Vom Filmstreifen zur Festplatte

Was macht ein Filmvorführer in digitalen Zeiten? Peter Chudik vom Kino im Kesselhaus erzählt, wie sich sein Beruf gewandelt hat.
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Ist das ein Rattern? Oder eher ein Schnauben? Es hört sich ein wenig so an wie einer der 35-mm-Projektoren, wie sie heute höchstens noch in Kunstausstellungen angeworfen werden. An einem Nachmittag im Dezember steht Peter Chudik an seinem Arbeitsplatz und muss ein bisschen lachen. Denn das Gerät, das gerade im Vorführraum des Kino im Kesselhaus lärmt, hat damit rein gar nichts zu tun. Nein, es handelt sich bloß um die Lüftung, die über dem Digitalprojektor montiert ist. Sie leitet die von ihm erzeugte Hitze und Abluft durch ein silbrig glänzendes, elegant geschwungenes Röhrensystem an der Decke nach außen.

Verdrehtes Verhältnis

Auch wenn zwei der drei Projektoren in der Vorführkabine noch analog sind, so haben sie eher musealen Charakter – ebenso wie die großen Spulen, die weiter hinten im Raum stehen. Früher lagen darauf Filmrollen, die im Laufe der Vorführung schrumpften oder wuchsen. Alles Schnee von gestern: Zum Einsatz kommen diese Geräte schon lange nicht mehr. Peter Chudik sagt: „Der Beruf des Filmvorführers hat sich um 180 Grad gewendet. Früher war das ein Handwerksberuf. Analoge Projektionen waren manuelle Arbeit. Da musste man aufpassen, dass der Film nicht reißt, und war eineinhalb Stunden damit beschäftigt, eine gute Projektion durchzuführen.“ 2010 begann Chudik, im Kino im Kesselhaus zu arbeiten. „Da waren noch neun von zehn Filmen analog und einer digital. Vor zehn Jahren hat sich dieses Verhältnis umgedreht. Heute haben wir nur mehr digitale Filme.“ Sein Arbeitsmittelpunkt habe sich dadurch vom Projektionsraum in den Saal verlagert, „wo ich für die Gäste da bin.“

Peter Chudik, Filmvorführer im Kino im Kesselhaus, steht als Beispiel für den Wandel seines Berufs: vom handwerklichen Arbeiten am Filmstreifen hin zur digitalen Projektion.

Wall of Fame

Dass die Gäste im Kino im Kesselhaus nicht nur kommen und gehen, wird im Gespräch mit ihm spürbar. „Der Gast gehört zu uns, wir sind wie in einem Wohnzimmer.“ Besonders Interessierten biete er sogar eine Backstage-Führung an. Um einen engen Kontakt mit Gästen bemüht sich das Kino ebenso wie um jenen zu den vielen Acts, die im Kino schon aufgetreten sind: Musiker*innen, Kabarettist*innen, Schriftsteller*innen, Regisseur*innen. Von ihnen zeugt eine Pinwand hinter einer Sitzgruppe. Dort ist die Wall of Fame: Fotos von Trompeter Thomas Gansch, Kabarettist Hosea Ratschiller oder dem Multitalent Birgit Denk. Erst kürzlich gastierte die Band Alma im Kinosaal. „Standing ovations“, grinst Chudik stolz. Er kennt und liebt sein Publikum eben. Ihn als Filmvorführer zu bezeichnen, wäre eine starke Untertreibung. Er sieht sich als Dienstleister rund um die Vorführung. „Ich öffne den Saal, bleibe drin, bin beim Abspann dabei und schaue, wann ich am besten das Licht aufdrehe.“ So kenne er den Film und könnte beim Saalauslass darauf eingehen. „Wenn zum Beispiel ein trauriger Film gelaufen ist, lasse ich mir Zeit mit dem Lichtaufdrehen und öffne die Türen etwas später. Denn im Foyer ist es oft laut, es wird gelacht – das passt dann nicht, denn dann brauchen die Leute noch etwas Zeit.“

Obwohl in der Vorführkabine noch analoge Projektoren stehen, sind sie längst Museumsstücke. Mit der vollständigen Digitalisierung hat sich der früher handwerkliche Beruf grundlegend gewandelt.

Vormittag, Nachmittag, Abend

20 Stunden pro Woche arbeitet Peter Chudik im Kino im Kesselhaus. Er wohnt in der Nähe, und wenn er außerhalb seiner Dienstzeit vorbeikommt, dann schaut er schon mal nach dem Rechten. Als „Brotberuf“, wie er sagt, betreibt er eine Versicherungsagentur. Einst erzählte ihm eine Kundin, dass das Kino im Kesselhaus einen Filmvorführer für den Vormittag suche – damals begann das Kino gerade, verstärkt Schulvorführungen anzubieten. Für den Kollegen war die daraus resultierende Arbeit nicht mehr in den 40 Stunden, für die er angestellt war, zu bewältigen. Also begann Chudik, geringfügig dort zu arbeiten, stockte nach der Pensionierung des Kollegen auf Vollzeit auf, machte Vormittags- und Abendvorführungen – bis er nach wenigen Monaten erkannte, dass das zu viel war und seine Stunden wieder zurückfuhr. Nun hat er einige Kolleg*innen, die geringfügig arbeiten.

Die Wall of Fame im Kino im Kesselhaus zeigt mit Fotos vieler Künstler*innen, wie eng Peter Chudik und das Kino mit ihrem Publikum und den auftretenden Acts verbunden sind.

„Learning by Doing“

Wie hat er die Umstellung von Analog auf Digital erlebt? „Das war learning by doing“, erinnert er sich. „Früher gab es einen Filmriss, den konnte man reparieren. Wenn heute der Computer steht, dann steht er. Es passiert sehr selten, aber vor einigen Jahren war kurz vor Weihnachten einmal ein Netzteil kaputt, das nur aus Deutschland geliefert werden konnten. Da mussten wir zusperren.“ Heute braucht der Vorführer oder die Vorführerin nicht einmal anwesend zu sein, wenn der Film läuft. „Die Playlist ist für die ganze Woche programmiert. Mit acht Schaltern ist das erledigt. Dann ist das System auf scharf gestellt, nur das Licht soll individuell sein.“ An der Wand des Kastens, der Server und Verstärker beherbergt, hat Peter Chudik einen Zettel angebracht, der die acht Schritte erläutert, die das System in Gang setzen: wie Verstärker, Beamer, Computer eingeschaltet werden. Die einzelnen Schritte von eins bis acht auch an den jeweiligen Geräten mit leuchtenden Pfeilen markiert. Damit könnte auch ein Kind den großen Saal des Kinos im Kesselhaus bespielen. Peter Chudik und seine Kolleg*innen werden freilich dennoch nicht arbeitslos werden. Im Kleinen bestätigt sich so, was für viele Branchen gilt: Technologisierung schafft Berufe nicht zwangsweise ab, sondern verwandelt sie bisweilen nur. Und die Magie des Kinos bleibt ohnehin ungebrochen.

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© Nina Schedlmayer | Peter Chudik | unsplash
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