Selbstwirksamkeit und Gestaltungsfreude vermitteln

Rund drei Jahrzehnte hat sich Johannes Lindner von der KPH Wien/Niederösterreich für Entrepreneurship Education eingesetzt. Seit 2023 ist das gesellschaftsrelevante Konzept altersadäquat an verschiedenen Schultypen im Lehrplan verankert und ermöglicht Schüler*innen zu erleben, wohin ihre Ideen führen können.
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Entrepreneurship Education (EE) klingt hochtrabend, ist im Kern aber bodenständig und handfest. Wie schafft man es, dass mehr (junge) Menschen sich überlegen, wie sie sich in der Gesellschaft mit guten Ideen einbringen und an ihr teilhaben? „Entrepreneurship Education kann die Zukunftsgestalter*innen heben“, ist Johannes Lindner von der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien/Niederösterreich überzeugt. Der Bundeskoordinator für Entrepreneurship Education des Bildungsministeriums und viele Verbündete haben einen langen Atem bewiesen, denn Lehrpläne werden nicht häufig verändert. 2023, gut dreißig Jahre nach dem ersten augenöffnenden Impuls in Bulgarien, wurde „Eigeninitiative und Entrepreneurship“, eine der EU-Schlüsselkompetenzen für lebenslanges Lernen, als übergreifendes Fach im Lehrplan verankert – zielgruppenadäquat ab der Primarstufe bis zur Matura. Dass es kein Schulversuch ist, sondern gleichsam Auftrag und Erlaubnis für Schulen hier aktiv und kreativ zu werden, kann nicht hoch genug geschätzt werden.

„Entrepreneurship bedeutet Teilhabe an der Gesellschaft – in der UNESCO-Arbeitsgruppe orientieren wir uns an drei Leitlinien: persönliche Entwicklung, wirtschaftliche Entwicklung und gesellschaftliche Entwicklung“, führt Johannes Lindner als Koordinator für das Team Entrepreneurship Education und wertebasierte Wirtschaftsdidaktik an der KPH Wien/Niederösterreich aus. Er kann etliche Projekte nennen, die auf diesem Boden bereits gediehen sind: Neben Sportfest, Theaterstück oder Schulparty auch Kampagnen gegen K.O.-Tropfen, für den Zebrastreifen vor der Schule oder die Streichung der Umsatzsteuer auf Periodenprodukte. Allen gemeinsam ist, dass Kinder und Jugendliche dabei lernen, gemeinsam eine eigene Idee umzusetzen oder ein Problem zu lösen. Idealerweise passiert das gleich mehrmals in ihrer Schullaufbahn und in verschiedenen Fächern, um das Gefühl und die Kompetenz zu verinnerlichen. Ein Teil bekommt diesen Spirit von Zuhause mit, den anderen „wollen wir diese Lernerlebnisse in der Schule ermöglichen. Sie werden es nie wieder vergessen, dieses Gefühl etwas zu bewegen, dass ihnen wichtig ist. Viele Leute glauben, dass Demokratie ein Selbstläufer ist. Aber das stimmt nicht: Wir machen sie gemeinsam“. Auch Bäume wachsen aus winzigen Samenkörnern.

Ins Klassenzimmer gelangt Entrepreneurship Education durch engagierte Pädagog*innen. Hier etwa die beteiligten Lehrer*innen beim Fest der Ideen des NEXT GENERATION Award.

Wie hat Johannes Lindner mit seiner Lebensaufgabe zusammengefunden? Der erste Grund für die beharrliche Beschäftigung liegt im Beruf. Für die nötige Bodenhaftung in der Lehrerausbildung unterrichtet er selbst zwei Klassen an einer Handelsakademie und sieht seine eigenen Schüler*innen aufblühen. In Bulgarien war der studierte Wirtschaftspädagoge in den 90er-Jahren in ein Reformprojekt zur Wirtschaftslehre-Ausbildung involviert. Dort war am Übergang vom kommunistischen zum kapitalistischen Wirtschaftssystem das gesellschaftliche Bild des Unternehmertums in Schieflage geraten. Inspiration fand er u.a. in Büchern des Deutschen Pioniers Günter Faltin, „Reichtum von unten. Die neuen Chancen der Kleinen“ und „Kopf schlägt Kapital. Die ganz andere Art ein Unternehmen zu gründen – Von der Lust ein Entrepreneur zu sein“, die er immer noch als Lektüre empfiehlt. Und auch die eigene Familiengeschichte hat ihn geprägt: „Meine Großeltern waren noch als Kleinhäusler einem bestimmten Stück Land in Niederösterreich zugeordnet. Ich bin in einer Großfamilie aufgewachsen, wo jeder mal etwas für die Gemeinschaft machen und Verantwortung übernehmen musste.“ Der Lehrer und Lehrer-Ausbildner weiß, dass Kinder sich ausprobieren und Dinge schaffen wollen. Heute wachsen sie immer öfter als Einzelkind auf, mit vielen Bezugspersonen, die sie servicieren können. So erleben sie nicht mehr oft, was es bedeutet, etwas selber zu machen, zu verantworten und zu schaffen.

Bei der EE-Umsetzung werden die Pädagog*innen mit Material, Veranstaltungen und Kooperationen unterstützt. In der Volksschule ist „Jedes Kind stärken“ am Start, damit alle Kinder Selbstwirksamkeit erleben, ihre Stärken und ihren Erfinder*innengeist erkennen. In Salzburg setzen bereits 80 Prozent der Volksschulen das Programm um. In der Sekundarstufe I (Unterstufe) übernimmt „Jugend stärken“.  Seit der Einführung gab es schon tausende WILMA Erfinder:innenwerkstätten, mit Unternehmen werden allein in Niederösterreich 2025/26 23 Youth Entrepreneurship Wochen veranstaltet, die FH Wiener Neustadt und der Standort Wieselburg und die University of Applied Sciences St. Pölten veranstalten Change Maker Markttage.

GOLD beim „Youth Start – European Entrepreneurship Award“ für das Team „Curiosity Crates“ der Handelsakademie Bruck an der Leitha.

Die Wirkung des Youth Start Entrepreneurial Challenges-Programms auf Schüler*innen in Luxemburg, Österreich, Portugal und Slowenien wurde auch erforscht. In drei aufeinanderfolgenden Schuljahren wurden etwa 30.000 Schüler*innen aus 175 Schulen und 15 unterschiedlichen Schultypen nach dem Zufallsprinzip in Versuchs- und Kontrollgruppen eingeteilt und befragt. Die Forschungsergebnisse der randomisierten Studien zeigen, dass sich das modular konzipierte Programm für alle untersuchten Schultypen (Volksschule, Mittelschule, Berufsschule, Handelsschule, Handelsakademie sowie Humanberufliche Schule und HTL) eignet. Schüler*innen, die mit dem Programm lernen, weisen eine höhere Planungs-, Wirtschafts-, Finanz- und unternehmerische Kompetenz auf als Schüler*innen der Kontrollgruppe. Zudem sind sie im Vergleich kreativer, verfügen über eine höhere intrinsische Motivation, können besser mit Unsicherheit umgehen und engagieren sich mehr in der Schule.

Schon Sokrates hat über die Jugend seiner Zeit gemeckert, umso wohltuender ist diese Lehrerperspektive: „Ich habe ein durchwegs positives und optimistisches Bild von unseren Kindern und Jugendlichen. Sehr viele von ihnen wollen gesellschaftliche Probleme lösen – da wächst eine coole Generation heran.“

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