„Wir brauchen rote Linien“

Müssen queere Personen nach wie vor um Gleichstellung kämpfen? Politikwissenschaftler Michael Hunklinger und Kurator Andreas Hoffer sprachen mit ask – art & science krems über Sichtbarkeit, Angstmache und queere Influencer*innen, die konservative Rollenvorstellungen übernehmen.
By

ask – art & science krems: Herr Hoffer, Herr Hunklinger, warum regt es so viele Menschen auf, wenn eine marginalisierte Gruppe gleiche Rechte einfordert?

Michael Hunklinger: Es sind zwei Mechanismen am Werk: Erstens spielen rechtspopulistische Parteien das Thema hoch, um sich vom sogenannten Mainstream abzugrenzen – auch wenn die Gesellschaft mehrheitlich etwa der „Ehe für alle“ zustimmt, aber Rechtspopulismus braucht einen Konflikt. Zweitens prägten sehr lange weiße Hetero-Männer die Medienlandschaft und wohl auch die Kunst. Jetzt bekommen auch andere Stimmen Raum. Aber die neoliberale Logik besagt: Wenn jemand etwas gewinnt, verlieren andere. Dabei ist das gesellschaftlich gar nicht so.

Andreas Hoffer: Queere Positionen wurden in der Kunst in den vergangenen Jahren gehypt, aber insgesamt ist deren Anteil verschwindend klein. Wir sind noch weit davon entfernt, dass diese Positionen Teil des Kanons werden könnten. Bei allen Ausstellungen, die ich hier in Krems gemacht habe, blieb es aber medial ruhig.

Hunklinger: In Interviews zu meinem Buch „Pride“, das ja versucht, diese Diskussion zu versachlichen, bin ich von Journalist*innen immer wieder gebeten worden, provokanter zu sein.

Michael Hunklinger und Andreas Hoffer sind sich darin einig, dass queere Personen weiterhin um Gleichstellung kämpfen müssen, weil trotz größerer Sichtbarkeit politische Angstmache anhält und selbst innerhalb der Community konservative Rollenbilder reproduziert werden.

ask – art & science krems: In dem Buch berichten Sie, dass rechtspopulistische Parteien sich den Pride-Month Juni als „Stolzmonat“ aneignen und LGBTQIA+-Feindlichkeit als Aktionsfeld definieren. Warum funktioniert diese Mobilisierung so gut?

Hunklinger: Es geht immer um die Angst vor dem Unbekannten, ob beim Thema Migration oder bei der Geschlechtsidentität. Eine neue Studie aus den USA über Transfeindlichkeit zeigt auf: Wer schon einmal Kontakt zu einer trans Person hatte, ist eher nicht transphob.

Hoffer: 2025 rief die HOSI Salzburg trans Personen und Dragqueens auf, nicht an der Christopher Street Day-Parade teilzunehmen, weil sie angeblich dem Ansehen der Veranstaltung schadeten. Das ist unglaublich, dass ein Teil der Szene sich von einem anderen distanziert, und für die queere Szene gefährlich und unsolidarisch.

Hunklinger: Die queere Bewegung bewegt sich seit ihrem Anfang zwischen Anpassung und einem Zelebrieren des Andersseins. Die „Ehe für alle“ ist eine super Gleichstellungsmaßnahme, aber aus emanzipatorischer Perspektive würde ich sagen: Warum wollen wir überhaupt heiraten?

Hoffer: In einer Beziehung die gleichen Rechte zu haben, wie alle anderen, ist wichtig. Aber hier werden Rollenmuster gleich mitübertragen.

ask – art & science krems: Michael Hunklinger, sie beobachten eine parallele Entwicklung in westlichen Gesellschaften zwischen dem Ausbau der Rechte bei zunehmender Queerfeindlichkeit. Ist dieser Konflikt ein Übergangsphänomen oder ein strukturelles Merkmal moderner Demokratien?

Hunklinger: Ich mag den Begriff Backlash nicht. Ich denke, dass es eine neue Entwicklung gibt, eine Autokratisierung. Um die rechtlichen Grundlagen mache ich mir, in Österreich jedenfalls, aktuell keine Sorgen, aber ich beobachte, dass die Polarisierung zunimmt. Diversität und Vielfalt erzeugen zunächst Unsicherheit. In der Auseinandersetzung damit brauchen wir demokratische Spielregeln und rote Linien.

