Unbeirrt steuert die Frau in Rock und Weste durch die Altstadt von Bologna. Über ihren Schultern trägt sie ein Rohr aus Karton, es ist über und über mit Schrift bedeckt. Als sie es abstellt, nähern sich Passant*innen, neugierig, entziffern die Zeilen, die Greta Schödl darauf geschrieben hat: „Tubo“ (italienisch: „Rohr“). So lautet auch der Titel der Performance, die sie 1978 durchführte. Damit trat sie in Kontakt mit der Öffentlichkeit, löste die Grenzen zwischen Kunst und Alltag im urbanistischen Gefüge auf.
Erste österreichische Museumsausstellung
Greta Schödl, diese einzigartige und vielfältige Künstlerin, lebt seit den 1950er-Jahren in Bologna. Dass sie in Österreich bis vor wenigen Jahren kaum jemand kannte, gehört zu den großen Rätseln und Versäumnissen der Vergangenheit; schließlich wurde Greta Schödl 1929 in Hollabrunn geboren. Mit ihrer Ausstellung in der Landesgalerie Niederösterreich, kuratiert von deren künstlerischer Leiterin Gerda Ridler, gemeinsam mit Berthold Ecker, feiert sie ihren ersten musealen Auftritt in ihrem Heimatland.


Dass die einzigartige und vielfältige Künstlerin in Österreich bis vor wenigen Jahren kaum jemand kannte, gehört zu den großen Rätseln und Versäumnissen der Vergangenheit; schließlich wurde sie 1929 in Hollabrunn geboren.
Der Parcours breitet ihr Oeuvre seit den Fifties aus. Es ist geprägt von Greta Schödls Liebe zur Sprache, zur Poesie, von ihrem bildlichen Erfindungsreichtum, ihren feministischen Ansätzen, ihrem Witz und ihrer Nonchalance gegenüber einer Hierarchie der künstlerischen Gattungen, bei der traditionell die Malerei den Vorrang gegenüber allem anderen hat. Da überziehen die immer gleichen Worte Marmor- und Granitblöcke sowie Alltagsmaterialien aller Art – von Geschirrtüchern bis zum Bügelbrett; geben „asemische Schriften“ – also buchstabenartige Zeichen, die jedoch keine sprachliche Bedeutung haben – Rätsel auf, ebenso wie ihre hier erstmals öffentlich präsentierten „Traumbilder“. Bildchen quellen aus einem Bügeleisen, weibliche Hände verknoten sich mit einem Gesetzesbuch, den Ungerechtigkeiten Justitias gegenüber Frauen bis in die 1980er-Jahre nicht entkommend.


Greta Schödls Werk zeigt ihrer Liebe zu Sprache und Poesie, ihren bildlichen Erfindungsreichtum, ihre feministischen Ansätze und ihre Nonchalance gegenüber künstlerischen Gattungshierarchien.
Tochter eines Tierarztes
Greta Schödl, die Mittneunzigerin, öffnete dem Kurator*innenduo freimütig ihr Atelier. In einem Video, das anlässlich der Ausstellung entstand, erzählt sie offen und geistig hellwach über ihre Arbeit und ihr Leben. Auch ask – art & science krems trat mit ihr in Kontakt, per Videoanruf und per Mail. Und so lautet die erste Frage: Wie kamen Sie, Greta Schödl, als Tochter eines Tierarztes im Weinviertel, zur Kunst? Schödl lässt wissen: „Mein Vater war ein neugieriger Mann mit einer großen Leidenschaft für die Wissenschaft. Er lehrte mich, Pflanzen zu beobachten: ihre Formen, ihre Farben, ihre Düfte. Er vermittelte mir eine wissenschaftliche, aufmerksame und tiefgehende Art des Sehens. So begann ich, Pflanzen zu sammeln, zu katalogisieren und zu beobachten. Nach und nach verwandelte sich das Herbarium in Kunstbücher, und von dort aus begann ich, meine künstlerische Ader zu entwickeln.“


