Als Soli Kiani noch nicht ganz so bekannt war wie heute, im Jahr 2020, stellte sie einmal in den gediegenen Räumlichkeiten von Sotheby’s Wien aus. Wie ein Schlag in die Magengrube wirkte diese Schau. Dort hingen Hanfseile von der Decke, als Verweis auf Hinrichtungen in Kianis Geburtsland Iran. Ausdrucke aus dem iranischen Gesetzbuch demonstrierten die drakonischen, menschenrechtsfeindlichen Strafen für den Konsum von Alkohol und sexuelles Verhalten, das dem Regime nicht passt. In den vergangenen sechs Jahren hat sich die Lage für die Menschen im Iran weiter verschärft, das Terrorregime der Mullahs mordet weiter, während Donald Trump das Land mit einem Krieg angriff, der das Leid der Bevölkerung verschlimmerte.


Die Künstlerin Soli Kiani thematisiert in ihren Werken Herkunft, Körperlichkeit und patriarchale Strukturen. Hier zu sehen die Arbeit „Azad“ | 2025
Geschichten von Widerständischen und Opfern
Soli Kiani blieb dem politischen Engagement in ihrer Kunst treu. Diese ist ziemlich gefragt. Schon 2022 lud sie die Tageszeitung Kurier ein, seine Sonntagsausgabe zu gestalten. Erst kürzlich widmete ihr zudem das „Kulturmagazin“ der Presse seine Covergeschichte. Und Ausstellungen hat sie ohnehin am laufenden Band; demnächst werden ihre Arbeiten im Wiener Belvedere zu sehen sein. Das hat wohl nicht nur mit der Brisanz ihrer Arbeit zu tun, sondern auch mit ihrer künstlerischen Konsequenz, die sich in einer klaren Handschrift ausdrückt. Als ask – art & science krems die Künstlerin in ihrem Wiener Atelier, zwei Räumen mit rohen Ziegelwänden und hohen Fenstern im Erdgeschoss eines Gründerzeitbaus, besucht, harren gerade ihre mehrere Meter hohen Skulpturen der Abholung. Sie werden in die Dominikanerkirche in Krems transportiert, wo die Kunsthalle Krems eine Einzelausstellung von ihr zeigt (Kurator: Florian Steininger). Auf Betonsockeln türmt sich jeweils eine Unmenge an Hanfseilen in die Höhe, in unterschiedliche Formen gebracht. Schon 2020 waren sie als Anspielung auf Hinrichtungen im Iran zu verstehen, denn ebensolche Seile kommen dabei zum Einsatz. „Manche Knoten sind angelehnt an die Stricke bei Hinrichtungen“, erzählt Kiani. „Es gibt aber auch Gitterformen; sie symbolisieren das Gefängnis.“ Die Skulpturen erscheinen zwar abstrakt, aber gleichzeitig wohnt ihnen etwas Wesenhaftes inne.

Ähnliche Arbeiten produziert Kiani schon seit geraumer Zeit. Seit Neuestem graviert sie in die Betonsockel Namen ein, von Menschen, die im Iran auf die Straße gingen und Opfer des Regimes wurden. Ihre Geschichten lassen sich in Krems per QR-Code lesen. Azad Shojaei, 46 Jahre alt, am 25. Juni 2025 unter dem Vorwurf der „Zusammenarbeit mit Israel“ hingerichtet. Robina Aminian, 24, am 8. Jänner 2026 während einer Demonstration in Teheran von der Revolutionsgarde erschossen. Illia Valipour Ahrijani, 18, am selben Tag in Gohardasht (Karaj) mit scharfer Munition ins Herz aus nächster Nähe getötet. Soli Kiani sagt: „Geschichten einzelner Menschen berühren mehr als allgemeine Informationen.“
Wesen mit Wirbelsäulen
Neben diesen Skulpturen ist Soli Kiani schon seit Längerem für ihre inszenierten Fotografien bekannt. Eine davon zeigt den nackten Unterleib einer Frau, dazu hält sie in der Hand eine Burka, wie ein Kommentar zu den Zwängen, denen Frauen schon durch Bekleidungsvorschriften oder -verbote unterworfen werden. In der Dominikanerkirche hängt eine in Malerei und Zeichnung umgesetzte Version davon in der Chorapsis. „Auch in Kirchen hängen weibliche Akte“, so Soli Kiani. „Meine Fotografie zeigt allerdings nicht den Blick von Männern, und hier steht der Akt für weibliche Selbstbestimmung.“

Was hat die Künstlerin geprägt? Wenn sie über ihren künstlerischen Werdegang spricht, so steht ihr Professor an der Universität für angewandte Kunst, Christian Ludwig Attersee, weit oben. Später befasste sie sich viel mit feministischer Kunst. „Werke wie die von Valie Export wurden mit der Zeit wichtiger für mich. Manches verstand ich nicht gleich, zum Beispiel Marina Abramović. Als ich ihre Autobiografie las, erschloss sich aber vieles für mich.“ 1981 in Shiraz geboren, malte Soli Kiani schon in ihrer Kindheit sehr gerne, vor allem „fotorealistische Bilder, etwa von Landschaften und spielenden Kindern, Stillleben, Porträts von Familienmitgliedern“. Vor 26 Jahren kam sie nach Österreich, wenige Jahre später begann sie Kunst zu studieren. Damals wollte sie vor allem eines: „Schöne Bilder malen.“ Diese wurden dann abstrakt, ornamental, reliefartig, sie probierte vieles durch. Doch später war ihr das zu wenig. Sie las viel, „vor allem über den Iran. Dann kamen die Ideen. Ich traute mich mehr, experimentierte mit installativen Arbeiten und Fotos.“ Wie gut, dass es nicht bei den „schönen Bildern“ blieb.
Nina Schedlmayer


