Die Künstlerin Inge Dick lässt ihre Hand über einem ihrer scheinbar völlig abstrakten Bilder schweben. „Da waren Wolken, und hier wurde es neblig“, erläutert sie. In diesen vertikalen Streifen in unterschiedlichen Blautönen sollen sich Wolken und Nebel zeigen? Ausgangspunkt für die Arbeit, die in der Ausstellung „Inge Dick. Vom Licht berührt“ in der Landesgalerie Niederösterreich hängt, war eine dreitägige Digitalfilm-Aufnahme am Hohen Sonnblick. Dabei richtete die Künstlerin das Objektiv in den Himmel. Und so stellt das Werk pures Licht dar, unter dem Einfluss des Wetters.

Erster großer Überblick
1941 geboren, lebt Inge Dick seit den 1980er-Jahren am Mondsee. Ihr Oeuvre entwickelte die Frau mit akkurat geschnittenem Pagenkopf und feinem Lächeln über die Jahrzehnte in einer Konsequenz, die selten ist. Erstmals präsentiert nun die Landesgalerie Niederösterreich einen großen Überblick über ihr Gesamtwerk, kuratiert von deren künstlerischen Leiterin Gerda Ridler, die mit ihrem bemerkenswerten Programm zahlreiche weibliche Positionen neu aufarbeitet.
Wer Inge Dicks Arbeiten ein wenig kennt, mag sich am Anfang der Ausstellung etwas wundern. Sparsame und skizzenhafte Zeichnungen hängen hier, luftig und mit vielen ausgesparten Stellen, in denen Dick in den Sixties den Wiener Naschmarkt dokumentierte. In der Bundeshauptstadt lebte sie damals mit einem Architekten, mit dem sie zwei Kinder hat. Wenn sie mit diesen unterwegs war, zeichnete sie manchmal, gewissermaßen den Stift in der einen, den Kinderwagen in der anderen Hand. Dass Inge Dick zumeist mit völlig anderen Dingen beschäftigt war als mit Kunstproduktion, das verbindet diese Arbeiten mit ihren späteren. Als die Künstlerin ihren zweiten Mann kennenlernte, übersiedelte sie zu ihm an den Mondsee und war auf dessen Bauernhof tätig. Gerda Ridler schrieb: „Dieser Mangel an ‚Zeit für sich allein‘ zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Leben.“ Darauf angesprochen, sagt die Künstlerin im Interview mit ask – art & science krems: „Ich musste ganz konzentriert sein und das, was mir am wichtigsten war, weitertreiben.“
Als junge Frau studierte Inge Dick Grafik an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien – und trat damit in die Fußstapfen ihrer Mutter, die Kinderbücher illustrierte, Plakate entwarf und Bilder auf Holzteller malte. Geboren in Wien, wuchs Dick später in Tirol auf, in Seefeld: In der Nachkriegszeit startete die Gegend touristisch durch, Dicks Mutter hatte zahlreiche Aufträge. „Ich schaute ihr zu und dachte, das möchte ich auch einmal machen.“

Mittags-Licht-Wand
Doch zunächst malte Inge Dick: monochrome Bilder, für die sie mit kleine Rechtecke nebeneinander auf die Leinwand spachtelte und dabei verschiedene Weißtöne durchspielte. Beim Versuch, ihre Arbeiten im Atelier zu fotografieren, wurden ihr die verschiedenen Lichtstimmungen bewusst. 1985 fotografierte sie einen Tag lang eine weiß gekalkte Bretterwand auf Schloss Buchberg im Waldviertel. Der Verlauf eines Schattens, der diagonal über die Wand fiel, fand in einem Raster von Fotografien seinen Niederschlag. Hier zeigten sich schon die vier zentralen künstlerischen Prinzipien, wie Gerda Ridler sie im Katalog zur Ausstellung definierte: „Zeit und Wahrnehmung, Serialität, geometrische Ordnung und Raster sowie Feinsinn und Präzision.“
Ihre „Mittags-Licht-Wand“ entstand nach einem ähnlichen Prinzip: immer dieselbe Wand im Wiener Palais Liechtenstein, immer mit derselben Kameraeinstellung fotografiert, in einem Abstand von 20 Minuten. Indem Inge Dick die objektiven Aufzeichnungen einer Kamera präsentierte, führte sie die menschliche Wahrnehmung vor Augen. Denn die unterschiedlichen Lichtverhältnisse schaffen Bilder in verschiedenen Graustufen.

Internationale Bestätigung
Zwar war Inge Dick in den 1980er-Jahren mit ihren Gemälden erfolgreich. Die später entstandenen Fotoarbeiten stießen mancherorts dagegen auf wenig Verständnis. Kristian Sotriffer, damals Kunstkritiker der „Presse“, riet ihr sogar zum Berufswechsel. Und verhinderte mit seiner Aussage, dass Inge Dick in der Galerie im Griechenbeisl ausstellen konnte. Offenbar war diese Art der Fotokunst zu modern für das Wien der 1980er-Jahre, ungeachtet der Tatsache, dass bereits in der Zwischenkriegszeit Künstler wie der Bauhausprofessor László Moholy-Nagy abstrakte Fotografien schufen. Dass Inge Dick 2018 in einer Ausstellung über genau dieses Thema in der Tate Modern ausstellen sollte und damit an einem der wichtigsten Orte für zeitgenössische Kunst, ist eine späte internationale Bestätigung ihrer Arbeit. Künstlerinnen späterer Generationen wie Ulrike Königshofer gewinnen heute der gegenstandslosen Fotografie neue Facetten ab.
99 an einem Tag
Als Inge Dick an den Mondsee zog, erlebte sie das Licht noch intensiver. Eine Fotografie in der Ausstellung zeigt eine riesige Kamera am Ufer des Mondsees, das Objektiv in den Himmel gerichtet, dahinter die berühmte Drachenwand. So experimentierte sie weiter. Mit der Polaroidkamera machte sie Aufnahmen von einer weißen Fläche, immer dann, wenn ein Lichtmesser eine Veränderung des Lichts feststellte: 99 Fotos an einem Tag. In drei Reihen hängen diese unterschiedlich blauen Bilder an einer Wand, Entwicklerflüssigkeit hat sich malerisch an den Rändern abgesetzt. „Für mich ist das Malerei – eine wunderbare tiefe Fläche, in die man versinken kann“, so die Künstlerin.

Besonders eindrücklich und poetisch erscheinen auch jene Querformate, die bis zu drei Meter lang sind. Drei Tage lang nahm Inge Dick mit der Digitalkamera eine weiße Fläche im Atelier auf – um dann einzelne Farbtöne in einem Streifenraster chronologisch aneinander zu reihen. Jede Jahreszeit hat sich in einem dieser langen Bilder manifestiert. Sie entwickeln einen unwiderstehlichen Sog, den man sich nach Möglichkeit nicht entgehen lassen sollte.
Nina Schedlmayer

