Kleine Maschinen und klassische Musik

Die Chemikerin Yolanda Salinas Soler entwickelt funktionale Nanomaterialien, um gesellschaftliche Herausforderungen zu lösen. Ihre Nanoroboter, so klein wie Viren, bewegen sich eigenständig, erkennen Umgebungen oder liefern Wirkstoffe. Sobald sie ihre Mission erfüllt haben, sind sie darauf ausgelegt, sich rückstandsfrei aufzulösen. Dieses futuristische Konzept, inspiriert von Isaac Asimovs Roman „Die fantastische Reise“, wird derzeit im Labor umgesetzt.
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Den Film „Fantastic Voyage“ aus 1966, basierend auf einem Roman von Isaac Asimov, hat Yolanda Salinas Soler mit ihrem Vater etliche Male angesehen. Darin reist ein Team miniaturisierter Wissenschaftler in einem U-Boot durch den menschlichen Körper, um ein lebensbedrohliches Blutgerinnsel im Gehirn eines Wissenschaftlers zu entfernen. Heute entwirft und bereitet die Chemikerin im Labor Nanoroboter vor, die so klein wie Viren sind, und eigenständig durch den Blutkreislauf wandern sollen, um Wirkstoffe gezielt zu Tumorzellen zu transportieren. Darüber hinaus können sie zur Reinigung von Abwasser oder zum Abbau von Mikroplastik eingesetzt werden – und nach Erfüllung ihrer jeweiligen Aufgaben zerfallen sie in harmlose Einzelteile, ohne schädliche Rückstände zu hinterlassen.

Neben ihrer Liebe zu Science-Fiction brachte die in Spanien geborene Forscherin technisches Interesse, vielleicht sogar ein Talent für Gestaltung und Ingenieurwesen von Zuhause mit an die Universität: „Mein Bruder und ich waren die Ersten in unserer Familie, die studiert haben. Ich war immer neugierig, wie Dinge funktionieren, und es ist mir ein Anliegen, gesellschaftliche Herausforderungen durch Forschung anzugehen.“ Sie studierte zunächst Chemieingenieurwesen an der Universität Valencia. Für ihre Promotion in Chemie entwickelte sie an der Polytechnischen Universität Valencia chemische Sensor-Nanoplattformen, um Sprengstoffe in der Umwelt nachzuweisen. Mit einem Marie-Skłodowska-Curie-Stipendium zog sie nach London und arbeitete dort mit medizinischen Nanogelen für Krebstherapien. Heute umfasst die Liste ihrer Forschungsinteressen und chemischen Spezialisierungen fünf Zeilen – doch alle lassen sich unter dem Begriff „funktionale Nanomaterialien“ zusammenfassen.

Nach Stationen in sechs europäischen Ländern hat die Chemikerin Yolanda Salinas Soler als Proffessorin am IMC Krems ihre wissenschaftliche Heimat gefunden.

Im Zuge ihrer akademischen Laufbahn arbeitete sie mit verschiedenen internationalen Projektpartnern, Laborgruppen und in diversen Kooperationen. Die Kombination ihrer Erfahrungen führte zur Idee, kugelförmige Nanoträgerstrukturen mit Löchern – also winzige, perforierte Kugeln – für verschiedene Aufgaben zu beladen: einerseits mit Treibstoff für Nanomotoren, andererseits mit Wirkstoffen für Messung, Markierung, Abbau oder Abgabe. „Kleine beladene aktive Fahrzeuge, die sich durch die Blutgefäße bewegen, sind effizienter als Kapseln, die geschluckt werden müssen. Wird ein Chemotherapeutikum direkt am Tumor freigesetzt, gibt es weniger Nebenwirkungen.“ Das kommt Asimovs futuristischer Idee schon sehr nahe. Mit dieser Idee gewann sie ihr erstes unabhängiges Forschungsprojekt am Linz Institute of Technology und habilitierte im Oktober 2021 an der Johannes-Kepler-Universität. Der Machbarkeitsnachweis für Hybridmaterialien aus Siliziumdioxid mit organischen und polymeren Verbindungen wurde durch zahlreiche Publikationen erbracht. Nun legen verschiedene Forschungsprojekte am IMC Krems den Fokus auf die Optimierung für spezifische Anwendungen, etwa die Abwasserbehandlung, den Abbau von Mikroplastik oder die Früherkennung neurologischer Störungen. Die Chemikerin liebt die interdisziplinäre Arbeit, dahinter. Als Optimistin ist sie überzeugt, dass sie die Anwendung noch erleben wird.