Hoffer: Vielleicht war die Anerkennung der letzten Jahre ein Trugschluss. Es gibt eine riesige schweigende Mehrheit. Diese wird sich wieder äußern, wenn bestimmte moralische Vorstellungen wieder überhandnehmen.

Hunklinger: 2025 gab es Übergriffe auf junge schwule Männer. Die FPÖ-Mandatarin Dagmar Belakowitsch behauptete, dass diese vielleicht Pädophile gewesen seien. Mit dieser Wortwahl legitimiert sie die ablehnende Online- und Stammtisch-Meinung.

Michael Hunklinger erzählt im Gespräch, dass es weniger um einen Rückschritt als um zunehmende Polarisierung und autoritäre Tendenzen geht und dass Vielfalt zwar verunsichert, aber klare demokratische Regeln und rote Linien notwendig macht.

ask – art & science krems: Andreas Hoffer, Sie haben jahrzehntelange Erfahrung im Kuratieren von Ausstellungen zu und mit queeren Positionen. Wie hat sich die Haltung des Kunstbetriebs zu LGBTQIA+ entwickelt?

Hoffer: Ich bin wohl als Kurator auch an die Kunstmeile geholt worden, um diese Perspektiven abzudecken und das Spektrum im Betrieb zu verbreitern. Mit meiner Pensionierung im Vorjahr wird sich das wohl wieder ändern. Es hat übrigens lange gedauert, bis ich selbst im queeren Spektrum künstlerische Positionen gefunden habe, die mich interessierten. Es reicht in meiner Rolle als Kurator nicht, etwas zu zeigen, nur weil es Anderssein thematisiert.

ask – art & science krems: Die aktuelle Ausstellung in der Kunsthalle Krems zeigt Werke des pakistanischen Künstlers Mohsin Shafi. In einem Wandtext ist zu lesen, dass in Südasien vor der Kolonialisierung durch Großbritannien Queerness kein Verbrechen war. Der Künstler verdeutlicht das in einem Chat auf einer Dating-Plattform. Was hat es damit auf sich?

Hoffer: Mohsin Shafi war von Dezember 2023 bis Januar 2024 Artist in Residence auf der Kunstmeile. Seine Kunst ist verankert in der Bildtradition und Kultur Pakistans, aber eben auch in seiner eigenen Identität. In seiner Heimat könnte er sie nicht zeigen. In Krems befasste er sich mit den Gedichten von Kaiserin Sissi, vielleicht wegen der Sehnsucht nach einem Ausbruch, die darin zum Ausdruck kommt. Der Chat stammt von der Dating-Plattform Gay Romeo und offenbart Vorurteile und Vorstellungen von „Erster“ und „Dritter“ Welt und davon, wie man als Schwuler zu sein hat. Es hat mich beeindruckt, dass der Künstler das öffentlich gemacht hat.

Andreas Hoffer erzählt, dass Mohsin Shafi in seiner aktuellen Ausstellung in der Kunstmeile Krems pakistanische Bildtraditionen mit seiner queeren Identität verbindet und mit dem veröffentlichten Dating-Chat Vorurteile und westliche Erwartungen sichtbar macht, wie ein schwuler Mann „zu sein hat“…

ask – art & science krems: Bis 1971 wurde Homosexualität in Österreich strafrechtlich verfolgt. Queere Personen mussten sich also verstecken. Heute sind sie sichtbarer, aber das kann auch gefährlich sein – wie nehmen Sie diesen Zwiespalt wahr?

Hunklinger: Die Pride-Parade ist ein Schlüsselmoment der Sichtbarkeit. In den vergangenen Jahren sehen wir aber, dass Teilnehmende auf dem Heimweg angegriffen werden, bespuckt und beschimpft. Ich werde in Schulen oft gefragt, ob ich mich überall hinzugehen traue. Und ich sage: Natürlich. Aber ich bin immer noch ein weißer Mann. Das Thema ist also vielschichtiger.

