Sandalen sind eindeutig das falsche Schuhwerk, um sich das Mahnmal Friedenskreuz St. Lorenz zu erschließen. Von der „Wachauer Nase“ der Künstlergruppe Gelitin bei der Fähre nach Spitz, links auf die Bundesstraße abgebogen, geht es ein paar Meter weiter gleich wieder nach rechts, den Berg hinauf, dem Pfeil „Einstieg Welterbesteig“ folgend. Der Weg durch den Wald ist nicht weit. Steine und Baumwurzeln erfordern freilich Trittsicherheit und adäquates Schuhwerk. Aus der Ferne ertönen die lautstarken Begeisterungsrufe eines englischsprachigen Guides von einem Schiff auf der Donau. Hat man den Aussichtspunkt erreicht, so öffnet sich ein tolles Panorama auf die Kirche von Weißenkirchen am anderen Donauufer. Bizarre Steinformationen ducken sich im Wald. Was für eine Idylle!

Verehrung durch Neonazis
Doch die wunderschöne Landschaft kann nicht hinwegtäuschen, dass hier in den 1960er-Jahren ein Symbol zur NS-Verherrlichung entstand. Damals wurde hier ein sogenanntes „Friedenskreuz“ errichtet, zum Gedenken an Gefallene der „Kampfgruppe Jockisch“, die zur deutschen Wehrmacht gehörte. Diese brannte am Balkan ganze Dörfer nieder, ermordete Zivilisten und erschoss Geiseln, wie die Historiker Robert Streibel und Gregor Kremser erforschten. Auf dem Kreuz hängt heute noch die „Gedächtnisaufzeichnung“ eines einstigen Mitglieds der Gruppe, das sich für dessen Errichtung einsetzte, damals auch befürwortet vom Bürgermeister des nahen Rührsdorf – bei der Eröffnung waren Kameradschaftsbund und Musikkapelle zugegen. Noch 2004 wurde das Kreuz ergänzt, durch einen Wehrmachtshelm und einen Lorbeerkranz, wahrscheinlich von lokalen Neonazigruppen.

Munition, Wehrmachtshelme, Sauerstoffmasken
Dass derlei nicht so stehen bleiben kann, erscheint offensichtlich. So schrieben die Marktgemeinde Rossatz-Arnsdorf und die Abteilung Kunst im öffentlichen Raum Niederösterreich einen Wettbewerb für die Neugestaltung des Ortes aus, den der Künstler Martin Krenn gewann. Gemeinsam mit Rahm Architekten errichtete er 2016 ein Mahnmal: eine 3 mal 4 Meter große Tafel aus Metallgewebe, die das Kreuz verdeckt, aber nicht zum Verschwinden bringt. Darauf bildete er eine Collage des Dada-Künstlers John Heartfield ab, deren Original 1933 für die Arbeiter Illustrierte Zeitung entstanden war. Auf dem Bild gießt ein Miniaturhitler mit überdimensionalem Kopf einen Eichenbaum, auf dem monumentale Eicheln in Form von Munition, Wehrmachtshelmen und Sauerstoffmasken hängen. „Deutsche Eicheln 1933“ steht im unteren rechten Eck, in Frakturschrift. Fünf Collagen von Schüler*innen der HLM HLW Krems ergänzen die Arbeit von Martin Krenn.


Das Mahnmal zeigt eine Collage von John Heartfield, die 1933 entstand.
Fünf Collagen von Schüler*innen der HLM HLW Krems ergänzen die Arbeit von Martin Krenn.
Gelungene Erinnerungskultur
Für sein Werk bezog sich Krenn, wie er in einem Interview mit Radio Dispositiv erzählte, auf die Elemente des Kreuzes. „Mit welchen Symbolen arbeitet es? Mit Eichenlaub, das in die Marmorplatte graviert ist, dann gibt es den Wehrmachtshelm, der später noch verdoppelt wurde.“ Und warum stehe es an diesem Ort? „Weil er eine Idylle ist.“ Derartige Idyllen wurden im Nationalsozialismus vereinnahmt, ebenso das Symbol der Eiche – die hier in der Landschaft übrigens häufig vorkommt.
Krenns Arbeit steckt voller Anspielungen und ist ein gutes Beispiel für gelungene Erinnerungskultur. Sie erregt genug Aufsehen, um die zahlreichen Wanderinnen und Wanderer zum Nachdenken zu bringen. Wenn diese sich wieder der pittoresken Umgebung zuwenden, dann im Bewusstsein für deren Instrumentalisierung im Nationalsozialismus.
Nina Schedlmayer


