Berufstätige Jungmütter kennen das Gefühl. Knochentiefe Schwere überfällt den Körper schon früh am Tag. Der beginnt mit einer Lawine an zu erledigenden Dingen, denen Kindergeschrei Nachdruck verleiht. Der Fairness halber: Auch Jungvätern soll das Phänomen nicht unbekannt sein.
Judith Lavas Kunstfigur Lili verkörpert diese Art von Schlappheit perfekt: Schlaff hängt ihr geschlauchter Körper aus einem Toaster. Als Wachsskulptur – ihrer Schöpferin zufolge „eine Mischung aus Barbie und Marilyn Monroe“ – erscheint Lili aktuell im Karikaturmuseum Krems, in der Reihe Exkurs, diesmal zur Ausstellung von Gerhard Haderer. In Kleinmöbeln platziert, liegt sie auf einer Wiese, entspannt in einem überdimensionalen pinken High Heel, verschmilzt mit einem Handy und entblößt ihren Oberkörper mit der Aufschrift „Fearless and free“, in Anspielung an die feministische Künstlerinnengruppe Femen.
Blöde Kommentare
Unter dem gemeinsamen Nom de Guerre Fem*flixt! bespielt Judith Lava diesen Exkurs mit ihrer Kollegin Astrid Langer. Diese zeigt einige Räume weiter Comics, Skulpturen und Zeichnungen. Darin nimmt sie beispielsweise Altmeister Hermann Nitsch auf die Schaufel. Oder lässt die „Dachziegl“, die Protagonistin ihrer Comicserie in der Kärntner Kulturzeitschrift „Die Brücke“, als Künstlerin blöde Kommentare ertragen.

Die beiden Kärntnerinnen vereint ihr humoristischer Zugang zu feministischen Themen. Dieser zieht sich auch durch das von ihnen – ebenfalls unter dem Titel „Fem*flixt!“ – publizierte Magazin, eine wahre Fundgrube mit Texten renommierter Autorinnen wie Gertraud Klemm und Isabella Straub, einem Horoskop, einem „MonopoLLy“ – in dem die Spieler*innen kooperieren statt einander bekämpfen sollen – und sehr viel Kunst, etwa von Julia Bugram, der Siegerin des von der Stadt Krems vergebenen Erich Grabner Publikumspreises 2026.
Aber was ist Fem*flixt! nun? Ein Künstlerinnenduo, ein Kollektiv?
Judith Lava beschreibt es als „Konzeptrahmen, der verschiedene Formen annehmen kann, eine Grundidee“, Astrid Langer als „Käseglocke“, als „wabernde Energie, die Themen in vielen verschiedenen Formaten aufnehmen kann.“ Als Künstlerinnen, erklärt sie, seien sie per se zunächst Einzelkämpferinnen. „Aber wenn wir die Kräfte bündeln, schaffen wir mehr.“

Humor, Charme und Witz
Die Idee, sich zu verbünden, kam Langer schon lange vor der Ausstellung im Karikaturmuseum. Eines Tages entdeckte sie Judith Lavas Lili und war begeistert. Dazu besichtigte sie im Kunstmuseum Basel die Ausstellung „Fun Feminism“, die sie inspirierte. Über eine gemeinsame Bekannte lernte sie Judith Lava kennen und wollte sie für eine Ausstellung einladen. Diese scheiterte jedoch, weil der Veranstalter zu viele Vorschriften mit zu wenig Budget paarte. Im Karikaturmuseum Krems klappte der erste Auftritt als Fem*flixt! „Krems ist eine gute Möglichkeit, die Plattform und den Namen weiter zu verbreiten“, sagt Astrid Langer. Die Schau läuft ein Jahr und erreiche auch ein Publikum, das sonst nicht unbedingt Kunstausstellungen besuche, meint sie. Mit ihren Arbeiten passen sie jedenfalls bestens ins Haus. Judith Lava: „Mit Humor, Charme und Witz transportieren wir Themen, die alles andere als lustig sind.“ Etwa Femizide.
Wieso sind Frauen in Karikatur und Comedy noch immer so unterrepräsentiert? Lava meint: „Es hält sich noch immer die Ansicht, dass Frauen nicht lustig sein könnten. Schon aus diesem Grund trauen sich viele nicht an humorvolle Arbeiten.“ Astrid Langer berichtet aus ihrer Erfahrung: „Die Karikatur ist stark tagespolitisch geprägt. Ich fand es langweilig und zu eng, immer dieselben Politiker zu zeichnen.“ Und sie erwähnt die Comedienne Carolin Kebekus, die darauf hinwies, dass das männerdominierte Business immer nur eine einzige Frau gelten ließe. Langer selbst stellte bereits 2008 im Karikaturmuseum Krems aus, auf Einladung der damaligen Direktorin Jutta Pichler.

Kittelbäuerinnen-Regime
Dabei hatte die Vielgereiste die Ungerechtigkeiten zwischen Frauen und Männern gar nicht am Schirm. „Ich fand das Leben cool, hatte selbst keine Probleme – und fertig.“ Ihre eigene Vorfahrin erlebte sie als resolut und eigenständig: „Die Oma führte eine Landwirtschaft, die sie geerbt hatte“, erzählt sie. „Das war damals sehr ungewöhnlich.“ Als „Kittelbäurin“ wurden solche Landwirtinnen bezeichnet. „Da musstest du ein ziemliches Regime führen“, erinnert sich Langer. „Aber feministisch betrachtet war sie hinterm Mond.“ Erst später fiel ihr die unterschiedliche Arbeitsaufteilung in Familien auf.
Bei Judith Lava war es etwas anders: Schon als Schülerin eines künstlerisch ausgerichteten Gymnasiums in Viktring las sie Bücher der österreichischen Schriftstellerin Marlen Haushofer. Danach zog es sie über Klagenfurt und Wien weiter auf Reisen in alle Welt. Auch im Atelier der Künstlerin Pipilotti Rist arbeitete sie. Von ihr ist der Spruch überliefert: „Feminismus ist Ehrensache.“ Als Lava vor wenigen Jahren nach Kärnten zurückzog, war sie schockiert: „Sachen, die ich schon als 16-Jährige negativ erlebt habe, sind noch immer üblich“, erzählt sie. „Es gibt noch sehr viel zu tun.“
Mit Fem*flixt! gehen sie und ihre Kollegin jedenfalls einen wichtigen Schritt dafür.
Nina Schedlmayer


