Was macht einen guten Platz aus? Über dieser Frage brütete das Künstlerpaar Iris Andraschek und Hubert Lobnig, als es an einem Wettbewerb zur Gestaltung des Campus der Universität für Weiterbildung Krems, damals noch Donau-Universität, teilnahm. So dachten die beiden an italienische Piazze und orientalische Marktplätze. Und irgendwann ging ihnen das Bild eines Teppichhändlers nicht mehr aus dem Kopf.
„Lebensbaum und Kalaschnikow“
Heute, mehr als zwei Jahrzehnte später, erscheint das Ergebnis ihres damaligen Nachdenkprozesses so frisch wie eh und je. 2001 installierten sie 21 Mosaik-Teppiche unter dem Titel „Life between Buildings – Lebensbaum und Kalaschnikow“, umgesetzt von der Stelle Kunst im öffentlichen Raum der niederösterreichischen Kulturabteilung. Quer über den Campus verteilt, überlagern sie einander, rutschen unter Türen und Gebäude, wie zufällig hingestreut.
Dafür ließen sich Iris Andraschek und Hubert Lobnig inspirieren von Vorbildern aus verschiedenen Ländern, darunter die Türkei, Mongolei, Afghanistan, China und Tibet. „Auch an der Universität treffen einander viele Nationalitäten“, meint Iris Andraschek heute im Gespräch mit ask – art & science krems. „Imaginäre kommunikative Orte“ haben die beiden damit geschaffen, sagten sie einmal. Dass diese tatsächlich funktionieren, zeigt sich besonders bei wärmeren Temperaturen. Einmal schickte ein Universitätsangehöriger Iris Andraschek und Hubert Lobnig ein Foto von einem jungen Mann, der es sich – die Schuhe ausgezogen – auf einem Teppich mit einem Buch gemütlich gemacht hat. Immer wieder relaxen Gäste, Studierende und Mitarbeiter*innen der Uni darauf.

1,2 Millionen Steinchen
Insgesamt 1,2 Millionen Mosaiksteinchen im Format 12 mal 12 Millimeter, klassische Bisazzafliesen, ließen Iris Andraschek und Hubert Lobnig hier verbauen – in einem aufwändigen Prozess, der jedoch in relativ kurzer Zeit abgewickelt sein musste, wie sich Andraschek erinnert. Die Herstellung verbinde, schrieb die Kuratorin Brigitte Huck, „eine klassische Technik, das Mosaik, mit der Pixelwelt der Rechner, die symbolischen Kompositionen frühchristlich-ravennatischer Mosaikdenkmäler mit orientalischen und fernöstlichen Kulturen“. So stehen die Teppiche auch für eine Weltoffenheit, die nicht nur Räume, sondern auch Zeitalter durchquert und die universalistischen Denkweisen einer Universität reflektiert: so vielfältig die Zugänge zur Wissenschaft, so vielfältig die Gestaltungsweisen dieser Teppiche.
Teppiche, sagt Iris Andraschek, seien „konzentriertes Kulturgut, codierte Sprache“ und erzählten viel über eine Kultur selbst. „Man kann die Teppichsprache lesen, wenn man sich auskennt.“ Ihre farbenfrohen Muster bestehen aus Zacken, Quadraten, Netzlinien, Rauten, Kamelen, Hubschraubern, Bäumen, Autos, Häusern, Menschen, Pflanzenranken – und das ist nur ein ganz kleiner Auszug. An manchen Stellen haben Iris Andraschek und Hubert Lobnig Anspielungen an Fakultäten oder Orte eingewoben, etwa eine DNA-Kette, die an die Biomedizin erinnert.

Strahlkraft auf Beton
Dass die Teppiche nicht streng orthogonal liegen, sondern ein bisschen verzogen sind, als wären sie gerade ausgerollt worden: Das lässt sie illusionistisch erscheinen, fast wie ein Trompe-l’œil. Einmal, erinnert sich Iris Andraschek, habe sie jemand aus dem vierten Stock gesehen und für reale Teppiche gehalten.
Bis heute haben die Mosaike ihre farbige Strahlkraft erhalten. Besonders an düsteren Tagen heben sie sich erfrischend von dem grauen Betonboden ab. Wer sie besichtigt, kann gleich in der unmittelbaren Umgebung übrigens weitere Kunstwerke anschauen, darunter Ramesch Dahas 06.04.1945, und die hervorragende Ausstellung von Iris Andraschek in der Landesgalerie Niederösterreich. Eine weitere Arbeit im öffentlichen Raum in Krems sind ihre Bodeninstallationen, in denen sie an die jüdischen Kremserinnen erinnert.
„Frei sein können Menschen nur in Bezug aufeinander, also nur im Bereich des Politischen“: dieser Satz scheint in einer der Zeichnungen in der Landesgalerie auf. Im metaphorischen Sinn trifft er auch auf „Life between Buildings – Lebensbaum und Kalaschnikow“ zu.



