Warum sind Cremetiegel ausgerechnet rund? Mit eingecremten Händen lassen sie sich genau deswegen nicht gut zuschrauben. Evelyn Haberl interessierte sich schon während ihrer Schulzeit dafür, warum alltägliche Dinge so gestaltet werden, dass sie für etliche Menschen nicht funktionieren. Der Schlaganfall ihres Großvaters war eine prägende Erfahrung ihrer Jugend. Wie für viele andere Menschen in Österreich ist das der Anlass, sich plötzlich mit häuslicher Pflege in der eigenen Familie auseinandersetzen zu müssen.
Die andere Erfahrung machte die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Therapie- und Hebammenwissenschaften des IMC Krems am eigenen Leib: „Seit meiner Jugend lebe ich mit chronischen Erkrankungen und habe dadurch einige Umwege genommen und meinen Berufsweg sowie meine Ausbildungen immer wieder verändert. Ich weiß aus eigener Erfahrung, was es bedeutet, zeitweise auf Unterstützung im Alltag angewiesen zu sein.“ Mit ihrem Engagement für die Forschung, zuletzt etwa im Projekt CROB, sieht sich die ausgebildete Ergotherapeutin und Innenraumgestalterin an der richtigen Stelle, „um mit meiner Arbeit einen sinnvollen Beitrag zu leisten“.

Ressourcen statt Defizite
Sie bewarb sich erfolgreich um eine Dissertant*innen-Stelle der Gesellschaft für Forschungsförderung Niederösterreich und will in den kommenden drei Jahren mit ihrer Arbeit „Caring Partners“ untersuchen, was Männer dazu bewegt und motivieren könnte, sich als pflegender Angehöriger zu engagieren. Wie reagieren Menschen im Umfeld, wenn sie davon erzählt? Evelyn Haberl: „Mit Begeisterung und Anerkennung, weil viele bereits wissen, wie wichtig häusliche Pflege in unserer Gesellschaft ist. Sie teilen dann eigene Erfahrungen und bestätigen häufig die in Studien beschriebenen traditionellen Rollenverteilungen, wonach diese Aufgabe bei Frauen gesehen wird.“ Manche Männer fühlen sich individuell angegriffen, aber wenn sie erklärt, „dass ich nicht mit dem Finger auf einzelne zeige, sondern mir ansehen will, wie wir in der Gesellschaft auf Rollen und Aufgaben geprägt werden, erzählen sie ebenfalls persönliche Geschichten, wo die Mutter nach einem Schlaganfall eher von Töchtern und Schwiegertöchtern, als von Söhnen gepflegt wurde“.
Motivation, Vorbilder und mögliche Weichenstellungen in der Biografie bei pflegenden Männern zu erfragen, klingt irgendwie naheliegend, wurde aber bisher nur begrenzt erforscht. Die Absolventin des Master-Studiengangs „Allgemeine Gesundheitswissenschaften“ möchte Ressourcen in den Blick nehmen. Im Fokus stehen Männer, die Sorgeverantwortung übernehmen, und was sich aus ihren Erfahrungen lernen lässt.
Fürsorge als Teil von Männlichkeit
Die Wissenschaft spricht von „Caring Masculinity“, also einem Bild von Männlichkeit, das Fürsorge und Verantwortung integriert. Haberl will in qualitativen Interviews analysieren, welche prägenden Erlebnisse und Einflussfaktoren in der Biografie wichtig waren, welche Vorbilder es für die Männer mit Sorgeverantwortung gab und ob sie selbst Pflege oder Unterstützung erfahren haben. Parallel will die Forscherin Millennials befragen, geboren zwischen 1981 und 1996, und über Erwartungen, Vorstellungen und Befürchtungen beim Thema Sorgearbeit sprechen: „Ich werde in Niederösterreich je 20 persönliche Interviews in beiden Gruppen führen und mit kreativen Techniken der Life Course Theory den Lebensweg abbilden. Mein Zugang zur qualitativen Forschungsmethodik ist die sogenannte Grounded Theory. Ich passe also mit jedem geführten Interview meinen Interviewleitfaden weiter an, wenn es notwendig ist.“ Abschließend plant sie Workshops, in denen Männer in verschiedenen Altersgruppen und Lebenssituationen gemeinsam Handlungsempfehlungen und Policy-Empfehlungen für eine gerechtere Verteilung von Care-Arbeit für das Land Niederösterreich entwickeln.

Seit März 2026 fräst sich die Doktorandin durch soziologische Fachliteratur und stellt für ihr Studiendesign aktuell den Antrag bei der Ethikkommission. Sie blickt auch nach Schweden, wo Care-Arbeit, etwa bei der Kinderbetreuung, vergleichsweise gleichmäßiger zwischen Frauen und Männern verteilt ist und entsprechende Forschungsergebnisse vorliegen. Ihre Dissertation wird am IMC Krems von Hanna Köttl betreut und an der Universität Wien am Institut für Pflegewissenschaft. Parallel baut sie ein Netzwerk auf, um die passenden Interviewpartner zu rekrutieren.
Am wissenschaftlichen Arbeiten gefällt Evelyn Haberl das Lösen von Rätseln und, dass es am Kreuzungspunkt ihrer frühen Berufswünsche Schriftstellerin und Erfinderin liegt: „Ich muss einerseits die richtigen Worte finden und bewusst setzen und andererseits verstehen, warum Dinge so sind, wie sie sind, und wie sie verbessert werden können.“ Um Stress abzubauen und den Kopf freizubekommen, gartelt sie am Balkon und geht tanzen.
Astrid Kuffner


