Dörfliche Industriegeschichten sichtbar machen

Museale Objekte geben Auskunft über ihre Fertigung, handwerkliche Traditionen, Kulte oder Zwecke. Wenn sie aus einem ehemaligen Leitbetrieb geborgen werden, liefern sie zudem Anlass über die Geschichte der Menschen, die dort gearbeitet haben und über Generationen hinweg, zu sprechen.
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Walzengravieranstalt Guntramsdorf mit Museumsmitarbeiterin Zita-Breu, Copyright: Anja-Grebe

Am Beginn steht häufig eine Rettungsaktion. Beherzte Mitarbeiter*innen eines lokalen Leitbetriebs, der zusperrt, und engagierte Bürger*innen befüllen Kisten mit Dokumenten, Fotos und Objekten, bevor sie weggeworfen werden und laden mitunter ganze Maschinen in Kleinlaster. Solche Objekte können auch über Generationen hinweg Anlass zum Gespräch liefern und spezifisches Know-how sichtbar machen – wenn sie wissenschaftlich bearbeitet und aufbereitet werden. Das Citizen Science-Projekt „Industrie im Dorf“, gefördert von der Gesellschaft für Forschungsförderung Niederösterreich und geleitet vom Zentrum für Kulturen und Technologien des Sammelns der Universität für Weiterbildung Krems, verknüpft universitäre Fachwissenschaft mit Bürger*innen-Forschung für einen Austausch, der allen Seiten nützen und Perspektiven verbreitern soll.

Anja Grebe, stellvertretende Leiterin des Departments für Kunst und Kulturwissenschaften, hat bereits in einem Vorprojekt zur Alten Werft in Korneuburg mit Ehrenamtlichen, Zeitzeug*innen und Schüler*innen zusammenarbeitet, um „wildes Wissen“ anzuzapfen und eine stimmige und zeitgemäße Präsentation lokaler Geschichte zu gestalten. Seit 2021 arbeiten die Kunst- und Kulturhistorikerin und ihr Team an partizipativen Projekten in und mit regionalen Museen. Gerade wurde „Industriekultur im Dialog“ abgeschlossen. „Wir pflegen einen intergenerativen Ansatz: Menschen unterschiedlichen Alters forschen zu Objekten, deren Geschichten und gleichzeitig ihrer eigenen Geschichte. Das ist unser Beitrag zur Forderung, Vielstimmigkeit im Museum zu erreichen, also unterschiedliche Perspektiven und Erzählungen, die man mit einem Objekt verbinden kann.“

Intergenerativer Workshop zur Alten Werft im Stadtmuseum Korneuburg im Jänner 2024
Copyright: Melanie Lopin
Intergenerativer Workshop zur Alten Werft im Stadtmuseum Korneuburg im Jänner 2024

Bei „Industrie im Dorf“, das bis 2028 läuft, wird in jedem Viertel Niederösterreichs der Geschichte und den Geschichten einer lokalen Produktionsstätte nachgespürt. Gemeinsam mit engagierten Personen, die oft Rettung, Lagerung, vielleicht auch erste Aufbereitung und Präsentation gestemmt haben. Grebe geht es darum, persönliche Bezüge, Geschichten und Wissen zu den Objekten zu bergen. Dieses „wilde Wissen“ soll sich nicht mehr nur in mündlicher Alltagskultur erhalten, sondern vielen Menschen über digitale Formate zugutekommen. Mit Unterstützung des Projektteams wird es in strukturierte Daten gegossen, die es durchsuchbar, verknüpfbar und nachnutzbar machen.

