Gerti Pishtari ist überzeugt, dass intelligent eingesetzte Künstliche Intelligenz (KI) Lehrpersonen nicht ersetzen, sondern ermächtigen wird. Der Senior Researcher am Zentrum für Digitalisierung im lebensbegleitenden Lernen der Universität für Weiterbildung Krems setzt sich dafür ein, dass die Technologie in den kommenden zehn Jahren dazu beitragen kann, die eigene Lehrpraxis zu verbessern. Etwa indem sie als unermüdliches und serviceorientiertes Gegenüber individuell Feedback gibt: auf Inhalte einer geplanten Einheit mit den gewählten Aufgaben und Lernzielen. Im EU-finanzierten Horizon Projekt TAICo (Teacher-AI Complementarity) erforscht seit Februar 2025 ein europaweites Konsortium, wie Lehrende mit KI-Tools eine echte Partnerschaft eingehen können.

Hypes und Hopes
Seit den 1980er-Jahren wurde bisher noch bei jeder technologischen Neuerung behauptet, „dass sie Lernen und Unterrichten revolutionieren wird“. Der Hype um AI wird auch von unserer Gesellschaft getrieben, die auf Profit und Wachstum aufgebaut ist. KI-Anbieter blasen diese Perspektive auf, um mehr Interesse und Investments auf sich zu ziehen. Entwicklungen wie Chatbots auf Basis von large Language Models sind jedenfalls nicht per se auf die pädagogische Praxis ausgerichtet. Stattdessen versuchen aktuell alle Player im Bildungssystem vorhandene Tools wie z.B. Chat GPT im jeweiligen Entwicklungsstand sinnvoll und komplementär zum Unterricht einzusetzen. Der Forschungsfokus des IT-Forschers liegt also nicht auf einer mit Marketing mächtig aufgepumpten Technologie, sondern auf der Pädagogik. Nur mit einer sinnvollen Verankerung im Kontext Lehren, Lernprozesse anleiten und Unterrichten wird sichergestellt, dass vorhandene Tools menschliches Lernen unterstützen und nicht umgekehrt. Insgesamt hofft der Forscher, dass in den kommenden zehn Jahren ein projektbasierter Ansatz an den Universitäten Einzug hält. Dabei steht weniger die Vermittlung von Inhalten und Wissenswiedergabe im Mittelpunkt, sondern Skills und Kompetenzen, die die Gesellschaft braucht, und „real world problems“. Ein fragend-forschender Zugang statt Nachahmung, der Studierende zu Lernenden macht.

Weiter wie bisher?
Bis 2035 sind für Gerti Pishtari zwei Szenarien denkbar. In Szenario eins bestimmt weiterhin der Markt und nicht die Bildungsforschung. Die erfolgreichsten KI-Produkte werden von Einzelpersonen verwendet, aber es gibt keine institutionelle Steuerung. In diesem Szenario wird keine Kooperation mit wichtigen Stakeholdern aufgesetzt. Large Language Models haben nicht die Fähigkeit zu reflektieren und den Kontext zu erkennen und können daher Menschen im Lernprozess nicht ersetzen. Der Fokus auf die bekanntesten Modelle verhindert möglicherweise, dass andere Aspekte von KI entwickelt und in sie investiert wird.
Das zweite Szenario sieht neben der individuellen Nutzung von KI durch Lehrpersonen (bottom-up) zusätzlich eine Policy von Bildungseinrichtungen (top-down) vor. In diesen Vorgaben wird „die Nutzung von KI mit pädagogischer Bedeutung aufgeladen und festgelegt, welche Prozesse des Wissenserwerbs angehende Lehrer*innen in der praktischen Ausbildung durchlaufen müssen, um Lehrende zu werden“. Vorläufige Forschungsergebnisse zeigen nämlich, dass Chatbots häufig eingesetzt werden, um Aufgaben abzuladen und weniger darüber nachzudenken. Bestimmte eigenständige Denkprozesse und Erfahrungen brauchen angehende Lehrer*innen aber für ihre professionelle Entwicklung. Sie bekommen sie derzeit in der Lehrpraxis von erfahrenen Lehrenden vermittelt, die selbst jahrelang geübt haben.

Erforschen und erproben
In der ersten Phase des Projekts TAICo wird untersucht, wie die Kollaboration mit KI für Lehrinhalte genutzt und empfunden wird, wo die Limits der Chatbots liegen und was Herausforderungen und Möglichkeiten sind. Gerti Pishtari: „Wir kennen die Gründe, warum Chatbots benutzt werden, wie der Workflow aufgeteilt wird, was die Lehrenden brauchen und wo die Limits der Interaktion liegen.“ Mit diesem Wissen sollen bis 2026 Interfaces designt und bis 2028 pilothaft getestet werden: „Wir erforschen im Projekt explorativ die pädagogische Praxis, wollen aber auch mit Prototypen zeigen, was möglich ist: ein effizienteres Design für mehr Komplementarität in der Interaktion.“
Denkbar wäre eine Plattform, die den Kontext besser berücksichtigt, anhand der Lernziele und passend zu den erstellten Aufgaben Feedback gibt und Vorschläge macht. Sinnvolle Tools, die Lehrende unterstützen und ihre professionelle Entwicklung und das eigene Lernen fördern, können entwickelt werden. Aber es braucht die institutionelle Kraft, um den Schub in eine passende Richtung zu geben: für die individuelle Adaptierung und die bessere Nutzung der Tools. „Die Technologie wird bleiben und wird sich weiter weiterentwickeln. Es braucht die Gemeinschaft, um sie in Richtung eines positiven Impacts zu kanalisieren“, erklärt der Senior Research Fellow.
Astrid Kuffner


