Ghost Work als Schreckgespenst & Chance

Andreas Ihl forscht an der Universität für Weiterbildung Krems zur Schnittstelle von Psychologie und Technologie und beschäftigt sich aktuell mit der unsichtbaren Arbeit im Schatten der KI-Entwicklung, der Ghost Work. Diese Plattformarbeit wird sehr schlecht entlohnt und gilt als besonders prekär - dennoch bietet sie manchen Menschen auch Chancen.
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Dass bestens bewertete KI-Firmen für die Verbesserung ihrer Modelle unsichtbare Ghost Worker*innen über sogenannte Microwork-Plattformen beschäftigen, ist eine neuere Variante von digitaler Arbeit, bei der die Ausführenden wenig Verhandlungsmacht haben, sich kaum organisieren können, um Rechte oder faire Bezahlung durchzusetzen.  Als Microwork wird die Auslagerung sehr kleiner, klar definierter digitaler Arbeitsaufgaben bezeichnet, etwa das Prüfen von Inhalten oder einfache Analysen, an eine große Anzahl von Personen (Crowdworker*innen) über Online-Plattformen. Mit der rasanten Entwicklung der Künstlichen Intelligenz und beschleunigt durch wirtschaftliche Verwerfungen während der COVID-19-Pandemie, hat diese Form der Arbeit an Bedeutung gewonnen. Häufig werden sogenannte Ghost Worker*innen eingesetzt, um im Hintergrund von KI-Systemen Daten für das Training von Modellen aufzubereiten, zu kategorisieren oder zu analysieren.

Als Forscher geht es Andreas Ihl vom Department of Management & Economics der Universität für Weiterbildung Krems um ein realistisches Bild der Ghost Work, der weitgehend unsichtbaren Arbeit von Menschen hinter der Technologie. Er will die Arbeitsbedingungen, den Kontext, Strukturen und Mechanismen kurz die ganze Komplexität und Erfahrungen erfassen und Schlussfolgerungen ziehen. „Viele Jahre lag der Fokus der Arbeits- und Organisationspsychologie auf der Erforschung guter Arbeitsbedingungen, eines positiven Klimas und passender Führung in regulären Jobs. Die Forschung zu diesen neuen alternativen digitalen Arbeitssettings steht noch am Anfang“. Viele dieser Beschäftigungsverhältnisse sind prekär: Einkommen sind häufig unsicher, soziale Absicherung fehlt und arbeitspsychologische Standards werden nicht immer berücksichtigt. Im Bereich der Microwork entsteht der Eindruck, dass grundlegende arbeitspsychologische Erkenntnisse, etwa zu fairer Bezahlung, Planbarkeit von Arbeit oder gesundheitsförderlichen Arbeitsbedingungen, vernachlässigt werden.

Andreas Ihl von der Universität für Weiterbildung Krems geht es um ein realistisches Bild der Ghost Work, der weitgehend unsichtbaren Arbeit von Menschen hinter der KI-Technologie.

Dennoch bieten solche Plattformen auch Chancen, wie Andreas Ihl in einer Studie zeigen konnte. Sie können gerade Menschen Zugang zu Erwerbsarbeit ermöglichen, die auf dem traditionellen Arbeitsmarkt benachteiligt sind, etwa aufgrund psychischer oder körperlicher Erkrankungen. Für einige kann diese Form der Tätigkeit strukturgebend sein und positive psychologische Effekte haben, beispielsweise mehr Selbstwirksamkeit oder gesellschaftliche Teilhabe. Die Plattformarbeit hat also auch Charakteristika, die mit den Bedürfnissen mancher Personen vereinbar sind. Daten auf dieser Schattenseite der Arbeitswelt sammelt der Betriebswirt in Foren zu den Plattformen: „Wir sind dort, wo Austausch stattfindet. Wir steigen in Diskussionen ein, eingebettet in die echte Lebensumgebung der Leute. Wir weisen uns als Forschende aus und halten strenge ethische Standards ein.“

Bei differenzierter Betrachtung eröffnen Microwork-Plattformen neue Möglichkeiten der Teilhabe, andererseits besteht die Gefahr, dass besonders vulnerable Personen in prekäre Arbeitssituationen geraten. Statt den Status quo hinzunehmen, sind Unternehmen, Plattformbetreiber und Politik gefordert. Gemeinsam sollten sie Verantwortung übernehmen, um faire Arbeitsbedingungen zu schaffen, die Qualität der Arbeit zu verbessern und gleichzeitig die Zugänglichkeit diesen Arbeitsformen zu erhalten. Auch als Konsument*innen dürfen wir darüber nachdenken, inwieweit wir das Zustandekommen von Produkten und Leistungen durchschauen, mitfinanzieren, ablehnen oder alternativ organisieren.

Der „Schachtürke“, ein aufsehenerregender (vermeintlicher) Schachspielautomat aus dem 18. Jahrhundert, der in Wahrheit von einem kleinwüchsigen Menschen bedient wurde, dient Amazon als Vorlage für den Namen der Crowdworking-Plattform MTurk. Hier abgebildet der Kupferstich eines Schachtürken von J. Rachnitz, 1789.

Die Bezeichnung „Human Intelligence Tasks“ (HITs) oder „Human As a Service“ (HaaS) für Aufgaben, die Menschen ohne Spezialwissen von Zuhause abdienen können, ist harsch. Die von Amazon 2005 gegründete Crowdworking-Plattform MTurk, kurz für Mechanical Turk, klingt noch kaltschnäuziger. Vorbild für den Namen ist der „Schachtürke“, ein aufsehenerregender (vermeintlicher) Schachspielautomat aus dem 18. Jahrhundert, der in Wahrheit von einem kleinwüchsigen Menschen bedient wurde. Die Microwork wird vielfach in den USA, Asien und Osteuropa verrichtet, es ist also „kein geografisches Phänomen, sondern es geht eher um Gruppen in der Gesellschaft, die wir nicht so wahrnehmen. Wenn wir KI benutzen, befassen wir uns mit Nutzen und Schaden des Tools für uns, aber nicht so intensiv damit, wie es funktioniert und welche menschliche Arbeit eventuell dahintersteht“.

Inzwischen gibt es auch Gegenbewegungen: „Fair Crowd Work“ der IG Metall versucht mit Transparenz hineinzuleuchten, indem die Worker*innen Bewertungen über Plattformen abgeben. Transparenz und Austausch sind erste Schritte. Es wären aber auch soziale Unterstützung und längerfristige Basisabgeltungen denkbar und wünschenswert, um das Risiko der technischen Auslieferung nicht völlig auf die Worker*innen abzuwälzen. Dass es im größeren Stil formale Arbeitsverträge und Mindestlohn geben wird, ist bis auf weiteres nicht abzusehen.

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