„Mit Humor lässt sich der Diskurs offen halten“

Welche Alarmsignale deuten auf Autokratisierung hin? Was fördert demokratische Prozesse, und welche Kraft kann Satire dabei entwickeln? Darüber sprachen wir mit Demokratieforscherin Karin Bischof und Karikaturexperte Gottfried Gusenbauer.
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Im Dialog in der Stadtbücherei Krems

ask – art & science krems: Frau Bischof, Herr Gusenbauer, was macht eine Demokratie resilient?

Karin Bischof: Der Begriff Resilienz erlebt seit 20 Jahren eine Konjunktur, parallel zu verstärkten Autokratisierungstendenzen. In der politikwissenschaftlichen Demokratieforschung steht dabei das institutionelle Setting im Vordergrund, Gewaltenteilung, Rechtsstaatlichkeit, Verfassung. Derzeit werden auch etablierte Demokratien ausgehöhlt. Dabei werden weniger die Institutionen offen angegriffen, sondern die Demokratie wird auf subtilere Weise ausgehöhlt. Vieles passiert hier im Bereich der politischen Kultur – sowohl Autokratisierung als auch Resilienz.

Gottfried Gusenbauer: Humor stärkt die Resilienz der Demokratie. Satire hat die Möglichkeit, unangenehme Themen mit dem Schmiermittel Humor anzusprechen und ihnen eine Form zu geben. Karikatur kann sofort ins Thema rein, ist lustig und mehr subjektiv, als wissenschaftlich fundiert.

Bischof: Wenn die Akzeptanz für Satire schwächer wird, ist das ein Zeichen von Entdemokratisierung. Es ist aber schwierig, einen Kipppunkt für die Veränderung von der Demokratie zur Autokratie festzumachen – ich sehe das eher als ein Kontinuum. Das Anerkennen von Unterschiedlichkeit und Fundamentalkritik wirkt demokratisierend.

Im Dialog, die beiden Gesprächspartner:innen im Gespräch
Karin Bischof betont, dass Resilienz in der Demokratieforschung angesichts zunehmender Autokratisierung wichtiger geworden ist und dass heutige Demokratien weniger durch offene Angriffe auf Institutionen, sondern vor allem durch subtile Veränderungen der politischen Kultur geschwächt oder gestärkt werden.


ask – art & science krems: Frau Bischof, welche Rolle spielen Gleichheit und Ungleichheit in der Demokratie?

Bischof: Politische Gleichheit ist ein Prinzip der Demokratie. Ungleichheit drückt sich beispielsweise in unterschiedlicher Teilhabe aus, der Möglichkeit, politische Gleichheitsrechte zu verwirklichen. Formell sind die Geschlechter lange gleichgestellt, aber haben alle die gleichen Chancen am Arbeitsmarkt, in eine Entscheidungsposition zu kommen?

ask – art & science krems: Inwiefern trägt Sprache dazu bei, dass demokratische Kulturen erodieren oder entstehen?

Bischof: Die Rhetorik ist ein Ankündigungssystem für Entwicklungen in beide Richtungen. Sprache drückt durch Narrative, Bilder und Diskurse politische Kultur aus. Autokratisierung kündigt sich an, wenn Anderen abgesprochen wird, politische Subjekte zu sein, sie als Existenzbedrohung wahrgenommen und verächtlich gemacht werden. Wir kennen die Nazi-Rhetorik des Ausgrenzens und Entmenschlichens. Wenn Menschen als Insekten, Ratten, Schädlinge degeneriert oder krank bezeichnet werden, ist das ein Alarmsignal.

ask – art & science krems: Gottfried Gusenbauer, wie sehen Sie die Rolle der Karikatur in Demokratien?

Gusenbauer: Eine Karikatur kann den Prozess der Meinungsbildung unterstützen. Ich weigere mich zu glauben, dass zunehmende Autokratisierung eine Bewegung gegen Wokeness ist. Viele Menschen haben sich nicht mit Vorteilen und Chancen einer gleichberechtigten, inklusiven Gesellschaft auseinandergesetzt, sondern nur gehört, dass die Welt komplizierter wird. Aber sie wäre doch viel schöner, wenn wir uns mit Vielfalt auseinandersetzen. Früher gab es einen Konsens zu gewissen Themen. Heute bemerke ich in Führungen, dass Menschen bei manchen Themen zumachen. Mit Humor bringt man sie manchmal wieder zum Sprechen. So lässt sich der Diskurs offenhalten.

