Ein guter Teil von Oliver Schopfs Oeuvre würde ohne Paragraf 22 des Mediengesetzes nicht existieren. Dieser lautet: „Fernseh- und Hörfunkaufnahmen und -übertragungen sowie Film- und Fotoaufnahmen von Verhandlungen der Gerichte sind unzulässig.“
Schwerverbrecher und Societygröße
Ohne dieses Verbot hätte die österreichische Tageszeitung „Der Standard“ den Karikaturisten, Zeichner und ehemaligen Studenten der Wiener Akademie der bildenden Künste wohl kaum zum Lucona-Prozess rund um Udo Proksch, Schwerverbrecher und schillernde Societygröße, geschickt. Nun sind Schopfs Gerichtszeichnungen Teil der Ausstellung „Oliver Schopf. Nichts als die Wahrheit“, die das Karikaturmuseum Krems ab 21. Februar zeigt. Mit dem Prozess Anfang der 1990er-Jahre startete der gebürtige Tiroler einen bedeutenden Strang in seinem Werk.
Seit 1988 arbeitet Oliver Schopf beim „Standard“ als Karikaturist; zudem erschienen seine Arbeiten in internationalen Blättern wie „Le Monde“, der „Süddeutschen Zeitung“, dem „Guardian“ und „El Pais“. An den Lucona-Prozess erinnert er sich im Gespräch mit ask – art & science krems in seiner Wohnung nahe der Alten Donau in Wien so: „Proksch gab sich bei Gericht wie auf einer Bühne, machte sich wichtig, hielt Zeugen das Mikro.“ In Zeichnungen kann sich offenbaren, was auf Fotos möglicherweise verborgen bleibt: die Millisekunde einer Geste, einer Mimik kann in dem Moment, wo der Auslöser klickt, schon wieder vorbei sein; ein Zeichner kann sie jedoch aus dem Gedächtnis rekonstruieren. Zudem kann er das Geschehen verdichten oder auf einem Blatt in zeitlicher Abfolge darstellen.

Burgtheater und Salzburger Festspiele in einem
Oliver Schopf entwickelte für diese Sparte seines Schaffens eine charakteristische Stilistik: Aquarellfarbenspritzer schaffen Dramatik und Dynamik; in der karikaturhaften Überzeichnung von Gesichtern hält sich Oliver Schopf – im Vergleich zu Kolleg*innen – aber zurück. Über die Spezifika österreichischer Gerichtsprozesse sagt er: „Bei uns ist das immer so eine Staatsoperette. Und eine öffentliche Bühne: Burgtheater und Salzburger Festspiele in einem.“
Einen Wendepunkt stellte der BAWAG-Prozess 2007 und 2008 dar, den er 117 Tage lang verfolgte. „Es gab dann einen Leerlauf“, erinnert er sich. Mit den Gutachtern kamen die Mühen der Ebene, das große Spektakel blieb aus. Dennoch bestand die damalige Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid darauf, dass Schopf gemeinsam mit der Investigativjournalistin Renate Graber weiterhin den Prozess begleitete. „Oft war zwei Stunden nix los, bis jemand ein Schlagwort sagte“, erinnert er sich. „Das habe ich dann gezeichnet.“ So sagte etwa ein Rechtsanwalt: „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Das inspirierte ihn zu einer Zeichnung, in der die Richterin das Tier hält. Auch Stilistika der Maler Karel Appel (von dem der Angeklagte Helmut Elsner ein Werk besaß) sowie Egon Schiele (nach dem der Saal benannt war) flossen ein.

„Ein eitler Kerl“
Im Unterschied zu Gerichtsreporter*innen, die sich auf das Gesagte konzentrieren müssen, fokussieren Gerichtszeichner*innen auf die Szenerie, Gestik, Mimik. Dazu kann Oliver Schopf sehr witzig berichten. Einmal springt er während des Gesprächs auf, macht ein paar gespielt gockelhafte Schritte und verbeugt sich dann in alle Richtungen. So sei Karl-Heinz Grasser („ein eitler, aufgeblasener Kerl“) im Gerichtssaal aufgetreten: als stünde er auf einer Bühne. Auch mit der Gerichtsschreiberin flirtete der einstige Finanzminister, so erinnert sich der Karikaturist.
Ein anderes Mal beobachtete Oliver Schopf den Industriellen und Ex-Politiker Frank Stronach, wie er mit seinen zur Pistole geformten Händen auf den Richter zielte, dabei aber beteuerte: „Ich bin ein ganz netter Kerl“. Einen offensichtlicheren Widerspruch zwischen Aussage und Körperhaltung kann man sich kaum vorstellen.
Vorbild Simplicissimus
Und wie beobachtet er das Personal bei Gericht? Während Staatsanwält*innen, auch Richter*innen tendenziell zurückhaltend seien, schildert Schopf Rechtsanwälte – in den von ihm begleiteten Prozessen meist Männer – als eher extrovertiert. In so manchen Kanzleien übrigens hängen Digitaldrucke von seinen Werken. Als seine Vorbilder nennt Oliver Schopf Zeichner wie Honoré Daumier, Simplicissimus und Horst Janssen.
Dass er die Akademie der bildenden Künste übrigens nie abschloss, tut seinen Arbeiten und deren Witz keinerlei Abbruch.



