Archäologin der Daten

An der Universität für Weiterbildung Krems forscht die Archäologin und Altphilologin Chiara Zuanni an den Schnittstellen von Kulturerbe, Digitalisierung und Gesellschaft.
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Archäologin und Altphilologin Chiara Zuanni

Es gibt Menschen, die ein sehr feines Sensorium dafür haben, was die Gegenwart prägt und die Zukunft formt. Eine solche Person ist offensichtlich die Archäologin und Altphilologin Chiara Zuanni. Würde man ihre Tätigkeit sehr grob umschreiben, könnte man sagen: Sie manövriert das Alte in die Zukunft. Das wäre natürlich eine wissenschaftlich völlig unzulässige Vereinfachung. Dennoch: Als Expertin für die weit zurückliegende Vergangenheit arbeitet die Wissenschaftlerin am zukünftigen Umgang mit deren Elaboraten.

Digitale Museologie

Seit September 2025 hat Chiara Zuanni, gebürtige Italienerin, die Professur für Digitale Kulturen und Digital Humanities am Department für Kunst- und Kulturwissenschaften der Universität für Weiterbildung Krems. Als ausgewiesene Expertin mit einem beeindruckenden internationalem Lebenslauf ist sie die goldrichtige Besetzung dafür, die Forschung rund um digitale Museologie und kulturelles Erbe voranzutreiben.

In einem Gespräch mit ask – art & science krems sagt sie: „Die Professur in Krems ist eine tolle Möglichkeit, mich weiterzuentwickeln.“ In den ersten Monaten hat Chiara Zuanni damit begonnen, Strukturen und Projekte am Institut neu auszurichten, arbeitet sie an Projekteinreichungen, entwickelt neue Curricula und denkt über zukünftige Kooperationen nach.

In den ersten Monaten hat Chiara Zuanni damit begonnen, Strukturen und Projekte am Institut neu auszurichten.

Enorme Datenmengen

Seit den Anfängen der Digitalisierung haben Museen enorme Datenmengen gesammelt, zu Objekten, Sammlungen und Besucher*innen. Doch wie können diese Forschung und Publikum bereichern? Wie können sie Museumsbesuche zu eindrücklichen Erfahrungen machen, die im Gedächtnis bleiben? Das sind die Fragen, die Chiara Zuanni umtreiben. Dabei denkt sie weit über klassische Katalogisierung hinaus: Ihr Interesse gilt 3D-Visualisierungen, KI-Analysen und den sozialen Dimensionen digitaler Sammlungen.

Ihre Laufbahn führte sie von Italien über Deutschland und England bis nach Österreich. Vor ihrer internationalen Karriere studierte sie in Bologna. „Ich wollte mich schon immer mit der Geschichte befassen“, erinnert sie sich. „Schon als Kind interessierten mich die Mythologie, die Vergangenheit, die Museen.“ Zum Digitalen kam sie über die Beobachtung, dass Museen zu oft nur ein Expertenpublikum ansprechen: „Andere Museumsbesucher haben nicht, wie ich, Archäologie studiert. Sie beziehen ihr Wissen über die Disziplin vielleicht ausschließlich aus dem Film ‚Indiana Jones‘.“ Digitale Medien erschienen ihr eine spannende neue Möglichkeit, dem Publikum mehr als akademische Begleittexte zu bieten.

Lokal und international

Zuanni legt in ihrer Forschung Wert auf eine lokale Verankerung. Als sie an der Universität Graz lehrte und forschte, arbeitete sie mit dem dortigen Universalmuseum Joanneum zusammen. Künftig wird sie sich auf die Landessammlungen Niederösterreich stürzen. „Ich schaffe gern internationale Forschungsnetzwerke, versuche aber gleichzeitig immer, lokal zu denken.“

2023 reichte sie ihre Habilitation ein. „Dafür habe ich unter anderem eruiert, wie wir Museumsdaten analysieren können, um Erkenntnisse zu gewinnen: über die Objekte, aber auch über ihren gesellschaftlichen Wert“, erzählt sie. „Die Biografie eines Exponats endet nicht, wenn es ins Museum kommt“, erläutert sie. „Sie geht weiter, wenn Kuratorinnen und Besucher damit interagieren, wenn sie in den digitalen Raum gelangen.“ Soziale Medien interessieren sie besonders: „Wenn Leute auf Instagram über Exponate oder Ausstellungen posten, könnten wir das als kleine Reviews sehen.“ Dass derartige Interaktionen für die Forschung relevant sind, liegt auf der Hand. In ihrer Habilitation untersuchte Chiara Zuanni auch Debatten in der digitalen Welt. „Das sind Quellen für die Zeitgeschichte“, findet sie. Doch wie können die Daten, die im digitalen Raum entstehen, aufbewahrt werden? Zuanni erinnert an das Internetarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek; Vergleichbares könne auch für Museen entstehen.

Die Biografie eines Exponats endet nicht, wenn es ins Museum kommt“, erläutert Archäologin und Altphilologin Chiara Zuanni.

Pionierin der digitalen Museologie

Wie früh Zuanni mit ihrer Forschung dran war, zeigt ein Blick in ihren Lebenslauf. Bereits 2012 startete sie ihr erstes Projekt zu Social Media, zu einer Zeit, wo die akademische Welt diese noch kaum im Blick hatte. Damals untersuchte sie Social Media im Museumskontext und fragte, wie diese Kommunikation und Interaktion fördern könnten.  

Mittlerweile hat die Arbeit mit digitalen Daten andere Dimensionen angenommen. „Früher gab es APIs, also offene Schnittstellen, über die wir Daten erhalten konnten. Das ist heute aus Datenschutzgründen kaum noch möglich. In den letzten zehn Jahren hat sich viel verändert“, erzählt sie.

Doch diesen Herausforderungen begegnet sie sichtlich mit Interesse und Optimismus. Die Faszination ist geblieben. „Das Museum ist ein Ort, an dem wir über unsere Geschichte und Kultur sprechen“, schwärmt Chiara Zuanni. „Ich sehe Kunstwerke 2025 mit einer anderen Erfahrung und einem anderen Verständnis als noch vor zwanzig Jahren.“ In der Vergangenheit steckt immer auch ein Blick in eine Zukunft, in der Daten, Objekte und Menschen gemeinsam neue Geschichten erzählen.

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