ask – art & science krems: Herr Brändle, Frau Steinmair, wann waren Sie beide zuletzt im Wald? Wie erinnern Sie sich daran?
Anna Steinmair: Ich bin regelmäßig im Wald, vielleicht jedes zweite Wochenende sind wir länger unterwegs. Wir haben zwei kleine Buben, und für unsere Familie ist das ein guter Ausgleich zum Alltag, zur stressigen Schul- und Arbeitswoche. Im Wald finden wir Ruhe, mein Mann sucht Schwammerl, die Kinder sind forschend unterwegs mit der Lupe.
Udo Brändle: Ich war heute Morgen im Wald. Ich bin begeisterter Läufer, und jetzt ist die schönste Zeit bei Sonnenaufgang. Ich bin in Vorarlberg aufgewachsen, aber wir waren als Familie zuletzt zehn Jahre in Dubai und haben den Wald vermisst. Wir sind 2022 nach Furth bei Göttweig gezogen. Ich bin also gleichsam Anrainer des Heilwalds dort.
Kommen wir nun von der privaten Waldfreundschaft zur professionellen Beschäftigung. Wie und seit wann, Herr Brändle, ist das IMC Krems an der Zertifizierung des ersten Heilwalds in Österreich bei Stift Göttweig beteiligt?
Brändle: Als ich 2022 als Geschäftsführer für Innovation und Forschung ans IMC Krems kam, hätte ich nicht gedacht, dass ich mich als Betriebswirt auch mit dem Wald beschäftigen würde. Der Prozess begann schon vor meiner Zeit: Unser Gründer und Aufsichtsratsvorsitzender am IMC, Heinz Boyer, brachte die Vision von der medial groß gefeierten Eröffnung eines Heilwalds in Mecklenburg-Vorpommern 2017 mit, angeregt durch den deutschen Professor Horst Klinkmann, der den Wald als „natürliche Apotheke“ und als „zu wenig erforscht“ bezeichnete. Boyer sagte damals zurecht: Wir haben in Österreich sogar ein Waldviertel. Dennoch gelang es zuerst in Göttweig, einen Heilwald in Österreich zu zertifizieren, mit dem damaligen Abt Columban Luser als Mitstreiter. Dass der Wald gut für die Gesundheit ist, war bekannt. Mit dem IMC Krems haben wir nach der Zertifizierung ab 2024 den Wandel vom Bäume-Umarmen zur wissenschaftlich fundierten Ausgestaltung eines Heilwalds begleitet – mit dem Nachweis gesundheitlicher Effekte und einer Finanzierung über das EU-Regionalentwicklungsprogramm LEADER. Schon 2018 wurde in Krems dafür ein Verein gegründet, die International Society for Forest Therapy, mit Mitgliedern aus 30 Ländern.

Steinmair: Was sind die Kriterien für einen Heilwald?
Brändle: Es brauchte für die Zertifizierung 2022 ein Waldgutachten und ein medizinisches Gutachten, fast wie ein „TÜV-Bericht“. Der Heilwald ist ein Waldbestand auf einem Plateau des Eichbergs über Paudorf, ein Mischwald mit Mammutbäumen und erfüllt die strengen Kriterien des Katalogs.
ask – art & science krems: Was können die Menschen dort konkret erfahren?
Brändle: Es gibt einen Bereich für Aktivität, einen für Ruhe und passend zum Stift Göttweig auch einen spirituellen Bereich. Die Lage ist einzigartig und auch dieses Konzept.
ask – art & science krems: Anna Steinmair, wie kam es zur Idee, im Karikaturmuseum Krems eine Ausstellung über den Wald zu machen?