Gottfried Gusenbauer sieht Karikatur als wichtiges Mittel, um Meinungsbildung zu fördern und durch Humor auch bei polarisierenden Themen Gesprächsbereitschaft und offenen demokratischen Diskurs zu erhalten.

ask – art & science krems: Gibt es Karikaturen aus den vergangenen Jahren, die diese Wirkung entfaltet haben?

Gusenbauer: Eher Signale, dass die Zeiten härter werden, wie den Angriff auf die Redaktion von Charlie Hebdo 2015 und das Ende der täglichen politischen Karikatur in der New York Times 2019 nach dem Cartoon, wo ein blinder Donald Trump von Benjamin Netanjahu als Hund an der Leine gezogen wird. Statt in dem Mega-Shitstorm sensibel zu argumentieren, ließ die Zeitung die Karikatur gleich ganz bleiben. Es gibt weniger Zeitungen, die einen Karikaturisten, eine Karikaturistin unbeeinflusst arbeiten lassen. Sie werden nicht zensuriert, sondern einfach nicht gedruckt. Die Schere im Kopf betrifft heute alle in Medien. Karikaturen, über die alle geredet haben, gab es eher zur Zeit von Manfred Deix.

Bischof: Das war mir so nicht bewusst. Ich denke, dass Karikaturen ein Anknüpfungspunkt für mehr demokratische Resilienz wären, als Strategie, die spielerisch und mit Humor arbeitet – speziell auch für Jugendliche. Ich sehe ein politisches Projekt, um autoritäre Weltbilder durchzusetzen. Das funktioniert über Polarisierung. Da bleibt immer weniger Raum für Differenzierung, Humor und Reflektieren. Hier könnte man ansetzen, auch in sozialen Medien. Wir müssen uns auf bestimmte Regeln kollektiv einigen, aber Einstellungen, Haltungen und politische Kulturen sind ambivalent und vielfältig. Demokratische Prinzipien werden heute einfach umgedeutet. Während im 20. Jahrhundert die Nazis die Demokratie frontal angriffen und das Parlament als „Quatschbude“ diffamierten, ruft Trump heute vor dem Sturm auf das Kapitol dazu auf, die Demokratie zu retten. Die neue amerikanische Sicherheitsstrategie gibt vor, die Demokratie in Europa retten. Auch Meinungs- und Medienfreiheit wird umgedeutet. Dem muss man auch Narrative entgegensetzen. Kunst, Karikatur und Satire können dabei Breitenwirkung erzielen.

Gusenbauer: Karikatur findet Möglichkeiten, sich zu zeigen. Das macht sie stark. Ich habe da durchaus Hoffnung. Bei unserem Karikaturpreis haben wir Ramize Erer aus der Türkei ausgezeichnet für ihre Zeichnungen über Missbrauch in der Familie und Nadia Khiari aus Tunesien, die den arabischen Frühling begleitet hat.

Bischof meint, dass Karikaturen und Satire ein wirksames Mittel zur Stärkung demokratischer Resilienz sein können, weil sie autoritären, polarisierenden Weltbildern mit Humor, Differenzierung und gegenläufigen Narrativen begegnen und so besonders auch junge Menschen für demokratische Werte ansprechen.

ask – art & science krems: Frau Bischof, anhand welcher Indizes werden die Entwicklung und der Zustand einer Demokratie gemessen?

Bischof: Es gibt verschiedene. Der Index V-DEM „Varieties of Democracy“ setzt auf die Einschätzung von Expert*innen aus einzelnen Ländern, etwa zu Institutionen, Zivilgesellschaft und Medien. Ich evaluiere hier für Österreich mit einem ausgefeilten Fragenkatalog. Kulturpolitik kommt nicht explizit vor, sehr wohl aber politische Kultur.

ask – art & science krems: Ist das Aushalten von Satire ein Gradmesser für die Demokratie?