Hoffer: Sehr offen zu zeigen, was man ist, bringt größere Gefahr, angegriffen zu werden. In den 1970er-Jahren war es wichtig, nicht Teil der umgebenden Normativität zu sein. Der provokante Ausdruck war bewusst gewählt. Es ist eine Entlastung, nicht mehr um die Sichtbarkeit kämpfen zu müssen, aber es bleibt ein Zwiespalt. Soziale Stellung kann ein Schutz sein.

Hunklinger: Klasse ist in der Community ein riesiges Thema. In Schulen oder am Land verstehen queere Menschen die akademisierten Begriffe aus meiner Bubble gar nicht. Auch innerhalb der Community gibt es Spannungen und ganz verschiedene Vorstellungen davon, wie man zu sein hat.     

ask – art & science krems: Sind queere Lebensentwürfe mehrheitlich akzeptiert?

Hunklinger: Ich denke, die Mehrheit ist gegen Diskriminierung.

Hoffer: Diese positive Sicht finde ich schön, aber ich habe Bedenken. Wobei die Akzeptanz heute höher ist als früher. Mein Mann und ich haben auf dem Land ein Haus. Als wir unser 25-jähriges Jubiläum feierten, kam unsere Nachbarin – eine konservative Bäuerin – und schenkte uns eine Torte mit zwei Männern darauf. Das fand ich beeindruckend.

ask – art & science krems: Trägt es zur Akzeptanz bei, wenn die nonbinäre Person Nemo den Songcontest gewinnt, oder zieht diese Aufmerksamkeit erst recht wieder Angriffe nach sich?

Hunklinger: Sichtbarkeit ist extrem wichtig. Aber die Realität ist auch, dass alle, die in der Öffentlichkeit stehen, angegriffen werden. Das trifft vor allem Frauen und queere Menschen. Und dennoch ist es wichtig, dass es diese Vorbilder gibt. Das braucht es nicht nur in der Kultur, sondern in allen Bereichen.

Hoffer: Ich war erstaunt, wie gut Conchita Wurst ankam. In der bildenden Kunst ist die Bubble kleiner. Da ist es wichtiger, dass queere Positionen gemeinsam mit anderen gezeigt werden, in Institutionen mit Breitenwirkung. Diversität sollte in Ausstellungen gleichberechtigt sein, nicht das „Andere“.

Hunklinger: Auch beim Songcontest zeigt sich eine häufige Denkweise: In den Medien darf es Queerness geben, aber bitte nicht beim eigenen Kind. Es braucht Personen, die sichtbar sind und zeigen, wie divers unsere Gesellschaft ist. Dabei ist Diversität nichts Neues, sie ist nur sichtbarer als noch vor 50 Jahren.

Beide betonen, dass Sichtbarkeit durch bekannte queere Personen zwar auch Angriffe auslöst, aber dennoch entscheidend für Akzeptanz ist, weil sie zeigt, dass Vielfalt selbstverständlich zur Gesellschaft gehört und nicht als Ausnahme behandelt werden sollte.

ask – art & science krems: LGBTQIA+ ist keine fixe Definition, sondern ein Schirmbegriff. Sie plädieren dafür, dass queere Menschen nicht nur ihr Stück vom Regenbogen hochhalten, sondern miteinander solidarisch sind. Liegt das Problem auch darin, dass sich heute viel um das Individuum dreht?

Hunklinger: Das ist natürlich eine Folge des Neoliberalismus. Das Individuum zählt mehr als Gemeinschaften, und dann sind wir beim Buchstabensalat und man streitet darüber, wo das T steht und wo das L. Daher verwende ich lieber den Begriff „queer“. Alles andere ist eine Partikularisierung, wo die Gefahr besteht, dass jede*r nur auf sich schaut.

ask – art & science krems: Ist die Gesetzeslage zur Gleichstellung weiter fortgeschritten als gesellschaftliche Normen und Rollenvorstellungen?

Hunklinger: Teile der Gesellschaft sind progressiver, andere konservativer als die Gesetze, die wir heute haben. Ich forsche gerade dazu, wie schwule und lesbische Influencer*innen über Geschlechterrollen reden. Da kommt häufig eine ganz konservative Aufteilung in „top“ und „bottom“ vor, wo eine oder einer der Mann, eine oder eine die Frau sein muss, mit den bekannten Zuordnungen von Stärke und Schwäche. Das ist wie in den 1950er-Jahren. Vielleicht auch, weil sich diese Binarität besser vermarkten lässt.

ask – art & science krems: Sie beide gehören unterschiedlichen Generationen an. Glauben Sie, dass das Aufwachsen als queerer Mensch leichter wird?

