ask – art & science krems: Frau Ridler, Frau Zauner-Dungl, in welcher Form mögen Sie Pflanzen am liebsten?
Andrea Zauner-Dungl: Ich liebe die Natur der Pflanzen, ob in einer Wiese, einem Blumenstrauß oder in Herbarien. Der Charme liegt für mich in ihren Farben, ihrem Geruch, aber auch ihren Effekten auf das Wohlbefinden und dem therapeutischen Potenzial.
Gerda Ridler: Ich unterschreibe das alles, bin aber gerade eingenommen von unserer Ausstellung „Flower Power“, die ich mit dem Botaniker Martin Pfosser kuratiert habe. Ursprünglich wollten wir eine Geschichte der Menschheit in 100 Pflanzen erzählen. Für die Schau haben wir uns letztlich auf 18 Speise-, Nutz-, und Zierpflanzen geeinigt, die die Menschheitsgeschichte beeinflusst haben.
ask – art & science krems: Wenn wir an Blumen in der Kunst denken, haben wir oft prachtvolle Blumen-Stillleben vor Augen. Doch es gibt auch unscheinbare Pflanzen, die verborgene Kräfte entfalten. Welche fällt Ihnen dazu ein?
Ridler: Die Kartoffelpflanze! Sie wurde bei uns zunächst schlecht angenommen, Maria Theresia musste 1740 einen Erlass zum Anbau ausgeben. In Irland war sie sehr verbreitet, bis Mitte des 19. Jahrhunderts die Kartoffelfäule um sich griff und eine Million Menschen verhungerten. Wegen dieser unscheinbaren Pflanze sind zwei Millionen Menschen ausgewandert.

ask – art & science krems: Die pflanzliche Schönheit hat auch eine gefährliche Seite. Wie äußert sich das in den Exponaten?
Ridler: Pflanzen haben im Lauf der Evolution Mechanismen entwickelt, um sich vor Fressfeinden zu schützen: Dornen, Stacheln oder giftige Inhaltsstoffe wie Alkaloide. Nachtschattengewächsen wie Kartoffel, Paprika oder Tomate wurden sie im Lauf der Zeit weggezüchtet. Die Tollkirsche ist wunderschön, aber ihr wissenschaftlicher Name Atropa belladonna sprechend. Atropos ist eine Schicksalsgöttin und Belladonna heißt sie wohl, weil geringe Dosen die Pupillen weiten – ein Schönheitsideal. Wir zeigen eine Fotoarbeit von Michaela Bruckmüller mit Herbstzeitlose, Maiglöckchen, Stechapfel und Tollkirsche, inspiriert vom Buch »Tod & Flora« von Helmut Eisendle, der beschreibt, wie sich Menschen gegen Peiniger und Unterdrücker mit Gift wehren.
ask – art & science krems: „Die Dosis macht das Gift“. Frau Zauner-Dungl, wie beschreiben Sie den Grat zwischen Heilung und Gefahr?
Zauner-Dungl: In der Heilkunde nutzen wir beispielsweise Salbei. Dosiert verwendet, wirkt er wohltuend bei einem entzündeten Hals, viel Salbeitee reizt aber die Magenschleimhäute. Je nach Sensibilität können die Nebenwirkungen unangenehm werden. Die vorhin angesprochene Kartoffel ist nur gekocht bekömmlich, roh ist sie giftig. Verschiedene medizinische Kulturen haben einen sorgsamen Umgang mit sogenannten Giftpflanzen gefunden, etwa indem Pflanzenteile geröstet werden, um die Toxizität zu reduzieren. Teilweise herrschen mythische Erwartungshaltungen gegenüber Pflanzen, die nicht zu halten sind. Man fällt bei einem Giftmord auch nicht immer gleich tot um. Ein Körper kann in kleinsten Dosen geschwächt werden, etwa durch Arsen.
Ridler: Wir zeigen in der Ausstellung einen Antidotakasten aus dem 19. Jahrhundert mit unterschiedlichen Gegengiften, der im Fall der Fälle eine gewisse Sicherheit bieten konnte, denn die Angst vor vorsätzlichen Vergiftungen war damals groß.