Gusenbauer: Sicher, aber es kommt darauf an, in welcher Welt. Es gibt viele Parallelwelten. Schaue ich auf weiße Menschen zwischen 40 und 70 oder auf alle zwischen 10 und 25 Jahren? Klassismus ist auch ein Thema. Viele Menschen können sich nicht beteiligen, weil sie unseren Kunst- und Kulturkanon nicht kennen. Beteiligung muss radikal geöffnet werden.

Bischof: Die Benachteiligung von migrantischen Kindern, aber auch die Armut in der Mehrheitsgesellschaft sind ein Thema. Der Ausschluss dieser Gruppen gefährdet die Demokratie. Wer damit beschäftigt ist, die eigene Existenz zu managen, geht nicht wählen und beteiligt sich eher nicht an demokratischen oder kulturellen Prozessen. Karikatur und Satire könnten auch marginalisierte Gruppen erreichen, ohne Belehrung und pädagogischen Gestus.

ask – art & science krems: Welche Aufgaben hat Qualitätsjournalismus in der Demokratie, und ändern sich diese durch Autokratisierungstendenzen?

Bischof: Wo Medien verboten oder finanziell ausgehungert werden, findet meist Autokratisierung statt. Das zeigt sich beispielsweise in Ungarn, wo Viktor Orbáns Verwandte oder Freunde Medien besitzen, missliebige Zeitungen hingegen keine Finanzierung mehr erhalten. So etwas schlägt sich in Demokratieindizes nieder. Auch in den USA sind öffentliche Medien gerade sehr unter Druck.

ask – art & science krems: Wie kann Journalismus zur Absicherung der Demokratie beitragen?

Bischof: Mediale Aufmerksamkeit entsteht durch polarisierende Berichterstattung, weil diese Finanzierung generiert. Allerdings geraten kritisch differenzierte Darstellungen dabei ins Hintertreffen. Mit diesem Spagat müssen gute Journalistinnen und Journalisten umgehen. Wir kennen das aus der Vergangenheit: Jene, die beispielsweise auf Jörg Haider setzten, hatten damals die besten Verkäufe. Das 2024 erschienene Buch „Triggerpunkte“ spricht von „Polarisierungsunternehmen“: Politische Leader erzeugen Polarisierung, weil sie davon am meisten profitieren. Und das funktioniert. Wenn ich nur daran denke, wie oft Haider damals am Cover des Nachrichtenmagazins „Profil“ war! Es ist objektiv schwierig damit umzugehen, Autokraten nicht zu stärken und dennoch zu berichten. Das lässt sich nur dadurch lösen, dass Qualitätsmedien gefördert werden.

Gusenbauer warnt, dass Satire und Karikatur zunehmend unter Druck geraten und dass Einschränkungen der Meinungsfreiheit dazu führen, Vielfalt im öffentlichen Diskurs zu verlieren, was Gesellschaft und Demokratie erheblich schadet.

ask – art & science krems: Sind Satire und Karikatur aktuell ebenso bedrohtwie die Medien?

Gusenbauer:  Ich denke schon. Gerade wurden der Kabarettist Florian Scheuba und seine Kollegin Malarina verklagt. Irgendwann wird die Meinungsfreiheit so beschnitten, dass alle nur mehr eine Meinung hinausflöten. Doch die Menschen verlieren unendlich viel, wenn Humor und Satire nicht mehr verschiedene Ansichten darbringen können.

Bischof: Gleichzeitig wird umgedeutet, was Meinungsfreiheit ist. Es heißt zunehmend, dass es diese nicht mehr gäbe, weil man keine rassistischen Ausdrücke verwenden darf. In Ungarn tut Orbán so, als wäre die Mehrheitsgesellschaft eine bedrohte Minderheit, die unter anderem von der EU geknechtet werde.

ask – art & science krems: Diese Umdeutung findet auch statt, wenn etwa „Der Wegscheider“ auf Servus TV unter dem Deckmantel der Satire hetzt. Wie ist das einzuordnen?

