Forschung nah am Leben

Das Smartphone ist zum Alltagsbegleiter geworden mit Apps für Unterhaltung, Kommunikation und Organisation. Auch die Forschung nutzt zunehmend tragbare Devices, Wearables und Smartphones, um Daten – das Einverständnis vorausgesetzt – unmittelbar zu erheben. Stefan Stieger, Methodiker an der Karl Landsteiner Privatuniversität über das Einmaleins moderner Feldforschung, Statistik und motivierende Selbstbeobachtung.
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Der Goldstandard in der Psychologie ist immer noch das Experiment im Labor, betont Stefan Stieger. Er leitet seit 2018 den Fachbereich Psychologische Methodenlehre an der Karl Landsteiner Privatuniversität. Wer einen ursächlichen Zusammenhang (Kausalität) belegen will, braucht kontrollierte Bedingungen, eine Interventions- und eine Kontrollgruppe, am besten keine störenden Einflüsse und standardisierte Methoden. Dennoch muss, was im Labor gefunden wird, nicht unbedingt auf unser Alltagsleben zutreffen. Als Beispiel nennt Stieger das „White Coat Syndrome“. Wenn der Blutdruck Zuhause gemessen wird, sind die Werte in Ordnung. Wenn Menschen im Krankenhaus oder in der Ordination eine Manschette angelegt bekommen, steigen sie an. Eine ungewohnte Umgebung, Anspannung und Nervosität funken in die Physiologie hinein. Auch das Faultier trägt seinen Namen zu Unrecht, wurde das verschlafene Verhalten doch im Zoo beschrieben, wo die Nahrung frei Haus geliefert wird. Als man die Tiere in ihrer natürlichen Umgebung beobachtete und Gehirnströme gemessen wurden, zeigte sich ein ganz anderes Bild.

Stefan Stieger, Leiter des Fachbereichs Psychologische Methodenlehre an der Karl Landsteiner Privatuniversität.

Die Grenzen der Methodik zu kennen, ist in der Forschung wichtig. Wer näher an die „freie Wildbahn“, an alltägliches Verhalten und flüchtige Affekte kommen möchte, reduziert den Einfluss der Beobachtung. Traditionell bekamen Proband*innen in der klinischen und psychologischen Feldforschung gedruckte Tagebücher mit nach Hause und nahmen an Vorher/Nachher-Befragungen teil. Stefan Stieger macht sich keine Illusionen darüber, dass viele Personen die Vordrucke en bloc vor der Abgabe ausfüllten, statt kontinuierlich. Bei rückblickenden (Querschnitts-)Befragungen liegt ein Problem darin, dass Erinnerungen fehleranfällig sein können. Stefan Stieger: „Manche Dinge können nur an der Wahrnehmungsschwelle, also in der Situation selbst sinnvoll gemessen werden. Wer Träume nicht gleich notiert, hat sie binnen Minuten vergessen. Wenn wir nach zwei Wochen fragen, wie die Schlafqualität der vergangenen 14 Tage war, bekommen wir nur grobe Schätzungen der tatsächlichen Schlafqualität, die noch dazu Veränderungen über die Zeit nicht widerspiegelt.“

Die Digitalisierung und die Miniaturisierung von Sensoren haben der Psychoinformatik in den vergangenen zehn Jahren Schub gegeben. Sogenannte Wearables, tragbare Geräte, wie Smartphones oder einfache Sensoren mit Display am Handgelenk, rücken die Feldforschung näher an den Menschen, tiefer in seinen Alltag und die Messergebnisse im Längsschnitt möglicherweise näher an die Wahrheit. Im Haus wurde für diese Zwecke die frei verfügbare Software ESMira samt App programmiert, und der Methodiker freut sich, dass diese viel genutzt wird von Italien über Kanada bis nach Brasilien und der Ukraine. Über die jeweilige Webseite zur Rekrutierung der Probanden und Probandinnen wird aufgeklärt und die Zustimmung zur Teilnahme an der Studie (informed consent) eingeholt. Ist die App einmal installiert, läuft sie autark, schickt Erinnerungen und kann auch Rückmeldungen geben, was viele im Sinne der Selbstbeobachtung interessiert. Wearables am Handgelenk erhöhen den Rücklauf, aber die Komplexität der Fragestellungen ist eingeschränkt. Das Smartphone bietet komplexere Möglichkeiten, erfordert aber mehr Handgriffe. Live-Feedback motiviert viele Leute, das weiß Stefan Stieger aus der Kommentarfunktion.

ESMira Plattform bietet die Möglichkeit, Daten in Echtzeit zu sammeln

Typische Themen gibt es nicht. Es geht immer um folgende zwei Fragen: „Was muss ich im Längsschnitt, also zu verschiedenen Zeiten, Intervallen oder jeweils in der Situation messen, weil es schnell vergessen wird?“ und „Wie kann ich das benutzer*innenfreundlich messen?“ Auch Wearables sind nicht per se objektiv: „Wir stellen einfache situative Fragen und prüfen Hypothesen. Rückmeldung und Messung müssen einfach gehalten werden. Wir können z.B. abfragen, wie oft Symptome auftreten oder über den Tag verteilt sind.“ Experience Sampling wurde an der Karl Landsteiner Privatuniversität etwa zum Thema Lachen im Alltag durchgeführt. Wie gut fühlen wir uns dabei? Wie lang hält das an? So etwas kann man nicht Wochen später im Querschnitt erfragen. Stefan Stieger lässt gerne klassische Querschnittsbefragungen und längsschnittliche Befragungen parallel laufen, um Abweichungen bzw. Stärken und Schwächen der Studiendesigns herauszuarbeiten: „Wir wollen wissen, was sich bewährt und wo. Digital und längsschnittlich ist nicht immer besser und notwendig.“

Smartwatch als Wearable, welches wenn gewünscht, laufend Daten aufzeichen kann.

Die Methodenlehre kennt als Maßstäbe die interne und die externe Validität. Interne Validität beschreibt, ob ich messe, was ich messen möchte und wie gut damit festgestellt werden kann, dass die Intervention für den Effekt verantwortlich ist. Externe Validität beschreibt, wie gut die Mess-Ergebnisse generalisierbar sind zum Beispiel auf andere Situationen im Alltag. Man kann im Normalfall nicht beides gleichzeitig optimieren. Mehrmals Werte zu erheben und Re-Tests in kurzen Intervallen zu machen, bietet sich beim TikTok-Schauen in Endlosschleife an. Andere Prozesse, etwa Heimweh, strecken sich über einen längeren Zeitraum mit Peak am Beginn und langsamem Abfall. Minütlich zu messen bringt hier keinen Erkenntnisgewinn, nur einen Datenhaufen. Die Datenstruktur wird mit Wearables jedenfalls aufwändiger, jedoch steckt in diesen Daten sehr viel an Information nicht nur über die Phänomene selber, sondern auch über deren Dynamik über die Zeit.

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