Karin Nakagawa braucht nur ein paar Saiten auf ihrer Koto zum Klingen zu bringen, schon nimmt sie einen mit ihrem Spiel gefangen: Die Komponistin und Sängerin hat sich seit ihrer Kindheit zu einer absoluten Meisterin des japanischen Saiteninstruments entwickelt. Wenn die kosmopolitische Künstlerin, die aktuell in Deutschland lebt, am 29. März im Klangraum Krems Minoritenkirche beim Festival Imago Dei auftritt, kann man sich davon ein (Hör-)Bild machen.
Eine Besonderheit der Koto ist, dass verschiebbare Brücken die Saiten halten. Um die Koto zu stimmen, muss die Musikerin diese also arrangieren. Wie sie prompt demonstriert, bei einem Besuch von ask – art & science krems in ihrem Studio – sie ist aktuell Gast bei AIR – Artist in Residence Niederösterreich. Dabei performt sie auch ihr Lied „Utsuroi“, welches sie gemeinsam mit Paolino Della Porta und Hans Tutzer auf dem Album „Tamayura“ veröffentlicht hat. Inspiriert ist diese Komposition unter anderem von der japanischen Gagaku-Musik und einem buddhistischen Gedicht aus dem zehnten und elften Jahrhundert mit dem Titel „Iroha-uta“, das sich um die Schönheit in der Vergänglichkeit dreht.
Von ihrer Kunst kann man sich einen – zugegeben nur allerersten – Eindruck auf ihrer Website verschaffen, etwa anhand einer Aufnahme von einer Performance mit ihren Kolleg*innen Anders Jormin, Jon Fält und Lena Willemark (letztere gastierte im Vorjahr ebenfalls bei Imago Dei). Während letztere mit einer Art Sprechgesang beginnt, nähert sich die Koto wie auf leisen Pfoten; dann beginnen Karin Nakagawas Finger zu laufen, springen wild umher, sie schlägt mit der flachen Hand auf das Instrument, zupft, drückt, ihre Hände fliegen.

Einsamer Wolf
Schon im Alter von drei Jahren spielte Karin Nakagawa, Tochter einer Komponistin und eines Jazzmusikers, Klavier. „Doch mit 12 Jahren wollte ich nicht mehr“, erinnert sie sich im Gespräch. Ihre Mutter akzeptierte zu ihrer Überraschung die Entscheidung. Doch ihre Eltern stellten sie dann der bekannten Koto-Meisterin und Komponistin Keiko Nosaka vor. Als diese ihr anbot, auf ihrem Instrument zu spielen, war Karin Nakagawa davon fasziniert. Wobei es sich damals um eine ziemlich außergewöhnliche Koto handelte: Denn zuvor hatten diese Instrumente üblicherweise 13 Saiten oder 17 Saiten; Nosaka war die mutige Erfinderin der 25-saitigen Version der Koto. Da das Instrument so neu war und noch kaum Stücke dafür existierten, begann Karin Nakagawa bereits als Teenager dafür zu komponieren. „Du wirst ein einsamer Wolf sein und deinen eigenen Weg gehen müssen“, prophezeite ihr einst ihre Lehrerin. Jedenfalls solle sie, riet sie ihr, ihre asiatische Identität bewahren.
Dass Karin Nakagawa dies beherzigt, zeigt sich gerade in ihren zahlreichen Kollaborationen mit europäischen Musiker*innen, in denen spannende Verbindungen gelingen. Etwa im Zusammenspiel mit dem Südtiroler Gitarristen Jean-Daniel Granruaz, in dem sich auf durchaus witzige Art japanische Einflüsse mit Jodeln kreuzen, wo die Stile manchmal abrupt wechseln, manchmal nahtlos ineinander übergehen.

Saiten, zum Vibrieren gebracht
In der japanischen Kultur gibt es den Begriff „Kinsen“, der für Karin Nakagawa bedeutsam ist. Er beschreibt einen Moment, in dem eine Erfahrung, ein Wort, eine Geschichte, ein Lied oder auch nur ein einzelner Ton das Herz eines Menschen auf kraftvolle Weise berührt. Er ist, wie vieles, für Europäer*innen nicht einfach zu erklären. Doch sie versucht es trotzdem: „Jeder trägt etwas tief in sich, einen stillen und dunklen Ort“, sagt sie, die Augen geschlossen, wie um sich stark zu konzentrieren. „Dort gibt es eine sehr feine Saite, dünn wie ein Spinnenfaden. Man kann sie zum Vibrieren bringen, aber das ist ziemlich schwierig.“ Um Dinge wie diese einem europäischen Publikum begreiflich zu machen, unterstützt sie ihr Partner und künstlerischer Direktor Manfred Bernard, der auch bei dem Gespräch mit ask – art & science krems anwesend ist. Er sieht sich als jemand, „der Raum schafft und kommuniziert“. Durchaus hilfreich: allfällige Missverständnisse kann er schnell aus dem Weg räumen.

Hass und Genuss
Als einen Wendepunkt in ihrer Kunst nennt Karin Nakagawa das Jahr 2009. Damals reiste sie per Zug drei Monate durch Europa. Allerdings klapperte sie keine Konzertsäle ab, sondern setzte sich als Straßenmusikerin dem direkten Kontakt mit Passant*innen aus. Wahrscheinlich könnte sie tagelang Geschichten darüber erzählen. Etwa, wie einmal jemand sich stundenlang neben sie setzte und weinte. Oder sie ein anderer, angezogen von ihrer Koto, am Weg anhielt und sie um einen sofortigen Privat-Gig auf der Straße bat. Wie andere Musiker*innen sie entweder vertrieben – oder mit ihr eine Jamsession starteten. Wobei die Formulierung „Entweder – oder“ Karin Nakagawas Denken wohl widerstrebt. Dualismen – hier der Westen, dort der Osten, hier schwarz, dort weiß – lehnt sie ab. „Ich bin alles: Hass, Eifersucht, Freude, Genuss“, sagt sie. „Es ist schon ein Wunder, dass wir überhaupt hier sind. Dafür sollen wir dankbar sein. Wenn wir voll Wut sind, müssen wir uns wieder an diesen Punkt zurück besinnen.“ Das japanische Wort für danke lautet „arigatō“. Man sollte es öfter denken und aussprechen. Nicht nur das kann man von dieser charismatischen Musikerin, die aus dem Inneren strahlt, lernen.
Nina Schedlmayer


