Wenn Wolfgang Ellmauer von Begabung spricht und wie sie gefördert werden kann, läutet nicht der Wunderkind-Alarm. Klavierspielen wie Mozart oder Rechnen wie Einstein, das gibt es immer wieder. Die Forschung geht von rund zwei Prozent Kindern mit einem IQ jenseits von 130 aus. Der Bildungsforscher von der KPH Wien/ Niederösterreich spricht davon, schlummernde Potenziale auf breiter Front zu heben. Begabungsförderung ist in erster Linie eine pädagogische Haltung, „die Ambition von Lehrpersonen, genau hinzuschauen, Angebote zu machen und ein Potenzial zu erkennen, das sich noch nicht in einer sichtbaren Leistung niederschlägt. Dann kann es Schritt für Schritt zur Expertise entwickelt werden“. Für Ellmauer haben Schule und Gesellschaft hier einen Auftrag als Beitrag zur Bildungsgerechtigkeit: „Wir brauchen künftig jede Begabung. Da dürfen wir nicht sparsam sein.“ Eine gute Schule, vife Peers, das Elternhaus, der Kindergarten, der Sportverein sind alles Teile des Potenzial-Puzzles.

In Österreich schaffen wir es noch nicht gut genug, Kinder aus benachteiligen Milieus entsprechend zu fördern, lassen uns vielleicht von mangelnden Deutschkenntnissen ablenken. Wer in einem Akademikerhaushalt aufwächst, hat hierzulande oft einen Startvorteil. Gängige Modelle der Begabungsförderung integrieren zurecht den Faktor Zufall bzw. Glück in die Erklärung, ob Begabung erfolgreich erkannt und gefördert wird. Begabungsförderung ist kein Elitenthema, sondern fördert auf Verdacht jedes Kind. Erst wenn sich ein Ergebnis, eine Leistung zeigt, beginnt die Begabtenförderung.
Wer im Unterricht nur auf Hochbegabung in Deutsch, Mathematik oder den Naturwissenschaften schaut, verpasst viel. In der Schule wurde Begabung zu lange auf kognitive Fähigkeiten reduziert. In der Forschung stehen kognitive Fähigkeiten, körperliche, sozio-emotionale, kreative und praktische Fähigkeiten alle auf einer Ebene, sind alle gleich wichtig für unsere Gesellschaft. Wir brauchen Kopfarbeiter genauso, wie handwerklich praktisch veranlagte Menschen, die Dinge auf den Boden bringen. Der Karikaturist Gary Larson hat das Konzept der Erfolgsintelligenz in einem Bild gut auf den Punkt gebracht.
„Hilf‘ mir, es selbst zu tun“ ist einer der Leitsätze der Reformpädagogin Maria Montessori. In der Begabungsförderung spricht man vom „Scaffolding“ als bewährter Methode. Die Lehrperson stellt im fördernden Unterricht ein Gerüst zur Verfügung, idealerweise eine anspruchsvolle, lebensnahe, motivierende Aufgabe, die so schwierig ist, dass sie nur mit geringer Hilfestellung der Lehrperson lösbar ist. Lernen hat immer auch mit Anstrengungsbereitschaft, Motivation und Durchhaltevermögen zu tun. Manchmal scheitert das Ergebnis einfach auch an Persönlichkeitsmerkmalen.

Für eine breite Begabungsförderung müssen wir im Umkehrschluss zunehmend Schulmauern wegdenken bzw. einreißen, weil Lernen in der Interaktion mit der Umwelt stattfindet. Das Gütesiegel GripS für ressourcen-, interessen- und potenzialorientierte Schule, das Ellmauer mitentwickelt hat, überlässt den teilnehmenden Schulen in Niederösterreich den Weg zum Ziel. Jede Schule schnürt ein eigenes Maßnahmenbündel und greift auf das zurück, was zugänglich ist, ob Schulhof, Küche, Altersheim um die Ecke, Veranstaltungssaal oder Tartanbahn. Der Hochschulprofessor an der Fachstelle Begabung.Person.Potenzial der KPH war Mittelschullehrer für Deutsch und Musik, bevor er selbst noch einmal die Schulbank drückte, um sich auf Begabungs- und Begabtenförderung zu spezialisieren: „Davor hat mich das Thema eher unbewusst umgetrieben. Wenn ich mit Schüler*innen Projekte gemacht habe, etwa ein Musical einstudiert, hat das manchmal sehr gut funktioniert und manchmal nicht. Nach dem Masterstudium war die Erfolgsquote höher.“ Im Rahmen des Doktoratsstudiums hat er die Wirkung der Bildungsangebote auf die Lehrpersonen untersucht. Die Wirksamkeit von Fortbildungen in diesem Bereich steht und fällt mit der Haltung der Lehrpersonen: „Wir müssen bei den Einstellungen ansetzen, und das braucht Zeit. Wenn Lehrpersonen Begabungsförderung als sinnstiftend integrieren, geben sie das auch weiter. Ebenso wichtig ist Praxisnähe, weshalb die Teilnehmenden unserer Programme ein Unterrichtsprojekt mit einer gelernten Methode umsetzen, dokumentieren, reflektieren und vorstellen, auf das sie Feedback bekommen.“

Die größten Hürden in der Umsetzung sieht der Bildungsforscher in der Haltung, wiewohl Zeit und Mittel natürlich ebenso eine Rolle spielen: „Wir Lehrpersonen haben selbst eine Lernbiografie, einen Rucksack, der immer schwerer wird und uns in eingefahrene Bahnen drückt.“ Deshalb ist es wichtig, das Thema etwa über schulinterne Lehrerfortbildung allen Lehrpersonen zugänglich zu machen.
Astrid Kuffner


