Was machen -ismen mit Menschen? Sie ersparen den einen nachzudenken und verdichten sich für die anderen zu lebensbeeinträchtigenden Brettern vor dem Kopf. Das gilt laut Weltgesundheitsorganisation auch für die weltweit verbreitete Altersdiskriminierung (Ageism). Gemeint ist das Paket aus Stereotypen, Vorurteilen und Benachteiligungen – im Gesundheitswesen zumeist an das fortgeschrittene Lebensalter geknüpft. Niemand kann sich dem Alterungsprozess entziehen und immer mehr Menschen erreichen in Österreich ein höheres Lebensalter. Wenn wir also alle in diese Gasse kommen, warum gestalten wir diese nicht besser und bewusster?
Im Rahmen der bis 2030 laufenden „UN-Decade of Healthy Ageing“ der WHO beschäftigt sich Hanna Köttl am IMC Krems intensiv mit dem Abbau von altersbedingten Vorurteilen an der Schnittstelle von Technologie und Gesundheitswesen. Mit September 2025 hat sie zusätzlich zu ihren Aufgaben als Leiterin des Master-Studiengangs „Angewandte Gesundheitswissenschaften“ die Forschungsprofessur EQUIP-AI zu altersinklusiver und gerechter KI im Gesundheitswesen angetreten: „Ageism schadet nachweislich Gesundheit und Wohlbefinden und führt zu horrenden Kosten. Gezielte Aufklärungsarbeit leistet wiederum einen Beitrag zu gerechterer und qualitätsvoller Gesundheitsversorgung für Menschen jeden Alters. Mit meiner Forschung möchte ich die voranschreitende Technologisierung mitgestalten, damit diese den Bedürfnissen und Wünschen der Endnutzer*innen tatsächlich dient.“ Generell werden Menschen im fortgeschrittenen Lebensalter häufig als homogene Gruppe dargestellt. In Medien begegnen uns zumeist zwei Extreme – die große Vielfalt des Alterns geht dabei verloren. Entweder werden ältere Menschen als besonders fragil, hilfsbedürftig und krank gezeigt oder als außergewöhnlich aktiv, reisefreudig, sportlich und fit. Diese Bilder sind leichter zu kommunizieren als die komplexe Realität.



Entgegen dem in Medien vermittelten Bild von entweder besonders fragilen oder außergewöhnlich aktiven älteren Menschen ist die Realität um einiges vielfältiger.
Willkürliche Grenzen – nicht nur im Kopf
In der EU erfährt jede dritte Person über 65 Jahren beleidigendes Verhalten, erlebt Missbrauch, oder es werden ihnen Dienstleistungen verweigert. Dass ältere Menschen automatisch von einer sinnvollen Behandlung ausgeschlossen wurden, markiert für Hanna Köttl den Grundstein ihrer Beschäftigung mit dem Thema: „Ich habe als Ergotherapeutin in der Akutpsychiatrie gearbeitet. In der Abteilung waren damals Menschen über 60 von jener Behandlung ausgeschlossen, von der sie stark profitiert hätten. Ich hatte keinen Begriff dafür, aber es hat mich irritiert, und so habe ich letztlich die Gerontopsychiatrie dort mit aufgebaut“.
Als Ergotherapeutin ist sie darin geschult, neben der Person auch die kulturelle, soziale, institutionelle, religiöse und politische Umwelt in den Fokus zu nehmen. Im Rahmen von Ausbildung und Forschung nutzte die Vöcklabruckerin, die heute in Wien lebt, immer wieder die Gelegenheit zu interkultureller Begegnung und der Konfrontation mit den eigenen Grenzen in fremder Umgebung. Sie arbeitete in Togo in einer Einrichtung für obdachlose Kinder, in Bangladesch als Ergotherapeutin mit Rückenmarksverletzten, als Doktorandin und Marie Curie Fellow in Israel, für die United Nations Economic Commission for Europe in der Schweiz und die AGE Platform Europe in Belgien. Sie schrieb an Policy Empfehlungen für die Grundrechteagentur FRA mit und arbeitet gerade mit dem ASEM Global Aging Centre in Südkorea zusammen. Ab ihrem European Master of Science in Occupational Therapy (in Schweden, Schweiz, Niederlande, Dänemark und UK) ging es thematisch immer um Digitalisierung und wie sie Menschen Teilhabe ermöglichen könnte.

