Mit geschlossenen Augen, in sich gekehrt: So steht Júlia Kozáková in ihrem mit Blumen übersäten Einteiler vor dem Mikrophon. Langsam, getragen singt sie mit samtiger Stimme zum Spiel einer Violine. Das soll Musik der Roma sein, fragt man sich noch, so beschaulich? Doch legt das Ensemble schon richtig los: Der Song wird flotter und rhythmischer, ein Xylophon setzt ein, Júlia Kozáková beginnt zu tanzen.

Mitteleuropäische Roma-Musik
Das Lied mit dem Titel „Nane Oda Lavutaris“ stammt von ihrem Album „Manuša II“. Es schließt an ein erstes an, für das sich Kozáková 2022 auf die Suche nach Roma-Musik aus Mitteleuropa, besonders aus ihrem Heimatland Slowakei begab, damals noch Studentin der Ethnomusikologie und Anthropologie an der SOAS University in London. Auf dem ersten Manuša-Album versammelte sie Beispiele dafür, und gewann prompt den renommierten Radio Head Award in der Kategorie Weltmusik. „Manuša“ bedeutet übrigens, durchaus sinnträchtig, „Mensch“ auf Romanes.

Demnächst gastiert Júlia Kozáková beim Festival Glatt&Verkehrt in Krems, es ist ihr Österreich-Debüt, und sie wird es mit Géza Jónás (Hackbrett), Zsolt Várady (Gitarre), Viliam Didiás (Violine), Vojtech „Bélu“ Botos (Viola) und Ján Rigó (Kontrabass) bestreiten.
Junge Liebe
Die Liebe der Sängerin zu den Liedern der Roma begann früh: Als 13-Jährige absolvierte sie einen Workshop bei der Sängerin Ida Kelarová. „Das war intensiv und dauerte sechs Tage. Da wir nur wenige Teilnehmer waren, hatten wir die Möglichkeit, uns besser kennenzulernen, und ich war völlig fasziniert von der Roma-Musik und der Arbeit von Ida, die mir eine neue Welt eröffnete“, erinnerte sie sich in einem Interview mit der Zeitung SME.* „Ida erkannte wohl Begabung oder Offenheit in mir.“ Daraufhin lud die Sängerin das junge Talent zu ihrer Sommerschule ein. An der Musik der Roma beeindruckten sie damals „die emotionalen Gegensätze“, die sie als „doppelt so intensiv“ empfand wie die Lieder der slowakischen Folklore. „Sie zog mich völlig in ihren Bann und verzauberte mich mit ihrer Farbenpracht, die sie in mein Leben brachte.“

Negative Reaktionen
Aufgewachsen in Bratislava, widmete sich Júlia Kozáková während ihrer Schulzeit ganz dem Singen und wurde Teil von Kelarovás Chor Čhavorenge. Mit ihren Kolleg*innen trat sie in Konzerthäusern in Tschechien und der Slowakei auf. Später absolvierte sie nicht nur die Londoner SOAS University, sondern studierte auch Flamencogesang in Sevilla sowie Jazz an der Janáček-Akademie in Brünn. Derzeit absolviert sie das Masterstudium Contemporary Music Performance am Berklee College of Music in Valencia.

Mit ihrem ersten Soloauftritt stellte sie sich die Frage, ob es ihr überhaupt zustünde, als „Gadjé“, also als Nicht-Roma, diese Musik zu machen. „In diesem Moment kamen Zweifel und ein seltsames Gefühl“, schilderte sie ihre Reaktion auf die Anfrage eines Violonisten, mit ihm ein Festival zu bestreiten. „Mir war bewusst, wie fragil das Ganze ist und wie Roma-Musik oft auf oberflächliche Weise missbraucht wird.“ Bis heute erreichen sie deswegen negative Reaktionen aus dem Internet. „Es gibt einen gewissen Prozentsatz an Menschen, denen meine Art zu singen nicht gefällt oder die es ärgert, dass ich das überhaupt mache.“ Anfänglich warf sie das aus der Bahn, doch heute hat sie einen Umgang damit gefunden, auch aufgrund der enormen Unterstützung durch die Roma-Community, wie sie der Zeitschrift „Dennik N“ erzählte.
Auf in die Charts!
Schon als Teenager setzte Júlia Kozáková sich intensiv mit dem Leben und Alltag ihrer Roma-Chorkolleg*innen auseinander, indem sie eine Zeit lang zu ihren Freund*innen zog. Sogar rassistische Übergriffe erlebte sie mit. Später begann sie, sich mit dem Theaterprojekt „Dramatický medzipriestor“ zu engagieren, bei dem junge Roma und Romnja mitspielten und das sogar in der Nationaloper aufgeführt wurde.

Erst vor kurzem landete Júlia Kozáková einen neuerlichen Erfolg, als ihr Album „Manuša II“ in den World Music Charts Europe landete. Das verschaffte ihr weitere internationale Popularität. Den Erfolg von Manuša II erklärte sie sich damit, dass es Menschen erreichte, die Romamusik sonst nicht kennen, zumal das Album unterschiedliche musikalische Einflüsse aufweise. So schlägt sie eine mehrheitsfähige Brücke zu einer Kultur, die reich ist an Tradition, doch in Europa nach wie vor unterbewertet, gar diskriminiert.
Obwohl sie damit wichtige gesellschaftliche Aufklärungsarbeit leistet, so betont sie auch: „Die wichtigste Message des Albums ist Freude.“ Wer ihre Lieder hört, vielleicht bei Glatt&Verkehrt, kann sich davon überzeugen.
*Anmerkung: Diese und alle folgenden Übersetzungen vom Slowakischen ins Deutsche wurden per DeepL.com vorgenommen.
Nina Schedlmayer


