Zwei graue Sockel mit massiven Schrauben tragen Pfeiler, an denen ein schmiedeeisernes Tor hängt. Im Alltag der Winzer Krems, einer traditionsreichen Winzergenossenschaft, fallen sie wohl kaum auf. Und doch sind sie ein guter Indikator für das Ausmaß ihres kulturellen Engagements.
Bis zu den Rebzeilen
Denn die Pfeiler sind so konstruiert, dass sie mitsamt dem Tor und dem Zaun abgebaut werden können. Jahr für Jahr rückt also ein Kran an, der sie entfernt. Dann entsteht ebendort eine Tribüne für rund 900 Gäste des Festivals Glatt & Verkehrt, von der aus diese den Acts im Hof der Winzer Krems lauschen können. Der Zeltaufbau ragt bis in Nachbars Garten, bis zu den Rebzeilen des Weinguts Zöhrer. „Es ist wichtig, dass der Nachbar mitspielt“, sagt Ludwig Holzer beim Gespräch mit ask – art & science krems im Besprechungsraum in der Sandgrube 13, der überregional bekannten Adresse der Winzer Krems. Vor einigen Jahren baute das Unternehmen seine Gebäude um, wunderschön über Krems mit herrlichem Ausblick auf das Stift Göttweig und die umliegenden Weinberge gelegen. Dass der Zaun entfernt werden kann, war damals schon Teil des Plans.

Mordsspaß
In den Anfängen des Glatt & Verkehrt Festivals vor 30 Jahren spielten die Musiker*innen auf einer Mini-Bühne, 150 Stühle waren aufgestellt, wie sich Ludwig Holzer erinnert. Er war damals schon mit dabei, arbeitet er doch seit 1983 im Betrieb; bis er 2019 Geschäftsführer wurde, war er im Export tätig. „Eines der ersten Highlights für mich war die Mnozil Brass Band“, erinnert er sich. „Das war einer ihrer frühen Auftritte. Leider kamen sie nie wieder.“ Auch den Jazzgitarrist Bill Frisell und den Klarinettist Giora Feidman hat er in bester Erinnerung. Ein Mordsspaß sei es immer gewesen, wobei sich das Publikum seiner Beobachtung nach verändert hat. „Da waren früher mehr alternative, teils auch wilde Typen. Zum Beispiel einer, der nur ein kurzes Hoserl trug und mit nacktem Oberkörper kam.“

Von Anfang an stellten die Winzer Krems dem Festival ihre Location kostenlos zur Verfügung, dazu den Backstagebereich. Bevor die Location wetterfest war, mussten die Veranstalter bei Gewittern manchmal Gäste und Musiker*innen ins Haus evakuieren. „Einmal war sogar die Anlage kaputt“, erinnert sich Holzer. Nachsatz mit breitem Lächeln: „Es war trotzdem eine Gaude.“
Backstage im Festsaal
Und noch ein Problem gab es früher, vor der Überdachung: Die Musik schallte bis tief in die Nacht hinein über die Stadt. So gab es bei einer Zydeco-Band Anzeigen aus der – örtlich ziemlich weit entfernten, aber akustisch eben doch nahen – Kremser Hafenstraße. Holzer: „Die gaben nach Mitternacht noch Vollgas.“

Wenn Glatt & Verkehrt gastiert, dann bleibt kein Stein auf dem anderen. Zwei bis drei Wochen vorher startet der Umbau. Für die Winzer Krems bedeutet das, neben der Entfernung des Zauns zum Hof: den Besucherparkplatz räumen, weil hier Material gelagert ist. Mitarbeiter*innen zur Betreuung abstellen. Räumlichkeiten im Gebäude zur Verfügung stellen – für das Catering, als Garderoben, für Mitarbeiter*innen des Festivals. In den Büros einen Ort für den ORF zur Übertragung einrichten. Sogar der Festsaal wird Teil des Backstagebereichs. Auch der Besucherbetrieb beim hauseigenen Rundgang, den die Winzer Krems seit 2005 anbieten und an dem jährlich 30.000 Personen teilnehmen, fährt herunter.
Lob von der Bühne
Wie hoch dieses Sachsponsoring in Euro zu beziffern ist, das hat Holzer jedoch noch nie ausgerechnet. „Wir stehen auch nicht mit der Stoppuhr da und schauen, welcher Mitarbeiter was wie lange macht.“ 2004 erhielten die Winzer Krems jedenfalls den renommierten Maecenas-Preis in der Kategorie Klein- und Mittelbetriebe, und zwar für langfristiges Kultursponsoring. „Wir generieren einen Mehrwert, wenn wir mit einem Festival punkten können“, sagt Holzer. Die immer größere Bekanntheit von Glatt & Verkehrt, das auch internationales Publikum anzieht, trägt zum positiven Image der Winzer Krems bei. So komme die Kooperation auch in ihrer Werbung zum Tragen, etwa auf den Social-Media-Kanälen. Und sie benannten sogar einen Wein nach Glatt & Verkehrt, einen blauen Zweigelt.

Das Engagement für Glatt & Verkehrt lohnt sich für die Winzer Krems, trotz aller Einschränkungen während der Laufzeit, offensichtlich. Und auch die Künstler*innen wissen die sensationelle Location zu schätzen. Wie regelmäßige Gäste von Glatt & Verkehrt wissen, lobten vielen von ihnen den magischen Ort schon – direkt auf der Bühne.
Nina Schedlmayer


