Art & Science Krems

Würdiges Gedenken

Künstlerin Ramesch Daha gestaltete die Mauer der Justizanstalt Stein. Diese erinnert an die Opfer eines NS-Massakers.
Inschrift Gefängnismauer Justizanstalt Stein

Wer auf Google Maps die Kunsthalle Krems sucht, dem sticht eines sofort ins Auge: Sie ist regelrecht eingeklemmt in einen großen Gebäudekomplex. Das ist die Justizanstalt Stein. Diese wiederum umgeben wissenschaftliche Einrichtungen: Die Universität für Weiterbildung Krems sowie die Karl Landsteiner Privatuniversität.

Die sieben Meter hohe Gefängnismauer mit Ramesch Dahas monumentalen Inschriften.

Monumentale blaue Inschriften

Nun mag der Tipp, ein Gefängnis von außen zu besichtigen, ein wenig ungewöhnlich wirken. Doch im Fall der Justizanstalt Stein liegt er nahe. Biegt man von der Kunstmeile in die Anibas-Promenade, einen kleinen asphaltierten Weg ein, so stößt man nach einem Stück Fußweg auf eine überraschende Entdeckung: Die sieben Meter hohe Wand zur Linken trägt monumentale blaue Inschriften. Es sind überdimensionale Registerauszüge, auf denen Daten und Namen notiert sind, in altmodischer Schrift. Die Gestaltung zieht sich um die Ecke, auf einer Seite führen Bahngleise vorbei. Was ist das für eine Bilderserie?

Imposant und berührend zugleich: Das Denkmal mit dem Titel 06.04.1945 erinnert an das Massaker zu Kriegsende in der Justizanstalt Stein.

Flucht, Migration, Diktatur

Das Werk mit dem Titel 06.04.1945 entstand 2018 und stammt von der Künstlerin Ramesch Daha, die heute Präsidentin der Wiener Secession ist. Die Umsetzung entstand als Kooperation der Karl Landsteiner Privatuniversität und der Abteilung Kunst und Kultur / Kunst im öffentlichen Raum Niederösterreich, unterstützt von der Justizanstalt Stein. Damals wurde ein Wettbewerb zur Gestaltung der Mauer ausgeschrieben, ohne inhaltliche Vorgaben. Ramesch Daha, die 1971 auf die Welt kam und als Kind aus Teheran nach Österreich emigrierte, interessiert sich seit langem für Themen wie Flucht, Migration und Diktatur. Ihre Arbeit dreht sich um eines der sogenannten „Endzeitmassaker“ im Frühjahr 1945. Jenes in Krems war besonders schlimm. Nachdem im April 1945 der damalige Gefängnisdirektor 1800 Häftlinge freigelassen hatte, ermordeten SA, SS und Wehrmacht mindestens 386 Menschen – eine Zahl, die dem Kremser Historiker Robert Streibel zufolge zu niedrig geschätzt ist.

Die überdimensionalen Registerauszüge wurden 2018 in einer ausgefeilten Technik an die Wand gemalt.

Schwer zu lesen

Ramesch Daha, die mit Streibel zusammenarbeitete, übertrug die Registerauszüge mit Namen von Häftlingen der Jahre 1944 und 1945, in einer ausgefeilten Technik auf die Wände. Lange arbeitete sie mit einem Team an der umfangreichen Arbeit. Die Reaktionen der Passant*innen waren unterschiedlich. „Ich hatte regelrechte Fans, die mich angefeuert haben. Andere, die vorbeigingen, sagten, wie hässlich die Wand sei. Es gab auch faschistische Aussagen“, erzählte Ramesch Daha im sehr empfehlenswerten Podcast der Kunstmeile Krems.

Nur mühsam lassen sich die Namen entziffern; manche von ihnen sind mehrfach durchgestrichen – Menschen, die entlassen worden waren. Was wurde wohl aus Fritz Seifert, eingeliefert am 16.2.1945? Was aus Johannes Lichtblau, der wenige Tage später in die Anstalt kam? Nicht alle Namen sind lesbar, was durchaus im Sinn der Künstlerin ist. Von vielen Häftlingen weiß man nicht, ob sie überlebten oder nicht, wo ihre Leichen sind. Die Täter verscharrten manche in Massengräbern, andere warfen sie in die Donau.

In Erinnerung an die tragischen Ereignisse im April 1945 und deren Opfer breitet sich das Denkmal über eine Länge von rund 100 Meter aus.

Bruch mit der Denkmalstradition

Ramesch Daha schuf ein ebenso imposantes wie berührendes Denkmal, das an ein grausames Verbrechen erinnert. Das beeindruckt umso mehr, als sie damals das erste Mal im öffentlichen Raum arbeitete. „Inhaltlich bzw. funktional steht 06.04.1945 in der Tradition des klassischen Mahnmals, mit dem tragischer Ereignisse und deren Opfer gedacht wird“, schreibt die Kuratorin und Kunstwissenschaftlerin Cornelia Offergeld in einem Begleitheft. „Formal bricht die Arbeit mit der Tradition, dem damit verbundenen Pathos und dessen formalen Hierarchien.“ Schreitet man an der rund 100 Meter langen Wand entlang, so scheint einem das Kunstwerk immer näher zu rücken – nicht unbedingt räumlich, aber emotional.

Würdiges Gedenken

Das 2021 erschienene Buch Dunkelblum von Eva Menasse spielt auf das Massaker von Rechnitz an, wie jenes in Krems ein sogenanntes „Endzeitmassaker“. Bei einer Lesung sagte die Schriftstellerin, dass sie erst bei der Recherche für das Buch erkannt habe, wie viele Rechnitz‘ es in Österreich gebe. Die Justizanstalt Krems ist eines davon. Ramesch Daha hat ein würdiges Gedenken an die Opfer geschaffen.

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Eine Antwort

  1. Ich war
    Früher oft bei den Gedenkfeiern mit, und den Gedenkfeiern im Anschluss für die ermordeten Griechen, Denkmal vis a vis Eingang Strafanstalt. Im Anschluss an das Massaker fand auch eine sogenannte „Hasen Jagd“ die nach drei Tagen in Hadersdorf am Kamp mit der Ermordung von weiteren ca. 60 Menschen. In wie weit ist das bekannt? Dieser Opfern zu gedenken war sehr schwierig. (Von der Umgebung nicht gewünscht!) – Aktion mit der Beschriftung der Mauern find ich toll!

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/Universitätspromenade
Zugang über Steiner Landstraße 4 oder
Dr.-Karl-Dorrek-Straße 30
3500 Krems

Fotos: Lisa Rastl, Vincent Entekhabi
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