Wie kann Bühne für demokratische Prozesse wirksam werden?

Der Studiengang „Stage Narration“ feiert im Wintersemester an der Universität für Weiterbildung Krems seine Premiere. Die beiden Studienleiter erzählen, was sie in vier Semestern vorhaben und wie im Bühnengeschehen Verständnis und Komplexität adressiert werden können.
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Die Leiter des Studiengangs „Stage Narration“ Robert Neiser und Jerome Junod vor der Universität für Weiterbildung Krems. © UWK

Das ganze Leben ist Bühne und Österreich eine Theaternation. Das größte Hindernis für den neuen Studiengang „Stage Narration. Erzählen für die Bühnen unserer Zeit“, der ab Wintersemester 2026/27 an der Universität für Weiterbildung Krems angeboten wird, könnte sein Titel sein. Der Begriff „Stage Narration“ ist noch nicht eingeführt, es gibt noch keine Absolvent*innen. Im Gespräch mit den Studienleitern, Jérôme Junod und Robert Neiser, wird aber klar, dass ganz handfeste lebensweltliche Themen verhandelt werden sollen. Demokratie natürlich – wer möchte wirklich ohne sie sein? Die Tatsache, dass sich Menschen seit Anbeginn Geschichten erzählen und wir uns diesem Urbedürfnis kaum entziehen können. Und die Bedeutung von Unmittelbarkeit, das gemeinsame Erleben mit allen Sinnen in einem leibhaften Raum, nicht in der digitalen Sphäre.

Robert Neiser, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Department für Kunst- und Kulturwissenschaften, sieht Bühnen unserer Zeit und Vermittlungsnotwendigkeiten vom Gerichtssaal bis zum Stammtisch, von der Redaktion bis zum Klassenzimmer: „Überall dort, wo wir demokratische Praktiken ausüben, sehen wir auch die Möglichkeit, theatrale Mittel und Vielstimmigkeit erfolgreich zum Einsatz zu bringen.“ Als ein Beispiel seien Recherchen genannt, welche die Investigativplattform  DOSSIER gemeinsam mit Calle Fuhr, einem der Vortragenden im Studiengang, auf die Bühne gebracht hat.

Umgekehrte Frage: Gibt es Themen, die nicht auf der Bühne erzählt werden können? Jérôme Junod, Regisseur, Dramatiker und Spielleiter des Wortwiege Festivals für Theaterformen: „Es gibt sie, aber man muss sie schon suchen.“ Die Kunstform Theater, so Junod, nimmt insbesondere die Zwischenmenschlichkeit in den Blick, kann diese anders erzählen als Kino oder Literatur. „Konflikte und Kommunikation, die Befindlichkeit zwischen Menschen, ist die große Stärke von Drama und Theater. Dramatisch und theatralisch zu denken, hilft uns, alltägliche und nicht alltägliche Begegnungen zu greifen und zu erfassen“, so der gebürtige Westschweizer. Ein Beispiel: Für die Vermittlung von Fakten zu CO2 in der Atmosphäre wäre Theater vielleicht nicht die erste Wahl, sehr wohl aber, wenn es darum geht, wie Menschen sich dazu verhalten. Theater allein kann die Probleme des Klimawandels nicht lösen, aber aufzeigen, wie Menschen sich angesichts der Krise verhalten. Sie agieren am Stammtisch oder an der Wahlurne nicht einstimmig, sondern unterschiedlich aufgrund von Biografien, Überzeugungen und Erfahrungen – Vielstimmigkeit und Widersprüche – „das interessiert uns am Theater“.

Es ist kein reines Schreibtischstudium, denn neben Theorie und Impulsreferaten namhafter Fachleute aus der Praxis (e.g. Florian Scheuba, Mareike Fallwickl und Ruth Beckermann), wird mit echten Theatermitteln und Schauspieler*innen erforscht und experimentiert. Grundidee des Studiengangs, an dem bis zu 15 Personen teilnehmen können, ist, Tools aus 2500 Jahren Theater zu verfeinern und für andere Bereiche in der Vermittlung einzusetzen. Als Storytelling, das Botschaften in Geschichten verpackt, oder um Debatten und Aushandlungsprozesse zu zeigen, den Horizont zu erweitern. Gerade in einer Zeit, in der Meinungen in elektronisch verstärkten Blasen bestätigt werden. Theater also als Mittel, um die Gesellschaft in ihrer Komplexität darzustellen. Jérôme Junod benennt einige seiner Säulenheiligen des Theatermachens und ein Stück, das das Konzept des Studiengangs sehr gut auf den Punkt bringt. Peter Brook hat ihn als einer unter vielen geprägt, und „A disappearing number“ von Schauspieler, Regisseur und Autor Simon McBurney hält er für besonders gelungen. 

Literaturwissenschafter Robert Neiser ist wichtig zu ergänzen, dass es nicht das Ziel ist, Techniken der massenhaften Manipulation von Meinungen wie NLP zu erlernen, sondern diese zu analysieren und zu durchschauen. Es geht „im Gegenteil um die Vielstimmigkeit und das Aushalten. Theater ist die perfekte Form, um das zu üben, zu sehen und zu analysieren“. Zielgruppe des Studiengangs sind Theaterleute aller Art und Menschen, die das Theater lieben – davon gibt es ja viele, die es nie im Hauptberuf gemacht haben. Robert Neiser: „Wenn das Konzept aufgeht, bereichern uns die Studierenden mit ihren Erfahrungen. Als berufsbegleitendes Angebot rechnen wir mit unterschiedlichen Interessent*innen mitten im Leben, freuen uns auf ihren Input und das produktive Aufeinandertreffen. In der Gruppe kann etwas entstehen.“ Als Partner konnten neben dem Wortwiege Festival Wiener Neustadt auch die Stadt Wiener Neustadt und die Wissenschaftsabteilung des Landes Niederösterreich gewonnen werden, die unter anderem zwei Halbstipendien finanziert.

Emotionen erzeugen, die Komplexität und Verständnis fördern, und nicht Selbstbestätigung, ist ein Ziel. „Das ist der prickelnde Punkt und unterscheidet uns von Storytelling für Manager*innen. Wir werden immer Reibung und Gegenmeinung suchen und eher die produktive, menschliche, akzeptable Lösung des Konflikts, nicht die Ausschaltung der Gegenposition, wie in der Werbung“, so der wissenschaftliche Koordinator Junod. Anknüpfungspunkte im Haus gibt es reichlich mit den Themen Qualitätsjournalismus, Ausstellungsentwicklung, Gamification, Visualisierungen, dem Archiv der Zeitgenossen mit dem Vorlass von Peter Turrini und einem Forschungsprojekt zum Kabarett als soziale und mediale Praxis. Angesiedelt ist der Lehrgang am Department für Kunst- und Kulturwissenschaften. Die Bewerbung läuft bis Ende Juli 2026 und ein Abschluss ist als Akademische*r Expert*in oder Master möglich.

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STAGE NARRATION

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Dieser Studiengang vereint auf einzigartige Weise künstlerisches Denken und gesellschaftliche Fragestellungen. Es geht um Erzählung, um Vermittlung, um Dialog – und letztendlich um demokratische Praxis.

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WORTWIEGE FESTIVAL

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