Zauner-Dungl: Große Damen und Herren haben sich schon zu Cleopatras Zeiten und in allen Weltregionen Vorkoster geleistet. Das Wissen, ab wann es toxisch wird, war lange wenigen Menschen vorbehalten, etwa Druiden, Heilern, Kräuterweiblein. Wir gehen gerne davon aus, dass ein Kraut gegen eine Sache wirkt. Das entspricht aber nicht der Realität. Wenn ich einen Tee gegen Halsweh möchte oder einen gegen Bauchbeschwerden, werden Kräuter gemischt, um die Nebenwirkungen einer Pflanze zu kompensieren und die positive Wirkung verschiedener Pflanzen zu kombinieren. Auch in der Blutdrucktherapie macht man das heute so: Mittel A wird bis zu der Dosis X gegeben. Wenn so das Ziel nicht erreicht werden kann, gebe ich Mittel B zusätzlich. Aus der Physiologie wissen wir, dass mit den fünf Substanzgruppen am Markt unterschiedliche Wirkmechanismen bedient werden. So wird auch versucht, die Nebenwirkungen zu reduzieren. Auch in der modernen Tumortherapie kommen eine Fülle von aus Pflanzen abgeleiteten Wirkstoffen zum Einsatz. In der Therapie besonders wichtig ist es, eine genaue Differenzierung des Tumors durchzuführen.
ask – art & science krems: Wie haben Pflanzen ihre Bedeutung im Lauf der Geschichte verändert?
Ridler: Die Tulpe wäre hier ein gutes Beispiel. Sie kam im 16. Jahrhundert aus dem Osmanischen Reich auch nach Österreich. Der Botaniker Clusius hat sie in Wien gezüchtet, erhielt einen Ruf an die Uni Leiden und nahm seine Tulpenzwiebeln mit, um sie weiter zu kultivieren. Er teilte sie nur mit adeligen Blumenfreunden und Wissenschaftlern. Das Exotisch-Exklusive hat natürlich Begierden hervorgerufen, also wurde in seinen Garten eingebrochen. Es brach eine Manie aus, an die tollsten Züchtungen zu kommen. Die Tulpe verursachte den ersten Börsencrash. Jan Brueghel der Jüngere hat eine Allegorie auf die Tulipomanie gemalt. Die teuerste und exklusivste Tulpe war die Semper Augustus, weiß mit roter Flammung. In barocken Stillleben werden Sie sie überall finden, obwohl es nachweislich nur 12 bis 14 Stück davon gab. Viel später wurde herausgefunden, dass das Erscheinungsbild auf eine Viruserkrankung zurückgeht, die zufällig auftritt. Die Stillleben sind immer ein enzyklopädisches Arrangement von Pflanzen, die gar nicht gleichzeitig blühen. Als Vorlage nutzten Maler und Malerinnen Herbarien und exotisch bepflanzte Gärten der Adeligen – Symbole für Macht und Status. Die Blumen stehen aber auch für die Vergänglichkeit. Die Tulpe ist ein Beispiel für den Wandel vom exquisiten Sammlerstück zum Massenprodukt.
Zauner-Dungl: Für mich ist sie ein gutes Beispiel dafür, dass Dinge aus der Ferne häufig einen hohen Status bekommen. Das hat oft Überproduktion und Ausbeutung zur Folge. Was bei uns wächst, gerät in Vergessenheit. Ein Beispiel sind für mich die Kohlgewächse, die wertvolle Bitterstoffe für unser Verdauungssystem enthalten. Der Kohl meiner Kindheit verschwand von den Tellern. Heute kehrt er langsam zurück.