Gusenbauer: Das ist gefährlich. Der Unterschied zwischen Satire und Hetze ist leicht zu erkennen. Wenn man auf schwächere Gruppen draufhaut, ist es fast immer Hetze. Wenn es eine Kritik an den Meinungsführern und Mächtigen ist, dann Karikatur. Auch wenn man Hetze im Nachhinein als Satire darstellt, beteuert, es nicht so gemeint zu haben: Es bleibt immer etwas übrig. Das einzige Gegenmittel ist, darüber zu reden, auch in der Satire. Auch darüber, dass aufgrund von gesellschaftlichen Veränderungen Dinge einfach nicht mehr lustig sind. Zum Beispiel bei Manfred Deix, von dem manche Arbeiten in unserer Sammlung Menschen sicher beleidigen. Eine Zeichnung von ihm dreht sich darum, dass überall ausländische Menschen arbeiten, weil sich für viele Aufgaben zu wenige Österreicherinnen und Österreicher finden. Da steht ein Afrikaner an einer Fleischtheke, der einen Knochen im Haar hat und „Ugga“ sagt. Manfred Deix war es seinerzeit nicht bewusst, dass er damit Menschen rassistisch beleidigt. Das wäre heute unmöglich, und das ist auch gut so. Ich wollte aber den Cartoon nicht canceln, sondern kommentieren: Erzählen, in welcher Zeit und mit welcher Haltung er entstand.

Bischof: Satire hat hohes Resilienzpotenzial, aber es gibt eine Grauzone zur Verhetzung. Wenn man Satire als etwas definiert, das sich gegen Mächtige richtet, dann hat das einen demokratischen Gestus. Aber wer wird als mächtig imaginiert? In Karikaturen aus der NS-Zeit wird zum Beispiel das „Weltjudentum“ als mächtig gesehen. Da gibt es einen Kipppunkt zur Verhetzung.

ask – art & science krems: Wir haben nun sehr viel über die Gefahren für die Demokratie gesprochen. Wo gibt es gegenläufige Entwicklungen, die sie stärken?

Bischof: Momentan zum Beispiel in Serbien, wo eine starke Studierendenbewegung Verbündete in unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft gesucht und gefunden hat. Das ist eines der stärksten Zeichen in Europa, dass es auch in eine andere Richtung gehen kann. In Polen gab es immer ein Hin und Her bei Wahlen; dort wurde aber auch die Medienlandschaft nie so beschnitten wie in Ungarn. Vieles, das extrem bedrohlich wirkt, ist nicht so klar und kann sich auch wieder relativieren. Es gibt auch Umkehrungsprozesse. Die Autokratisierung überrollt uns nicht wie eine Walze – oder jedenfalls ist es kontraproduktiv von Vornherein davon auszugehen. Denn damit nimmt man sich diejenigen Spielräume, die zweifellos vorhanden sind.

„Im Dialog“ mit den beiden ask-Autorinnen Astrid Kuffner und Nina Schedlmayer sowie den Gesprächspartner*innen Karin Bischof und Gottfried Gusenbauer fand diesmal in der Stadtbücherei Krems statt.

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Karin Bischof ist seit 2023 Professorin am Department für Europapolitik und Demokratieforschung an der Universität für Weiterbildung Krems sowie Leiterin des Departments. Davor war sie unter anderem als Assistenzprofessorin an der Hebrew University und als Associate Professor an der Universität Wien in Forschung und Lehre tätig. Sie habilitierte sich an der Universität Wien an der Schnittstelle zwischen empirischer Demokratieforschung und Demokratietheorie und promovierte ebendort zu (trans)nationalen Europaverständnissen.

Gottfried Gusenbauer ist seit 2012 künstlerischer Direktor des Karikaturmuseums Krems, das sich als einziges Museum in Österreich der politischen und humoristischen Zeichnung, dem Comic und der Kinderbuch-Illustration widmet. Zuletzt (co-)kuratierte er dort Ausstellungen zu Michael Pammesberger, Grüffelo und über den Wald. Zuvor arbeitete Gottfried Gusenbauer für das Offene Kulturhaus Linz und gründete ebendort das Nextcomic-Festival.

„Im Dialog“ ist ein Diskussionsformat von ask – art & science krems, bei dem sich Vertreter*innen aus Wissenschaft und Kunst aktuellen Themen aus unterschiedlichen Perspektiven annähern und mit dem Publikum ins Gespräch kommen.

© Barbara Elser
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