Yolanda Salinas Soler ist überzeugte Europäerin – von ihrem ERASMUS-Aufenthalt in Belgien über ihre Prädoc-Forschungsaufenthalte in Dänemark und Deutschland bis hin zu den Postdoc-Stationen in England und Frankreich. Sie ist kommunikativ, schätzt die Zusammenarbeit und hat sich ein großes berufliches und freundschaftliches Netzwerk aufgebaut: „Ich habe das Beste aus den Arbeits- und Lebensstilen aller Orte mitgenommen. Wenn man von woanders kommt, muss man flexibel bleiben und versuchen, sich sozial einzubringen“, sagt sie. Wenn jemand zu Besuch kommt oder neu im Team ist, heißt sie die Person willkommen. Wo immer sie war, hat sie versucht, die Landessprache zu lernen und die lokale Küche zu erkunden: „Ich bewahre meinen spanischen Stil“, sagt sie, „aber ich liebe es, internationale Abendessen auszurichten.“ Früher hielt sie den Kontakt zu Familie und Freunden durch Briefe, heute glücklicherweise durch WhatsApp-Videoanrufe.

Yolanda Salinas Soler, hier neben Institutsleiter Uwe Rinner und jungen Nachwuchsforscher*innen, gibt ihren Optimismus gerne weiter: „Ich sage ihnen, sie sollen nicht aufgeben, dass Frustration normal ist. Manche Probleme erfordern Ausdauer, aber Schritt für Schritt kommt man ans Ziel.“

Seit Februar 2025 ist die mehrfach ausgezeichnete Wissenschaftlerin am Institut für Angewandte Chemie des IMC Krems, wo sie auch eine Mentorin für Absolventinnen und Nachwuchsforscherinnen ist: „Ich habe mich in Österreich sofort zu Hause gefühlt“, sagt sie. „Ich spürte, dass ich hier lange leben könnte, und habe mich auch musikalisch mit meinem Horn, meiner zweiten Leidenschaft, gut integriert.“ Doch nicht nur das musikalische Erbe Österreichs passt zu ihr. Zehn Jahre lang arbeitete sie in Linz als Principal Investigator und Assistenzprofessorin, lernte dort ihren Mann kennen und ihre Tochter wurde geboren. Die Professur ist ein lebenslanger Traum, der in Krems in Erfüllung gegangen ist. Alle Aufgaben, die mit der Stelle verbunden sind, nimmt sie gerne an, besonders die Lehre. Sie sieht sich als Coach, als „Open-Door-Person“, immer bereit, zusätzliche Hilfe zu leisten. Wenn Studierende ihre Ziele erreichen und Prüfungen bestehen, macht sie das glücklich: „Ich sage ihnen, sie sollen nicht aufgeben, dass Frustration normal ist. Manche Probleme erfordern Ausdauer, aber Schritt für Schritt kommt man ans Ziel.“ Schrittweises Denken bis zum Ende ist auch für die Einhaltung der „Green Chemistry“-Prinzipien und geltender Umweltstandards wichtig: „Ich möchte mit neuen Funktionen oder Materialien keine neuen Probleme schaffen. Deshalb entwickeln wir sie mit ungiftigen und harmlosen Substanzen und so, dass sich die Nanostrukturen nach Gebrauch zersetzen.“ Die Einsatzmöglichkeiten von Nanomaterialien sind nahezu unbegrenzt – von der Diagnose von Krankheiten und der Wirkstoffabgabe bis zur Erkennung von Schadstoffen in der Umwelt.

Neben ihrer Forschungsarbeit spielt Yolanda Salinas Soler auch leidenschaftlich Horn, mit dem Orchester des Musikvereins St. Pölten etwa Werke von Haydn, Strauss und Mozart.

Die nötige Energie, Zeit und Unterstützung für ihre Aufgaben, findet sie bei Freunden und Familie: „Die meisten meiner Freunde sind in der Wissenschaft tätig, und wir helfen uns gegenseitig durch herausfordernde Tage. Meine spanische Familie unterstützt mich aus der Ferne, vor Ort helfen mir mein Mann und seine Familie. Etwa wenn unsere Tochter krank ist, und ich ins Labor muss oder meinen akademischen Pflichten nachkommen.“ Im Orchester des Musikvereins St. Pölten spielt sie Werke von Haydn, Strauss und Mozart. Wie man sich vorstellen kann, lässt sie sich auch von technisch anspruchsvollen Kompositionen nicht abschrecken.

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Um junge Menschen in ihrer
Heimatstadt Valencia zu
motivieren, hat die Chemikerin
ihren spannenden Werdegang
gemeinsam mit einer Lehrerin
zu Papier gebracht.  Vicente Sala Moya,
Yolanda Salinas Soler – Esfuerzo + Constancia = Éxito (übersetzt: Anstrengung + Ausdauer = Erfolg)

©IMC/ Lukas Bezila
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