Hoffer: Als ich in der Pubertät war, machte ich es mir selbst schwerer als meine Umgebung, die sehr liberal war, auch mein Freundeskreis. Aber ich habe auf mich selbst Druck ausgeübt. Späteren Generationen fiel das, glaube ich, schon leichter.

Hunklinger: Es ist sicher im Schnitt leichter geworden, aber leicht ist es deswegen nicht. Dennoch, heute kann man sich im Internet vernetzen und informieren, das war früher nicht möglich. 

ask – art & science krems: Was gibt Ihnen Hoffnung, und was braucht es jetzt?

Hunklinger: Es braucht, wie wir schon besprochen haben, intersektionale Solidarität. Nicht alle, die marginalisiert sind, machen die gleichen Erfahrungen, aber es sind ähnliche Muster. Wir müssen es aushalten, dass wir unterschiedlich sind – und uns gemeinsam für den Erhalt der Demokratie stark machen.

Hoffer: Auch Sichtbarkeit ist wichtig. Und dass wir uns nicht einlullen lassen. Denn das, was erreicht wurde, ist nicht selbstverständlich, sondern bedurfte der Demokratie.

„Im Dialog“ mit den beiden ask-Autorinnen Astrid Kuffner und Nina Schedlmayer sowie den Gesprächspartner*innen Andreas Hoffer und Michael Hunklinger fand diesmal in der Stadtbücherei Krems statt.
,

Artikel teilen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Archäologin der Daten

Archäologin der Daten

An der Universität für Weiterbildung Krems forscht die Archäologin und…
Sturzrisiko erkennen und im Kopf umgehen

Sturzrisiko erkennen und im Kopf umgehen

Das Institut für Digitalisierung und Informatik und das Institut für…
„Mit Humor lässt sich der Diskurs offen halten“

„Mit Humor lässt sich der Diskurs offen halten“

Welche Alarmsignale deuten auf Autokratisierung hin? Was fördert demokratische Prozesse,…

Tags

Andreas Hoffer war bis 2025 Kurator der Kunsthalle Krems und arbeitet heute freiberuflich für die Institution. 1989 bis 1999 war er in Wien als freier Kulturvermittler und Kurator tätig und engagierte sich mit dem Verein StörDienst für besucherorientierte Vermittlung. Von 1999 bis 2016 war er leitender Kurator und Kunstvermittler im Essl Museum in Klosterneuburg. Seine Schwerpunkte sind die zeitgenössische Kunst, partizipative Vermittlung und deren Verflechtung in Ausstellungen. Er kuratierte zahlreiche Ausstellungen, darunter 2023 „Damir Ocko. Bird’s milk and other Spirits“ in der Dominikanerkirche sowie aktuell „Mohsin Shafi. Between two Worlds“ in der Kunsthalle Krems. Zudem arbeitete Hoffer am Kinderkunstlabor in St. Pölten mit.

Michael Hunklinger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Europapolitik und Demokratieforschung der Universität für Weiterbildung Krems. Bei Kremayr & Scheriau sind zwei Bücher des Politikwissenschaftlers erschienen („Wir werden nicht verschwinden. Wie Minderheiten dem Rechtsruck trotzen“ 2025, „Pride“ 2024). Er forscht und lehrt zu Diversität und Ungleichheit und arbeitet in diversen internationalen Projekten, die sich mit politischer Partizipation und Repräsentation von queeren Personen beschäftigen. Neben wissenschaftlichen Publikationen, schreibt er über LGBTQIA+ Themen auch in Publikumsmedien.

„Im Dialog“ ist ein Diskussionsformat von ask – art & science krems, bei dem sich Vertreter*innen aus Wissenschaft und Kunst aktuellen Themen aus unterschiedlichen Perspektiven annähern und mit dem Publikum ins Gespräch kommen.

 

© Barbara Elser
Gratis-Abo
ONLINE-MAGAZIN PER MAIL

Art and Science Krems 2 mal im Monat