Ihr Vater lehrte Greta Schödl das genaue Betrachten der Natur. „So begann ich, Pflanzen zu sammeln, zu katalogisieren und zu beobachten. Nach und nach verwandelte sich das Herbarium in Kunstbücher, und von dort aus begann ich, meine künstlerische Ader zu entwickeln.“
So zog es die ambitionierte junge Frau an die Akademie für angewandte Kunst (heute: Universität für angewandte Kunst). Bis heute spricht sie in den höchsten Tönen von diesen Jahren, als eine „wunderschöne Zeit“ an einem „äußerst anregendem Ort“. Als beste Studentin des Jahres zeichnete man sie 1953 aus.
Lebensnotwendiges Bedürfnis
Dann übersiedelte sie, der Liebe wegen, nach Bologna, gründete eine Familie, trat künstlerisch deswegen etwas leiser, ging jedoch jeden Tag in ihr Atelier. „Sicherlich gab es Zeiten, in denen ich etwas langsamer gearbeitet habe, aber ich habe meinen künstlerischen Ausdruck nie aufgegeben“, so Schödl. „Für mich war er immer ein lebensnotwendiges Bedürfnis. Ich hätte niemals darauf verzichten können.“
Dann, in den Sixties und Seventies, begann sich in Italien langsam eine feministische Gegenbewegung zum Machismo zu formieren. Greta Schödl tauchte wieder mehr in die Kunst ein und beleuchtete Themen wie Care-Arbeit sowie die Stellung von Frauen im Rechtssystem und Normierungen. So erinnert sie sich daran: „Die Kunstwelt war äußerst männlich geprägt, und für Frauen war es sehr schwierig, Räume zum Ausstellen zu finden und angemessene Anerkennung zu erhalten.“ Doch Kolleginnen wie Mirella Bentivoglio und Maria Lai inspirierten sie. Erstere lud sie übrigens zu ihrem ersten Auftritt bei der Biennale Venedig bereits 1978 ein. 2024 sollte sie mit ihrer Kunst zu dem weltweit wichtigsten Kunstfestival zurückkehren – und steigerte damit enorm ihre internationale Sichtbarkeit, auch dank ihrer Galerie Richard Saltoun.
Wichtige Stimme
Gerda Ridler zählt Schödl „zu den stillen und eigenständigen Positionen in der österreichischen Nachkriegskunst“, die ihre Bildsprache „im Austausch mit den internationalen Avantgarden ihrer Zeit“ entwickelt habe. „Sie ist eine wichtige Stimme der internationalen visuellen Poesie.“ Wer durch ihre Ausstellung in Krems geht, ist beeindruckt vom visuellen Rhythmus, den Greta Schödl durch das repetitive Aneinanderreihen von Worten erzeugt. Blattgold, mit dem sie einzelne Schlingen in Buchstaben ausfüllte, erzeugen zusätzliche Dynamik. „Mit der Hand zu schreiben sagt uns, wer wir sind“, schrieb sie einmal. Gegenüber ask – art & science krems erzählt sie: „Wenn ich ein Wort unendlich oft wiederhole, löst sich seine Bedeutung nach und nach auf, und nur seine Spur bleibt zurück. Diese Spur wird zu einer Schwingung: zu jener, die zwischen mir und dem Objekt entsteht.“ Die goldenen Ergänzungen sind für sie „Lichtpunkte, die diese neue Sprache hervorheben. Das Wort ist nicht mehr da: Es bleibt nur die Schwingung.“


Für Kuratorin Gerda Ridler ist Greta Schödl „eine wichtige Stimme der internationalen visuellen Poesie.“. In ihrem Werk überziehen Worte und buchstabenartige Zeichen Marmor- und Granitblöcke sowie Alltagsmaterialien aller Art – von Geschirrtüchern bis zum Bügelbrett.
Übrigens ist ihr Atelier ausgerechnet in der Via de’ Poeti, der Straße der Dichter, in Bologna. Zufall? Wahrscheinlich nicht wirklich, meint sie. „Vielleicht war es der Ort, der mich gewählt hat.“ Dort oder in ihrem Sommerrefugium am Land versucht sie, weiterhin täglich zu arbeiten. „Es ist dieser Wunsch, dieses Ziel, das mich am Leben hält.“
Astrid Kuffner