Grundlagenforschung zu einer Schiffswerft

Die Korneuburger Werft, einst die größte Werftanlage in Österreich, wurde 1993 geschlossen. Umfangreiche Bestände, insgesamt rund 300.000 Objekte, gelangten in der Folge in das Stadtmuseum Korneuburg, konnten von ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen jedoch bislang nur ansatzweise bearbeitet werden. Hier setzte das partizipative Projekt „Industriekultur im Dialog“ an. Rund um Korneuburg leben noch viele Werftangehörige, die als Expert*innen interviewt werden konnten. Der Fokus lag aufgrund der begrenzten Laufzeit auf der Lehrwerkstätte mit einem Bestand von rund 600 Objekten und Dokumenten. In einem „Dialog über die Generationen“ befragten Jugendliche aus der örtlichen BHAK im Rahmen einer Projektwoche ehemalige Werft-Lehrlinge als Zeitzeug*innen, die heute alle in Pension sind. Die Schüler*innen erstellten daraus Medieninhalte für die „MuseumsMenschen-Web-App“, die im Rahmen eines früheren FTI-Projekts  an der Universität für Weiterbildung Krems entwickelt worden war. Die Jugendlichen stellten gemeinsam festgelegte Fragen zu Objekten, Arbeitsalltag und Berufsausbildung. „Am Montag dachte ich nicht, dass das funktionieren wird. Jugendliche, die Basecap tief ins Gesicht gezogen, umgeben von einer „Was mache ich hier?“-Aura. Am Freitag lieferten sie eine fantastische Präsentation, weil sie Neues entdecken und selbständig arbeiten konnten. Die Organisation anspruchsvoller Aufgaben und die Eigenverantwortung haben sie motiviert“, zeigt sich Grebe begeistert.

Lost Places aus allen vier Vierteln

„Industrie im Dorf“ erforscht das industriekulturelle Erbe Niederösterreichs im ländlichen Raum nun umfassender, macht es digital zugänglich, um das Bewusstsein zu schärfen und die Erinnerung aufrecht zu erhalten. Die Standorte decken unterschiedliche Branchen, Reifegrade in der musealen Aufbereitung, Eigentumsverhältnisse, Entstehungs- und Endpunkte ab. Für das Waldviertel wurden Sägewerk und Möbelproduktion (Körnerwerke) in Gutenbrunn gewählt, die 1933 endgültig zusperrten. Im Weinviertel das 2006 geschlossene Agrana-Werk in Hohenau an der March (auch ein Vogel-Beobachtungsplatz). Die Wahl im Heimatmuseum Guntramsdorf (Industrieviertel) fiel auf die Walzengravieranstalt Endler & Co, die bis 1986 bestand, mit ihren noch nicht aufgearbeiteten Beständen. Und die Spinnerei in Golling an der Erlauf (die HITIAG schloss 2006) repräsentiert Industriekultur im Mostviertel.

Walzengravieranstalt Guntramsdorf mit Museumsmitarbeiterin Zita-Breu

Neue Wege der partizipativen Erforschung werden erarbeitet, erprobt, evaluiert und dokumentiert. Es wird Expertise erfragt, Bestände erweitert, Bestehendes besser aufbereitet und ein Archiv erstellt. Industriegeschichte fällt bislang durch viele Raster, ist verbunden mit Strukturwandel und passt nicht immer in ein touristisches Profil. Nach der Bestandsrettung soll nun auch das Know-how für die Weiterführung verankert werden. Themen wie Persönlichkeitsschutz oder Urheberrecht, Bauforschung, Digitalisierung, Lagerung und Aufbereitung passend zu den Strukturen, werden vermittelt. Das erste Projektjahr steht im Zeichen der Sichtung, gemeinsamen Überlegungen für das weitere Vorgehen und die Suche nach Auskunftspersonen. Im zweiten Jahr will man wieder mit Schulklassen zusammenarbeiten und Sammlungsaufrufe starten. Anja Grebe: „Der wissenschaftliche Zugang ist: Erst Objekte grunderfassen und anreichern, bevor wir viele weitere Erinnerungen eingliedern. Wir arbeiten mit denen, die sich bisher darum gekümmert haben, hören zu, lernen voneinander und suchen einen guten gemeinsamen Weg, der nachhaltig ist und keine Überforderung.“ Museen können lebendige Archive sein, die Geschichte und Gegenwart verbinden. Manchmal lebt das Erbe sogar wieder auf, wie aktuell das ehemalige Lilien-Porzellanwerk in Wilhelmsburg.

Die Projektpartner

Projektleitung Universität für Weiterbildung Krems

Museumsmanagement Niederösterreich

University of Applied Sciences St. Pölten

Institut für Geschichte des ländlichen Raumes

Open Glam Verein

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