Stilles Drama in der Piaristenkirche Krems

Sie suchen die Ruhe? Dann sind Sie in der Piaristenkirche Krems richtig. Wobei es dort auch dann ziemlich zugeht, wenn gar niemand da ist.
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Im Zug lästiges Geplärr aus den Handys rücksichtsloser Mitreisender. In der Bibliothek das Klappern von Laptops. In der Küche das Surren des Kühlschranks. Im Schlafzimmer schnarchende Partner*innen. Sie ist schwer zu finden, die Stille. Und wenn: dann bestenfalls an entlegenen Orten. Oder?
Von der Kremser Fußgängerzone aus gesehen, erweist sich diese Annahme als irrig. Denn nur fünf, ach was: zwei Minuten entfernt vom Trubel, von den Geschäften, Punschständen und Cafés, gibt es einen Ort, an dem nur mehr das Pulsieren des Blutes im eigenen Körper hörbar ist: die Piaristenkirche Krems.

Schritte werden zu Lärm

Erklimmt man die überdachte Treppe, die vom Pfarrplatz zu ihr führt, so steht man an deren Ende ziemlich unmittelbar vor einem wunderschönen Portal. Und wer die Kirche betritt, ist dem Alltag auf eine Weise enthoben, die selbst den eigenen Schritt zur Geräuschbelästigung macht. In der gotischen Hallenkirche, deren Langhaus fast quadratisch ist, fliegt der Blick sofort nach oben: Ihre Pfeiler, aus denen spätgotische Baldachine wachsen, schießen in lichte Höhen und enden in einem Netzrippengewölbe. 1457 wurde der Chor geweiht, mehr als weitere 50 Jahre sollte es bis zur Vollendung dauern – damit entstand die Piaristenkirche Krems um einiges später als die Minoritenkirche.

In der gotischen Hallenkirche, deren Langhaus fast quadratisch ist, fliegt der Blick sofort nach oben: Ihre Pfeiler, aus denen spätgotische Baldachine wachsen, schießen in lichte Höhen und enden in einem Netzrippengewölbe.

Die architektonische Stilistik und historische Quellen belegen einen Zusammenhang mit der Dombauhütte des Wiener Stephansdoms – manche Baumeister und Steinmetze waren da wie dort tätig. Bis 1616 war die Kirche im Besitz der Stadt Krems, danach ging das damals noch „Frauenbergkirche“ benannte Gebäude – mit Ausnahme des Turms – an die Jesuiten, „nach langwierigen Verhandlungen“ wie es in einem historischen Abriss heißt. Die neuen Besitzer gliederten ein Kloster an, das nach der Aufhebung ihres Ordens die Piaristen übernahmen und bis heute als Kollegium fortführen. Dass eine Stadtgemeinde einen Kirchturm besitzt, ist außergewöhnlich. Traditionell diente dieser nämlich profanen Zwecken, unter anderem der Brandwache.  Statt eines Kreuzes prangt daher bis heute an der Spitze das Kremser Wappen.

Dass eine Stadtgemeinde einen Kirchturm besitzt, ist außergewöhnlich. Traditionell diente dieser nämlich profanen Zwecken, unter anderem der Brandwache.  Statt eines Kreuzes prangt daher bis heute an der Spitze das Kremser Wappen.

Alles tanzt in der Piaristenkirche

Bei aller akustischen Stille ist visuell in der Piaristenkirche Krems ganz schön was los. Wie viele gotische Kirchen in Österreich wurde auch diese in der Gegenreformation neu ausgestattet. Und so konterkariert die Zurückhaltung der Gotik das bildnerische Drama von Barock und Rokoko – die Altäre mit ihren gesprengten Giebeln und kurvigen Formen, die theatralische Malerei und die ausschwingenden Figuren: Da arrangieren sich Kirchenväter am Hochaltar, breitet die Personifikation der Justizia ihre Arme mit Waage und Schwert aus, windet sich der Heilige Sebastian mit Pfeilen im Körper, strecken Engel und Putti Arme und Flügel von sich. Mit der Zeit wirkt es, als würde rundherum alles tanzen.

„Menschen des Diesseits“

Der Großteil der malerischen Ausstattung stammt von einem der großen Söhne der Stadt, Johann Martin Schmidt, dem sogenannten Kremser Schmidt (1718–1801) und umfasst eine Zeit von mehreren Dekaden. Ein Seitenaltar entstand 1786, das Hochaltarbild schon 30 Jahre früher. Es zeigt die Himmelfahrt Mariae und führt, so beschrieb es der Kunsthistoriker Rupert Feuchtmüller, „aus der realen Welt allmählich empor in die überirdischen Zonen.“  Selbst die Apostel und Maria erschienen darin als „Menschen des Diesseits“, so notierte er. Figuren am Rande des Bildes, die mit großer Geste auf die Muttergottes weisen, führen die Betrachter*innen förmlich ins Bild hinein. 

Der Großteil der malerischen Ausstattung stammt von einem der großen Söhne der Stadt, Johann Martin Schmidt, dem sogenannten Kremser Schmidt (1718–1801) und umfasst eine Zeit von mehreren Dekaden. Ein Seitenaltar entstand 1786, das Hochaltarbild (Foto) schon 30 Jahre früher.

Als wäre es mit dieser Sammlung an exzellenten Gemälden des Barock noch nicht getan, finden sich hier noch: die große Orgel, die außergewöhnliche Vorhalle mit ihrem faszinierenden Gewölbe, der Grabstein eines Rabbi, die vielen Steinmetzzeichen, eine musikhistorische Chronologie und vieles mehr. Eines steht fest: Selbst nach längerem Aufenthalt gibt es in dieser Kirche noch Neues zu entdecken. Abgesehen von der heute bisweilen schwer zu findenden Stille und Konzentration.

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Eine Antwort

  1. Ein sakrales Kleinod der Stadt Krems: Die Piaristenkirche – Nicht allein für Gottesdienste und liturgische Feiern (von Hochzeiten ganz zu schweigen!), sondern auch für viele musikalische Veranstaltungen, denen der wunderschöne Raum seine hervorragende Akustik leiht!

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Fotos: (c) Stadt Krems; Hermann Brühlmeyer, Wien und Nina Schedlmayer
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