Bei KI-Lösungen mitreden
An der Schnittstelle von Künstlicher Intelligenz und altersgerechter Gesundheitsversorgung sieht Köttl Risiken und Potenzial: „KI ist nie neutral, sie lernt aus Daten der Vergangenheit und übernimmt damit auch deren Vorurteile und Stereotype, wenn nicht gegengesteuert wird. Ältere Menschen sind historisch betrachtet in digitalen Aktivitäten und Online-Datenräumen weniger vertreten, die eine wichtige Datenbasis für große Sprachmodelle (LLMs) darstellen.“ Technisch gäbe es Möglichkeiten (intersektionalen) Bias zu reduzieren, aber auch Entwicklungsteams sind wenig divers. Die Forscherin setzt in kommenden Projekten auf partizipative Ansätze. Denn nur wenn ältere Menschen in die Entwicklung von Tools und Technologien eingebunden werden, wird ihre Perspektive mitgedacht. KI oder andere digitale Lösungen werden in Medien, Politik und Innovationsdebatten häufig als Antwort auf die Herausforderungen des demografischen Wandels präsentiert. Köttl plädiert für einen differenzierten Blick auf solche Lösungsnarrative. „Interdisziplinarität ist für mich wichtig, weil dort technische, ethische und sozialwissenschaftliche Perspektiven zusammenkommen“, sagt sie. Technologien können neue Möglichkeiten eröffnen und zur Bewältigung einzelner Herausforderungen beitragen. Die Gestaltung einer alternden Gesellschaft erfordert jedoch mehr als technische Innovationen allein.


Die Forscherin setzt in kommenden Projekten auf partizipative Ansätze. Denn nur wenn ältere Menschen in die Entwicklung von Tools und Technologien eingebunden werden, wird ihre Perspektive mitgedacht.
Generative KI im Gesundheitswesen
Weil damit zu rechnen ist, dass auch Gesundheitsexpert*innen generative KI-Systeme für klinische Entscheidungen nutzen, betreute Hanna Köttl eine Masterarbeit, welche die Konstruktion der Outputs in Google Gemini (KI-Assistent von Google) auswertete. Die Chatbot-Eingabe wurde in Alter (20 oder 75 Jahre) und Geschlechtsidentität variiert und erkundigte sich nach den Konsequenzen von Syphillis auf das eigene Leben und was für Folgen die Diagnose mittel- bis langfristig haben würde. Gearbeitet wurde auch mit „counterfactual prompting“, denn wer traut einer 75-jährigen Frau hierzulande zu, dass sie sich eine sexuell übertragbare Krankheit holt? Die Antworten unterschieden sich erheblich: sprachlich und inhaltlich etwa in Hinblick auf Tonfall, genannte Risiken und angenommene Handlungsfähigkeit. Eine andere Studie konfrontierte Physio- und Ergotherapie-Studierende mit einer ME/CFS Fallstudie, um herauszuarbeiten, inwieweit jüngere und ältere Personengruppen das Assessment, die Prognose sowie die Auswahl therapeutischer Methoden beeinflussen. Und wie die Studierenden gewillt wären, Annahmen anzupassen, wenn sie eine perfekte altersinklusive LLM-Antwort auf diese Fallstudie vorgelegt bekommen.

Lebenslanges Lernen
Im von ihr geleiteten Master-Studiengang bilden sich Gesundheitsexpert*innen aus der Praxis weiter. Hanna Köttl will diese darin unterstützen, selbstbewusst über den Tellerrand zu schauen, zu reflektieren und mit der eigenen Expertise auf einer strategischen Ebene in Prävention und Gesundheitsförderung aktiv zu werden. Wenn sie eine Sache bis 2030 radikal ändern könnte, würde Hanna Köttl schon bei Kindergartenkindern ansetzen, die Stereotype zum Altern und Altsein aufzubrechen, einen positiveren und vielfältigeren Blick zu schulen. Denn lebenslang verinnerlichte Vorstellungen prägen später das eigene Leben mit.
Die UN-Dekade für gesundes Altern beschreibt höheres Lebensalter entsprechend breit als eine aktive Lebensphase, in der Entscheidungen getroffen, Beziehungen gepflegt, der Alltag gestaltet und Möglichkeiten geboten werden. In welchem der Länder, die Hanna Köttl besser kennt, sich der Lebensabend am besten verbringen lässt, kann sie nicht beantworten. Sie selbst möchte „mit 75 noch mit verschiedenen Menschen zusammenarbeiten, bedeutungsvolle soziale Kontakte pflegen und Neues lernen – mit etwas mehr Zeit zum Wandern“.



