Vorstoßen und zurückziehen, (ver-)handeln und kämpfen, voneinander lernen und sich abgrenzen – in den ersten beiden Jahrhunderten nach Christus rangen germanische Stämme und römische Truppen nördlich des Donaulimes um die Vorherrschaft an den Gebietsgrenzen. Unterschiedliche Facetten dieser Interaktion sind wissenschaftlich gut dokumentiert und aufgearbeitet. Wer aber als Laie vor den Überresten eines temporären Marschlagers steht, bestehend aus Spitzgraben und (nicht mehr erhaltenem) Zelt, wird das auf den ersten Blick weder sehen, noch würdigen können. „Diese archäologischen Spuren im Weinviertel und in Südmähren sind stark verblasst“, erklärt die Projektleiterin von „Roman Trails“, Raffaela Woller. Für steinerne Befestigungsanlagen, Repräsentationsarchitektur und Siedlungen, die eher erhalten bleiben, war das Umfeld zu volatil. Dafür waren die Logistikleistungen zur Verlagerung der Truppen, aber auch die Handels- und Austauschbeziehungen umso eindrucksvoller. Im Naturraum mit Anhöhen, Fluss und Plateaus lässt sich mit modernen Technologien und Methoden gut nachvollziehen, wo Lager aufgeschlagen, wie Versorgung und Transport bewältigt oder Aussichtspunkte gewählt wurden.
Angereicherte Entdeckungsreisen
Im Hier und Heute gäbe es also für Bewohner*innen und Besucher*innen im Grenzland zwischen Österreich, der Slowakei und Tschechien interessante Entdeckungen und räumliche Erfahrungen zu machen. Die Grundlage zur Vermittlung des spannenden Kulturerbes wird aktuell im grenzübergreifenden Regionalentwicklungsprojekt „Roman Trails“ geschaffen – durch die Verknüpfung des wissenschaftlichen Fundaments mit Visualisierungen, Vermittlungsformaten und Storytelling. Seit Mai 2024 werden im EU-INTERREG Projekt physische Orte, Objekte und Informationen inhaltlich verbunden, digital angereichert und intuitiv verständlich gemacht. „Wir wollen interessante historische Entwicklungen sichtbar machen, mit denen sich Menschen in der Region ab der Römerzeit bis heute identifizieren könnten: interkultureller Dialog, respektvolles Miteinander, voneinander Lernen und wertschätzender Austausch durch Handel“, erklärt Projektleiterin Woller. Bis Frühjahr 2028 will das Team vom Zentrum für Kulturgüterschutz gemeinsam mit Forscher*innen des Archäologischen Instituts der Tschechischen Akademie der Wissenschaften Brünn sechs historische Trails konzipieren, die unterschiedliche Bedürfnisse abdecken: vom Lehrpfad bis zum Weitwanderweg, von der Radetappe bis zum Ausflugsziel. Der historische Layer des Grenzgebiets soll nicht isoliert stehen, sondern in bestehende touristische Konzepte verankert werden. Archäologie, Tourismus, Regionalentwicklung und Kulturvermittlung gehen Hand in Hand.

In der ersten Projektphase ging es darum, Bewusstsein für das unbekannte historische Erbe zu wecken und ein tragfähiges Netzwerk mit den umliegenden Gemeinden zu knüpfen, um Geschichte zu transportieren und Spuren zu erhalten. „Man kann nie genug Bewusstseinsbildung betreiben. Wir haben Umfragen gemacht und sind weiter im Austausch. Wenn viele mitmachen, können wir eine länderübergreifende Themenregion einrichten mit Fundorten, die sich wie Perlenketten auffädeln“, schwärmt Raffaela Woller. Gut erforscht ist etwa die Marchfeldroute. Vermutlich sind die Römer in einer Zangenbewegung vorgestoßen, an der March entlang und das Kamptal hinauf nach Norden mit Fundstellen wie etwa in Stillfried (wo es seit der Urzeit Siedlungsspuren gibt), Bernhardsthal, Ruhhof bei Laa an der Thaya und Kollnbrunn (Gemeinde Bad Pirawarth).


Mittels Drohnenvermessung (UAV Survey) wird ein Gelände zentimetergenau erfasst. Verbindet man die so gewonnenen Geodaten mit archäologischen Erkenntnissen, lässt sich ein 3D-Modell der Landschaft erstellen.
In der aktuellen zweiten Projektphase werden bis zum Jahresende digitale Bausteine für die Vermittlung gebaut. Dafür entwickeln die Kolleg*innen in Tschechien mit externen Digitalisierungsexpert*innen Tools, um die Vorstellungskraft zu unterstützen. Wo und wie auf die Fundorte verwiesen werden soll, welche Geschichten an jedem Fundort und über die Region insgesamt erzählt werden, wird jetzt überlegt. Die kurzen Wege am gemeinsamen Campus ermöglichen, den Lehrauftrag der Universität für Weiterbildung Krems mit dem IMC Krems zu verknüpfen. Zwei Studierende haben bereits ihre Bachelorarbeiten über touristische Angebote und Nachfrage im Weinviertel und im tschechischen Südmähren geschrieben.


Für die Vermittlungsarbeit werden Laserscans von archäologischen Fundstücken angefertigt, die dann digital nachgebildet und texturiert werden.
Die ersten Pflöcke für mit QR-Codes bedruckte Tafeln sollen im Herbst 2027 eingeschlagen werden. Diese führen am eigenen Smartphone zu interaktiven Karten, einer Webseite und einer App mit Bildern, virtuellen Visualisierungen archäologischer (Teil-)Landschaften und 200 digitalisierten Fundstücken. Begleitend werden aus einem Guss Infomaterial, Karten und Broschüren erstellt, zu den Roman Trails, individuellen Stätten und Detailaspekten. Auch eine Integration in gängige Wander-Apps wird geplant.


Mittels 3D-Compositing werden computergenerierte 3D-Elemente (CGI) mit Realaufnahmen zu einem einzigen, nahtlosen Gesamtbild zusammengefügt .
Die interaktiven Elemente werden im Synergieprojekt „ROMAN LEGACY“ entwickelt, das ebenfalls von Raffaela Woller gleitet wird. Elf europäische Staaten beteiligen sich an diesem zweiten EU-Projekt, um das facettenreiche römische Erbe in der Donauregion gemeinsam zu heben. Sie wollen übergreifende Sichtbarkeit und Storytelling rund um den Donaulimes, der in Teilen bereits als UNESCO Weltkulturerbe zertifiziert wurde, schaffen und eine gemeinsame Kulturroute entwickeln, die am Projektende beim Europarat zur Zertifizierung eingereicht wird. Auch hier wurde ein Netzwerk von Partnern und Stakeholdern auf verschiedenen Ebenen aufgebaut, von der Kulturvermittlung über die Jugendarbeit, Grundlagenforschung und Technologie bis zur Kunst. Schon bisher konnte man an vielen Stellen über die Spuren der Alten Römer stolpern. Bald wird man sie gezielt aufsuchen, besser verstehen und einordnen können.
Astrid Kuffner


