Ende 2025 hat das IMC Krems in Österreich rund 600 Mitarbeiter*innen in kleinen und mittleren Unternehmen zur Nutzung generativer KI befragt, quer durch die Branchen. Aktuell läuft darauf aufbauend bereits die Befragung zu agentischer KI, denn die Arbeitswelt entwickelt sich hier rasant. „Im Rahmen der quantitativen Studie haben wir Führungskräfte und Mitarbeitende gleichermaßen befragt, aber keine Einpersonenunternehmen“, beschreibt Doris Berger-Grabner, Studiengangsleiterin Unternehmensführung und Digitales Management, das Sample. Der Datensatz war so umfangreich, dass alters- und geschlechtsspezifische Auswertungen gemacht und Stereotype zum Thema Technologie hinterfragt werden konnten.

Was die Zeitersparnis durch den Einsatz von generativer KI angeht, zumeist ChatGPT oder Claude, lagen Frauen und Männer in der Arbeitswelt beinahe gleichauf (2,5 bzw. 2,8 Stunden/Woche). Interessante Unterschiede ergaben sich hingegen beim Risikoverhalten. Die befragten Frauen stiegen im Schnitt etwas später in die aktive Nutzung ein und nutzten die Tools risikobewusster bzw. vorsichtiger was z.B. das Hochladen sensibler Firmendaten, die Prüfung der Ergebnisse und die Weiterverwendung angeht. Die weiblichen Befragten warteten eher auf Erfahrungsberichte von Kollegen und Kolleginnen zum konkreten Nutzen der Tools oder Unternehmensrichtlinien zur Nutzung. Es wäre falsch, dieses Vorgehen als Zögerlichkeit abzutun – Sorgfalt ist wohl eine Stärke. Die Zeitersparnis wurde übrigens im Regelfall für eine höhere Produktivität genutzt. Zudem zeigte sich in den Daten, dass die Mitarbeiterinnen in KMU weniger Rückhalt, Unterstützung und Zugang zu höherwertigen Nutzungslizenzen bekamen. Diese Benachteiligung hängt für Berger-Grabner auch mit typischen frauendominierten Arbeitsbereichen wie Administration oder Buchhaltung zusammen.
Die Wirtschaftswissenschaftlerin sieht Hausaufgaben der Geschäftsführung und Unterstützungsbedarf für die Belegschaft: „Im Gegensatz zu anderen technischen Innovationen ist die organisationale Umsetzung auf den Kopf gestellt. Nicht top-down von der erfahrenen Führungskraft, sondern bottom-up, weil die Mitarbeitenden experimentieren und im Umgang mit generativer KI weiter fortgeschritten sind als die Führungsebene. Das führt zum Einsatz von Schatten-KI im Unternehmen, über die nicht geredet wird. Es ist wichtig, die Kontrolle über KI-erstellte und andere Daten und Dokumente zu behalten – mit entsprechender Kennzeichnung und Richtlinien.“ Viele Unternehmen haben bereits KI-Richtlinien, aber noch nicht alle. Und der Einsatz agentischer KI, die definierte, sich wiederholende Aufgaben eigenständig übernimmt, schreitet rasant voran. Die Mitarbeiter*innen brauchen Sicherheit im Umgang mit den Tools, eine starke Sensibilisierung für die ethische Verantwortung, und die Unternehmen brauchen Datensicherheit.

Für die Weiterbildung „wird one size fits all nicht funktionieren. Es geht darum, alle mitzunehmen und dort abzuholen, wo sie stehen. In der Befragung haben wir eine Vielzahl unterschiedlicher Antworten auf die Frage nach der Wunsch-Weiterbildung bekommen“, so Berger-Grabner. Jede*r braucht im eigenen Arbeitsbereich etwas anderes, aber der Wunsch nach Use Cases, wie im eigenen Bereich mit KI effizienter gearbeitet werden kann, ist groß.
Die Studiengangsleiterin ist ein Fan diverser Teams, weil sie mehr Innovation bringen. Auch am IMC Krems ist das Digital Innovation Board bewusst divers besetzt. Die Chancen, aus dem KMU heraus die Trainingsdaten der großen KI-Anbieter zu beeinflussen, sind gering. Wenn es aber um Richtlinien im eigenen Unternehmen und um Entscheidungen zu Weiterbildung oder Zugang zu Lizenzen geht müssen alters- und geschlechtergemischte Teams entscheiden: „Ich sehe das Thema als Chance für Frauen, sich im technischen Bereich zu positionieren und Interesse zu zeigen.“ Das würde sich Berger-Grabner auch für den Studiengang Unternehmensführung und Digitales Management wünschen, wo das Verhältnis weibliche zu männlichen Studierenden aktuell bei 30:70 liegt.
Astrid Kuffner


