Klang im Gang

Die Komponistin Afamia Al-Dayaa ließ sich für ihr neuestes Stück unter anderem vom Üben inspirieren. Am 15. März erlebt das Stück beim Imago Dei Festival seine Uraufführung.
Homo Sapiens

„Per aspera ad astra“: So lautet das Motto eines Abends beim Festival Imago Dei, dieses Jahr letztmals geleitet von Nadja Kayali. Wörtlich übersetzt bedeutet es: „Durch das Raue zu den Sternen“, also: Ohne Schweiß kein Preis. „Per aspera ad astra“: Das erlebte auch die Komponistin Afamia Al-Dayaa, als sie noch Klavier studierte.

Afamia Al-Dayaa
„Per aspera ad astra“ – durch das Raue zu den Sternen. Das erlebte auch die Komponistin Afamia Al-Dayaa während ihres Klavierstudiums.

Klang-Chaos

„Musik ist ein persönlicher Ausdruck, nicht nur trockenes Handwerk“, erklärt Afamia Al-Dayaa. „Ich glaube jeder Mensch ist musikalisch. Doch im Klavierstudium ging es auch oft sehr technisch zu. Man übt viele Stunden am Tag. Das ist nicht immer mit voller Emotion möglich. Dann wird es oft mechanisch“, erzählt sie. Doch gerade das interessierte sie. „darkness, unveiled“ entstand als Kompositionsauftrag des Landes Niederösterreich. Es spielt, unter der Leitung von Jaime Wolfson und mit Klangregie von Christina Bauer, das Platypus Ensemble.

Für ihr jüngstes Stück ließ sie sich inspirieren von der Übungssituation an Konservatorien. Dort, so beschreibt sie, proben die Studierenden in oft kleinen Überäumen: Zimmern, die aneinandergereiht sind und in denen beispielsweise jeweils ein Klavier steht. „Wenn man die Gänge dort entlanggeht, dann kommen aus diesen Zimmern ganz unterschiedliche Stücke und Klänge. Das hat mich interessiert.“ So gab sie Studierenden Spielanweisungen und nahm diese auf. Das so entstandene Material lässt sie nun zuspielen, als Teil des Stücks. „Das sind zwei Ebenen: die Zuspielung und das Spiel des Ensembles. Das ist eine Konfrontation, bei der beide Ebenen mal zueinanderkommen, dann wieder gegeneinander arbeiten.“ Wie ein Kontrapunkt zwischen Dunkelheit und Licht eben.

Afamia Al-Dayaa kann während der Aufführung ihrer Stücke nicht entspannt da sitzen und genießen. Sie ist genauso aufgeregt wie die Künstler selbst.

Studierfreudig

1985 in Deutschland geboren, lebt die Musikerin heute in Wien. Sie kann eine beeindruckende Anzahl an Studien vorweisen: Nach ihrer musikpädagogischen Grundausbildung im deutschen Trossingen studierte sie Klavier am Conservatoire Royal in Brüssel, kam dann nach Wien, wo sie weitere Studien absolvierte: Sprachkunst an der Universität für angewandte Kunst sowie Klaviersolo-, Kammermusik- und Liedrepertoire an der Universität für Musik und darstellende Kunst, zuletzt noch Komposition ebenda. Heute unterrichtet sie Klavier und reüssiert als Komponistin: Ihre Arbeiten wurden schon von renommierten Ensembles aufgeführt, darunter von I Solisti – Belgian Wind Ensemble und dem Arditti Quartet, mit dem sie gemeinsam ein Stück für Wien Modern, Österreichs wichtigstes Festival für Neue Musik, erarbeitete. Mehrere Wettbewerbe konnte sie mit Preisen verlassen (etwa den 8. Internationalen Haydn Kammermusikwettbewerb und den Kompositionswettbewerb „Unternehmen Gegenwart 2021“). Zudem blickt sie auf eine Laufbahn als Schriftstellerin zurück, publizierte bereits einen Roman im renommierten Residenz Verlag.

Klangraum Minoritenkirche
„Musik ist ein persönlicher Ausdruck, nicht nur trockenes Handwerk“, erklärt Afamia Al-Dayaa. Sie ist sich sicher, dass jeder Mensch musikalisch ist.

„Do snowflakes get colder?“

Besonders vor diesem Hintergrund fällt auf, dass Afamia Al-Dayaa oft poetische Titel für ihre Kompositionen wählt. Den aktuellen, „darkness, unveiled”, erstellte jedoch die künstliche Intelligenz ChatGPT, wie Afamia Al-Dayaa auf Nachfrage erzählt. Andere Kompositionen heißen „Somewhere between the trees“, „Listen, my dearest, hear the sweet night march“ und „Do snowflakes get colder when they touch each other?“ Letzterer regte eine Szene aus dem Film „Perfect Days“ an, wo der Protagonist mit einem Bekannten darüber diskutiert, ob Schatten dunkler werden, wenn sie einander überlagern und die beiden Männer darüber in eine Art öffentlicher Performance geraten.

Literatur und Komponieren hängen aber auch auf ganz andere Art zusammen, wie sie sagt. „In beiden Fällen entsteht im Idealfall etwas ganz Neues.“


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Die Stücke finden im Klangraum der Minoritenkirche die perfekte Kulisse.

Aufregung

Wenn ihr jüngstes Werk nun aufgeführt wird, gemeinsam mit Kompositionen von Gerald Resch, Fausto Romitelli und der mittlerweile berühmten Rebecca Saunders: Wie groß ist dann ihre Aufregung? Wie geht sie generell mit der Situation um, dass eine Komposition erstmals dem Publikum präsentiert wird? Als sie früher als Pianistin vor Publikum spielte, erzählt die Künstlerin, sei sie ebenfalls aufgeregt gewesen – und dachte, dass sich das bei der Aufführung von Kompositionen legen würde: „Weil ich dann nicht selbst auf der Bühne bin.“ Das war eine Fehlannahme: „Ich sitze nicht entspannt da, bin auch für das Ensemble mitaufgeregt und frage mich, wie das Stück beim Publikum ankommt.“ Angesichts von Afamia Al-Dayaas bisherigen Arbeiten lässt sich freilich schon jetzt die Einschätzung treffen, dass „darkness, unveiled“ ein Festival-Highlight werden wird.

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Das Festival Imago Dei läuft von 9. März bis 1. April in Krems, dieses Jahr unter dem Thema „Freiheit“.

 

Tickets für den Abend „Per Aspera ad astra. Musik zwischen Dunkelheit und Licht“ gibt es hier.

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