ask – art & science krems: Wie, Frau Zauner-Dungl, gelingt der Sprung von der traditionellen Anwendung, der „Apotheke der Natur“, hin zu modernen Präparaten?
Zauner-Dungl: Heilpflanzen enthalten zumeist Wirkstoffgemische. In der Schulmedizin sind wir gewohnt, mit Reinsubstanzen zu arbeiten. Deshalb hat man Substanzen isoliert und weiterentwickelt. Das älteste Beispiel dafür ist Acetylsalicylsäure aus Weidenrinde. Wenn Sie übrigens heute in China junge Menschen fragen, ob sie traditionelle chinesische Medizin anwenden, sagen sie oft: „Wenn ich es mir leisten kann, nehme ich lieber eine Kopfschmerztablette – die wirkt schneller.“ Im Alter, wenn chronische Beschwerden zunehmen, findet oft eine Rückkehr zur TCM statt.
ask – art & science krems: Unser Format „Im Dialog“ interessiert sich für die Schnittmengen zwischen Disziplinen. Inwiefern kann die wissenschaftliche Erforschung von Pflanzen die künstlerische Darstellung beeinflussen – und umgekehrt?
Ridler: Wir haben in der Ausstellung eine Arbeit von Thomas Feuerstein, der an der Schnittstelle von Technik und Kunst arbeitet, sich mit Themen der Gegenwart befasst und mit Algen experimentiert. Wir zeigen in der Landesgalerie einen blubbernden Bioreaktor mit Grünalgen, die Glukose und Sauerstoff produzieren. Algen sind für das Leben auf der Erde unverzichtbar: Sie produzieren Sauerstoff und gelten in Hinblick auf Ernährung und Klimakrise als Hoffnungsträger.
Zauner-Dungl: Auch in der Komplementärmedizin sind Algen angekommen, zum Entgiften. Was den wechselseitigen Einfluss angeht: Für mich dokumentiert Kunst immer auch das menschliche Sein. Schon in alten Darstellungen wurden immer medizinische Techniken gezeigt und zugleich kritisch reflektiert. Kunst kann Menschen sensibilisieren und helfen, dem Werbedruck entgegenzuwirken, der uns einredet, wir bräuchten ständig neue Produkte und Reize. Werbung arbeitet mit schnellen Versprechen. Kunst kann uns helfen, innezuhalten und kritisch zu hinterfragen.

ask – art & science krems: Das Bode-Museum in Berlin zeigt gerade eine Ausstellung mit dem Titel „Das heilende Museum“. Kann auch Kunst eine therapeutische Wirkung?
Zauner-Dungl: Gesundheit beruht auf drei Säulen: Ernährung, Bewegung und mentaler Stärke. Gerade Letztere kommt oft zu kurz. Ich bin selbst kein besonders religiöser Mensch, aber früher gab es mehr Rituale – man ging in die Kirche, fand zur Ruhe, erlebte Gemeinschaft. Heute suchen wir das beim Spaziergang im Wald, im Museum, beim Hören von Musik oder beim Lesen. Kunst wirkt, aber auf sehr unterschiedliche Weise, abhängig von Lebensphase und Persönlichkeit.
Ridler: Ich könnte zwei Stunden über den Wert von Museumsbesuchen sprechen! Kunst erweitert den Horizont, sie schafft soziale Interaktion und gemeinsames Erleben.
ask – art & science krems: Wann hat Sie eine Pflanze zuletzt überrascht oder beeindruckt?
Zauner-Dungl: In meinem Hochbeet ist plötzlich ein riesiger Kürbis gewachsen, den ich nie angepflanzt habe. Wahrscheinlich hat sich ein Kern im Kompost über den Winter gehalten. Als ich nach zwei Wochen nach Hause kam, rankte er aus dem Beet. Ein schönes Zeichen für die Überlebensfähigkeit der Natur.
Ridler: Mich hat die Fotoarbeit von Anna Jermolaewa sehr beeindruckt, auf der neun Blumensträuße zu sehen sind, die friedliche Revolutionen symbolisieren wie z.B. die Nelkenrevolution. Blumen können also politische Symbole sein. Das Werk der gebürtigen Russin heißt „Die Vorletzte“. Sie wartet noch auf „die letzte Revolution“ in ihrer Heimat.

ask – art & science krems: Hat sich Ihr Blick auf Pflanzen durch Ihre Arbeit verändert?
Zauner-Dungl: Mein Blick ist sensibler geworden. Die Vielfalt der Natur schwindet. Doch sie braucht ihr eigenes Gleichgewicht, das nicht immer mit unseren Interessen kompatibel ist. Früher trat ich achtlos auf Insekten, heute trage ich sie hinaus.
Ridler: Wir wollen mit „Flower Power“ dazu anregen, bewusster auf die Natur zu achten. Kürzlich war die Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb bei uns zu Gast. Sie sagt, dass wir längst wissen, wie wir unseren ökologischen Fußabdruck verringern können. Zusätzlich braucht es unseren Handabdruck: Wir müssen aktiv werden, mit Politiker*innen reden, auch mal auf eine Demo gehen. Diesen Appell möchte ich weitergeben.
Astrid Kuffner, Nina Schedlmayer


