Parastou Forouhar hat drei ziemlich intensive Wochen hinter sich. Immerhin konnte sie diese in einem angenehmen Raum zubringen, nämlich im Erdgeschoss der Landesgalerie Niederösterreich: Der weiträumige Space öffnet sich an zwei Seiten mit großen Fenstern zur Umgebung.
Korea, Australien, Krems
Hier schuf die Künstlerin, die 1962 in Teheran geboren wurde und seit 1991 in Deutschland lebt, eine Installation mit dem Titel „Written Room“. Beim Gespräch mit ask – art & science krems, wenige Tage vor der Eröffnung, steht sie mitten in ihrer Arbeit. Ihr langes, dunkles Arbeitsgewand übersäen schwarze und weiße Flecken. Sie erzählt: „Ich fand die Großzügigkeit des Raums sehr schön, auch den Blick nach außen. Museen sind sonst oft wie Kapseln.“ Hier hingegen blickten Passant*innen hinein, beobachteten sie bei der Arbeit. Es ist nicht das erste Mal, dass Parastou Forouhar einen „Written Room“ gestaltet, seit 1995 realisierte sie beschriftete Räume in aller Welt, zwischen Korea, USA und Australien.

Und nun Krems. Mittlerweile kennt Parastou Forouhar jede Ecke hier. Auf einer Platte stehen Acrylfarben in Dosen und Bechern sowie Pinsel in unterschiedlicher Breite, die auf ihren Einsatz warten. Der Großteil des Raums ist jedoch schon fertig: Schwarze Schriftzeichen wandern über Wände und Boden, alles weiß ausgemalt.
Schon vor längerem besichtigte Forouhar den Ort, um seine Atmosphäre zu erfassen. Vor dem Fenster, das zur Straße weist, begann sie dann zu malen. „Am Anfang fängt die Arbeit eher schüchtern an, dann entfaltet sich ein Rhythmus, ein Fluss“, erzählt sie. Sobald der erste Teil gewachsen ist, macht sie an anderer Stelle weiter. Skizzen wären dabei hinderlich, alles entsteht intuitiv vor Ort.
Kalligrafisches Stottern
Die arabischen Schriftzeichen sind für Sprachunkundige nicht lesbar; doch auch des Persischen Mächtige können sie nicht enträtseln, handelt es sich doch um Wortfragmente, aneinandergereihte Silben. Die Kuratorin Susan Wintsch verglich sie einmal mit Stottern und Stammeln. Und sie brechen in ihrer Nonsenshaftigkeit mit der klassischen Kalligrafie, die sakralen Texten besondere Bedeutung verleiht. Zudem stehen Parastou Forouhars „Written Rooms“ in Zusammenhang mit dem Thema Exil und Migration. Jene, die in einen anderen Sprachraum einwandern, verlieren oft den Bezug zur eigenen Muttersprache. In einem Gespräch mit Gerda Ridler, der künstlerischen Leiterin der Landesgalerie und Kuratorin der Ausstellung, sagt die Künstlerin: „Meine Alltagssprache ist eine andere als meine Muttersprache geworden. ‚Written Room‘ bewegt sich genau in diesem Zwischenraum: zwischen Erinnerung und Realität. Die entfremdete Schrift ist für mich ein Sinnbild für diesen Zustand.“ So lassen sich die „Written Rooms“ als zutiefst politisch verstehen.

Forouhars künstlerische Praxis umfasst verschiedene Zugänge, sie arbeitet mit digitalen Drucken ebenso wie mit Objekten und dokumentarischen Ansätzen. „Documentation“ heißt eine Installation, in der sie Dokumente über die Ermordung ihrer Eltern, Dariush und Parvaneh Forouhar, 1998 versammelt: Gerichtsakten, Zeitungsberichte und vieles mehr. Den Widerstand gegen das iranische Regime hat Parastou Forouhar nie aufgegeben. Bis heute veranstaltet sie jedes Jahr am 21. November, dem Todestag ihrer Eltern, ein Gedenken in ihrem Elternhaus in Teheran, das sie damit, wie sie sagt, zu einem „Ort des Widerstands“ macht.
Dumm wie Kopfsalat
Angesichts der jüngsten Ereignisse im Iran, wo das Regime Anfang des Jahres ein unfassbares Massaker mit so vielen Toten wie nie zuvor verübte und dessen Bewohner*innen unter Donald Trumps irrationalem Krieg leiden, stellt sich unweigerlich die Frage: Woher nimmt Parastou Forouhar den Mut, in den Iran einzureisen? Überhaupt, wo sie schon einmal zu acht Jahren bedingter Haft verurteilt wurde? „Wenn man nichts gegen das Regime tut, verliert man den Halt. Dann überlässt man die Entscheidung der Angst. Das wäre viel schlimmer.“

Ihre eigene Anklage war so absurd, dass sie bis heute darüber lacht: Für Objekte aus Sitzsäcken, die sie in der Ausstellung „Die Macht des Ornaments“ 2009 im Wiener Belvedere zeigte, verwendete sie Stoffe aus religiösen Kontexten. Man unterstellte ihr nicht nur Blasphemie, sondern auch, einen Ort für Konspirationen gegen den Iran geschaffen zu haben. „Der Richter war dumm wie Kopfsalat“, lacht sie. Warum ist die Furcht der Diktatoren vor Kunst so groß? „Weil sie mit freiem Denken zu tun hat und sich gegen die Normen und Raster, die für solche Regime wichtig sind, richtet“, antwortet sie ohne zu zögern.
Gegen Normen und Raster anzugehen: Das macht Parastou Forouhar auch mit ihrem wunderbaren „Written Room“ in der Landesgalerie Niederösterreich.
Nina Schedlmayer


