer Autowaschstation und eine offenbar obdachlose Person mit einem Berg Plastiksackerln. Steininger: „Man kann an diesem Bild die Entstehungszeit gut ablesen, aufgrund der Produkte und Automarken. Es ist wie ein Kaleidoskop, eine Bilderflut, die er auf der Bildfläche speichert.“

Das passt zu dem, was Robert Rauschenberg einst selbst sagte: „Ich will nicht, dass meine Persönlichkeit im Bild deutlich wird. Deswegen habe ich auch immer den Fernseher laufen. Und die Fenster offen. Ich will, dass meine Bilder das Leben widerspiegeln, und das Leben kann nicht aufgehalten werden.“ Auch in einer in Rauschenbergs Studio entstandenen Doku – ein Ausschnitt läuft in der Ausstellung – flimmert im Hintergrund ein Fernseher, während der Künstler mit riesigen Fotodrucken hantiert, die er mit Ausschnitten aus Pantone-Fächern beklebt und auf der Rückseite abreibt, um sie auf andere Bildträger zu transferieren.
Rauschenberg gelang es, die Bilder seiner Zeit einzufangen, zu ordnen und festzuhalten. Die Malerei half ihm dabei.
Nina Schedlmayer