Anna Steinmair: Gottfried Gusenbauer, künstlerischer Direktor des Karikaturmuseum Krems, und ich hatten die Idee schon länger. Niederösterreich ist zu 40 Prozent bewaldet. Ein Ausgangspunkt war die große Personale zu Bruno Haberzettl 2019/20. Ihm sind die Themen Umweltschutz und Klimawandel sehr wichtig. Wir fanden in den Beständen der Landessammlungen Niederösterreich unfassbar viel zum Wald, ebenso Motive wie Robin Hood und Märchenfiguren, die auch in politischen Karikaturen genutzt werden. Wir stellten 43 unterschiedliche künstlerische Positionen für „Sehnsucht Wald“ zusammen, aus verschiedenen Genres: von Tuschekarikaturen von IRONIMUS bis zu Originalzeichnungen von Axel Scheffler aus dem „Grüffelo“, den viele Eltern und Kinder kennen. Und einen Exkurs zu Ulli Lust.
ask – art & science krems: In der Ausstellung hängen auch Werke aus dem 19. Jahrhundert. Wie hat sich in der Kunst der Blick auf den Wald verändert?
Steinmair: Früher war der Wald Beiwerk und Hintergrund in religiösen Darstellungen, aber mit der Romantik ist die Natur in den Fokus gerückt. Wir zeigen Friedrich Gauermann, einen Maler des Biedermeier, der der Natur ein neues Verständnis entgegenbrachte. Diese Werke sind eher unüblich für uns, aber wir wollten damit auf das Thema Sehnsucht einstimmen.

ask – art & science krems: Auf der Website des Bundesministeriums für Land- und Forstwirtschaft heißt es: „Der Wald sichert Einkommen und green jobs, schützt vor Naturgefahren, liefert Energie, trägt zum Klimaschutz bei, ist Lebensraum für Tiere und Pflanzen und bietet den Menschen Erholung.“ Dort bezeichnet man den Wald als „Allrounder“. Er soll also für alles Mögliche da sein. Ist das nicht eine Überforderung?
Brändle: Pater Maurus, der Forstmeister im Stift Göttweig, sagte bei einem IMC-Symposion, dass die vielen Funktionen des Waldes einander ausschließen. Unsere Hochschule bietet den Studiengang „Tourism and Leisure Management“ an: Da sieht man die Chance, mehr Leute in den Heilwald zu bringen. Aber wann wird es zu viel? Es war nie ein Ziel, busweise Leute auf den Hügel zu karren. Für die Wissenschaft ist der Wald ein living lab, in dem wir viel erforschen können.
Steinmair: In unserer schnelllebigen Zeit, wo wir dauernd unter Stress stehen, wurde der Wald als Rückzugsort entdeckt. Vor allem während der Coronapandemie. Menschen steckten in ihren Wohnungen fest und entdeckten die Wälder neu für sich. In unserer Ausstellung zeigt eine Karikatur von Bruno Haberzettl mit dem Titel „Konfliktherd Natur“ einen Waldausschnitt, bevölkert von Mountainbikern, einer Läuferin und Nordic Walkern, während eine Drohne herumfliegt – daran sieht man ganz gut, wie übervoll der Wald ist und welch großes Spannungsfeld entsteht.
Brändle: Eine Anekdote zum Mountainbiken: Bei einer Sonntagstour mit dem Rad im Mühlviertel kehrte ich mit meinem Schwager in einem Lokal ein, das ausnahmsweise am Sonntagvormittag geöffnet hatte – für einen Jagdstammtisch. Als der Wirt unsere Fahrradhelme sah, sagte er, mit Blick auf die Jäger: „Euch mögen sie nicht!“ Das zeigt die Spannungen.
ask – art & science krems: Der Heilwald ist 53 Hektar groß, das ist etwas größer als der Vatikanstaat in Rom. Da scheint vieles möglich. Aber wie wild darf der Heilwald sein – ist er auch ein Sehnsuchtsort für nicht-menschliche Natur?
Brändle: Auf jeden Fall! Das war allen Beteiligten wichtig. Es soll kein Englischer Garten werden, wo Bäume zurechtgestutzt werden. Man erreicht ihn auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht so einfach. Das kann ein Vorteil sein, eben, weil er sich der massentouristischen Nutzung verweigert. Für uns ist der Heilwald ein Forschungsbereich.
ask – art & science krems: Wie profitieren die Studierenden am IMC Krems vom living lab?
