Wenn Edel- auf Magenstein trifft

Wie wirken verschiedene Materialien zusammen? Um dieser Frage verstärkt nachzugehen, baut das Institut für Realienkunde in Krems ein internationales Forschungsnetzwerk zum Thema Intermaterialität auf. Wie funktioniert das?
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Niederländisch, Kreuzigung Christi (Detail), kolorierte Druckgrafik (zugeschnitten), um 1460/80, Metropolitan Museum New York, 60.703.26. | © Metropolitan Museum New York, The Elisha Whittelsey Collection, The Elisha Whittelsey Fund, 1960, Public Domain. Fragments of a Crucifixion, with the Virgin Mary, ca. 1460–80 Netherlandish, Hand-colored woodcut cut in pieces and pasted onto on paper; sheet: 10 7/16 x 7 5/16 in. (26.5 x 18.6 cm) The Metropolitan Museum of Art, New York | © The Elisha Whittelsey Collection, The Elisha Whittelsey Fund, 1960 (60.703.26) http://www.metmuseum.org/Collections/search-the-collections/337949

Wer durch die Kunstkammer des Wiener Kunsthistorischen Museums wandelt, stößt auf bemerkenswerte Objekte: Dinge, die nur durch ihre Fassungen zu Eyecatchern werden. Zum Beispiel Kokosnüsse, Straußeneier oder Bezoare, also: die Magensteine der gleichnamigen Ziege. In Gold, Smaragd und Rubinen ruhend, erfahren sie eine immense Aufwertung.

Eine Frage der Konstellation

Historikerin und Mediävistin Elisabeth Gruber ist Geschäftsführerin des Instituts für Realienkunde des Mittelalters und der frühen Neuzeit (IMAREAL), eines kulturwissenschaftlichen Forschungsinstituts der Universität Salzburg. Es untersucht seit seiner Gründung 1969 Fragen zum Thema Materialität und ist im ehemaligen Dominikanerkloster in Krems angesiedelt. Ebendort erzählt Gruber ask – art & science krems von der neuen „Forschungsperspektive“ des IMAREAL: Intermaterialität. „Objekte bestehen meist nicht nur aus einem Material, sondern aus mehreren – was nicht nur den fertigen Gegenstand betrifft, sondern auch dessen Produktion und Reflexion. Man kann diese in Beziehung zueinander setzen, ihr Spannungsverhältnis beleuchten. Dadurch werden Dinge klarer und Bedeutungsebenen sichtbar“, erklärt sie. Um im vorigen Beispiel zu bleiben: Eine Kokosnuss in der Goldschmiedearbeit des Augsburgers Lorenz Biller hat eine andere Bedeutung, als wenn sie als Teil einer Blumenampel an Bastfäden von der Decke baumelt. Gruber: „Wir wollen ein Bewusstsein dafür schaffen, dass Materialien nicht per se das eine oder andere anzubieten haben, sondern dass sie je nach Konstellation anders wahrgenommen werden.“

International und interdisziplinär

Die Potenziale einer Forschungsperspektive Intermaterialität wurden angesichts eines Ende 2024 abgeschlossenen Forschungsprojekts zu dargestellter Materialität in der visuellen Kultur des Spätmittelalters deutlich. Isabella Nicka, Kunsthistorikerin am IMAREAL und Leiterin des Projekts „KIKI – Wie das Material ins Bild kam“, stellte in einem interdisziplinären Projekt zwischen Kunstgeschichte und Informatik die Frage: Kann man KI einsetzen, um verschiedene Materialien in Bildern zu erkennen? „Verschiedenen Maserungen oder Bearbeitungsformen von Holz und Hölzern kommt ein entscheidender Anteil an der Art zu, wie etwa die Leidensgeschichte Jesu im Bild inszeniert wird.“ Die Kreuze der Schächer gegen jenes von Christus auch in ihrer Materialität abzugrenzen, ist dabei eine der Strategien. In vielen Bereichen fehlten noch Grundlagen wie Materialannotationen für Bilder oder Untersuchungen zu intermaterialen Kontexten in Andachts- oder Passionstexten, um interdisziplinäre Vergleiche möglich zu machen, so Nicka. Hierfür soll die Forschungsperspektive am IMAREAL den geeigneten Rahmen schaffen.

Eine Forschungsperspektive kann man sich wohl wie eine Mischung aus einem Scheinwerfer und einem Netzwerkgenerator vorstellen. So lenkt das IMAREAL den Blick auf einen Aspekt und regt Wissenschaftler*innen an, ihre Forschungsgebiete unter diesem zu betrachten und sich dazu auszutauschen. So lud das IMAREAL im März internationale Forscher*innen zu dem dreitägigen Kongress „When Materials Meet: Intermaterialität in Mittelalter und Früher Neuzeit“ ins Haus der Regionen. Dieser, so schrieb Kulturhistorikerin Anna Vierlinger in ihrem Bericht, zielte darauf, „aus unterschiedlichen disziplinären Perspektiven Anregungen für dieses Konzept zu gewinnen und zugleich ein internationales, interdisziplinäres Forschungsnetzwerk aufzubauen.“

Von Kirchentüren zu Paustechniken

Die Tagung vermaß das weite Feld: Expert*innen aus Geschichtswissenschaften, Germanistik, Kunst- und Architekturgeschichte sowie Restaurierung sprachen über so unterschiedliche Themen wie Kirchentüren aus Holz und Metall, Paustechniken in iranischen Werkstätten, Ziegel in Verbindung mit Naturstein sowie ein Ziborium aus Holz, Metall, Textil, Pergament und Perlen. Richtete sich hier der Fokus auf Objekte aus der Kunst- und Kulturgeschichte, sollen künftig auch intermateriale Phänomene und Beziehungen in historischen und literarischen Textquellen untersucht werden. So möchte Elisabeth Gruber noch stärker alltägliche Materialien einbeziehen, etwa Themen wie die Herstellung von Leder beleuchten. Darüber referierte sie bereits selbst im Juli 2026 beim Mittelalterkongress, dem International Medieval Congress (IMC) in Leeds. Zudem bittet das IMAREAL Forschende in den „virtuellen Salon“ zu Vorträgen, etwa den Literaturwissenschaftler Thomas Strässle, auch bekannt als Jurymitglied des Ingeborg-Bachmann-Preises; am 28. Oktober werden die Kunsthistoriker*innen Joseph Salvatore Ackley und Shannon L. Wearing über die Kombination aus Metall und Pergament sprechen.

Weitere Schritte der drei Jahre währenden Forschungsperspektive sind Fellowships in Krems sowie die Präsenz auf dem IMC Leeds 2027 und 2028, wo mehr Disziplinen eingebunden werden sollen. Am Ende sollen, so Gruber, ein Workshop sowie eine Publikation systematisieren, „wo Forschungsdesiderate sind und welche Teilaspekte von Intermaterialität zielführend für unsere Forschung genutzt werden können.“

Bis dahin wird sich das Netzwerk, unterstützt durch den Scheinwerfer, verdichtet und erweitert haben.

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INFOS

Das Institut für Realienkunde des Mittelalters und der frühen Neuzeit (IMAREAL) ist ein kulturwissenschaftliches Forschungsinstitut der Universität Salzburg mit Standort Krems an der Donau. Die beteiligten Wissenschaftler*innen stellen Themen der Materiellen Kultur in den Mittelpunkt ihrer Forschungen und nehmen die vielfältigen Wechselbeziehungen zwischen Menschen und materieller Welt in historischer Perspektive (12.–17. Jahrhundert) in den Blick.

© Metropolitan Museum New York, The Elisha Whittelsey Collection, The Elisha Whittelsey Fund, 1960, Public Domain | © IMAREAL, Foto: Peter Böttcher | © IMAREAL, Foto: Heike Schlie
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