Brändle: Die Studierenden untersuchen wissenschaftliche Fragestellungen wie zum Beispiel: Macht es einen Unterschied, ob Physiotherapie im Wald stattfindet oder im Turnsaal? Sinkt der Blutdruck stärker bei einer Therapie im Wald? Aber auch, kann man den Ort mit einem passenden touristischen Angebot verknüpfen?

ask – art & science krems: In Japan gibt es die gesundheitsfördernde Tradition des Shinrin Yoku, des Waldbadens. Was machen die Österreicher*innen am liebsten im Wald, neben Nordic Walking und Mountainbiken? Jagen?
Steinmair: Das Thema Jagd ist tatsächlich relevant. Bruno Haberzettl ist kein großer Freund der Jäger. Bei der Ausstellungseröffnung spielten Jagdhornbläser, und er stellte die Frage, ob das der richtige musikalische Rahmen sei. Wir sehen uns als offenes Haus, im Karikaturmuseum Krems sind alle willkommen. Auch Manfred Deix, der ein großer Tierfreund war, ist mit einigen Karikaturen zum Thema vertreten. Zudem gibt es einiges über die Rettung der Wälder, zum Beispiel von Erich Sokol: Er befasste sich mit der berühmten „Pressekonferenz der Tiere“. In Anspielung auf Erich Kästners „Konferenz der Tiere“ verkleideten sich 1984 Aktivist*innen als Auwald-Tiere, um auf die Bedrohung der Lobau aufmerksam zu machen. Das gilt als Beginn der österreichischen Umweltbewegung. Vor einigen Jahren behauptete Donald Trump, dass in Österreich Bäume explodierten und wir in Waldstädten lebten. Es gibt etliche Memes dazu.
ask – art & science krems: Also die Lieblingsbeschäftigungen der Österreicher*innen im Wald sind Mountainbiken, Jagen, Bäume zur Explosion bringen?
Steinmair: Und Schwammerlsuchen!
ask – art & science krems: Wie steht es um Schäferstündchen? Die kommen nicht mehr vor?
Steinmair: Die sind eher out. Was aber wichtig ist: Für manche hat der Wald etwas Unheimliches, Mystisches, das sieht man heute noch an Arbeiten von Paul Flora und Wolfgang Zöhrer.
ask – art & science krems: Diese Dimension spielt auch kulturhistorisch eine wichtige Rolle. Was macht den Wald zu einer Projektionsfläche für Ängste?
Steinmair: Das Mystische zieht uns an. Viele Jahrhunderte lang war der Wald unzugänglich. Da gab es keine Wege und Straßen, man konnte keine Taschenlampe mitnehmen. Die Märchen, in denen das Unheimliche wichtig ist, kommen im 18. und 19. Jahrhundert auf, auch damit gewann diese Vorstellung an Bedeutung.
ask – art & science krems: Welche wichtigen Erkenntnisse haben Sie beide jeweils in der Auseinandersetzung mit dem Wald gewonnen?
Steinmair: Ein Lerneffekt stellte sich in der fertigen Ausstellung ein. Weil wir Kooperationen mit ProHolz, der Arbeitsgemeinschaft der Holzindustrie, und den Österreichischen Bundesforsten haben, kam ein ganz anderes Publikum als sonst. Dieses sieht die Karikaturen aus einem völlig anderen Blickwinkel als wir. Und ich weiß jetzt, wer Josef Schöffel ist. Eine frühe Karikatur aus 1873 zeigt ihn als „Retter des Wienerwaldes“. Deshalb gibt es heute diese vielen Schöffel-Wege.
Brändle: Für mich war überraschend, dass ich mich überhaupt mit einem Heilwald beschäftige. Ein anderes Learning war: Man braucht Durchhaltevermögen. Auch Rom wurde nicht an einem Tag erbaut. Für ein Stift, das 1000 Jahre alt ist, sind zwei Jahre keine Dimension.



