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Live aus Wuhan

„Das ganze Land ist ein Gefängnis“: Der chinesische Dichter Liao Yiwu liest in Krems.
Liao Yiwu

Was wäre geschehen, hätte Liao Yiwu nicht sein Land verlassen? Wäre er schon längst wieder im Gefängnis? Hätten ihn die Behörden verschwinden lassen, wie so viele andere? Wie viel mehr Folter hätte er erdulden müssen? Wäre es ihm ergangen wie jenen Personen, die als Vorbild seines aktuellen Buchs „Wuhan“ dienten und darin vorkommen?

Nach „Massaker“ verhaftet

Liao Yiwu, geboren 1958 in der chinesischen Provinz Sichuan, lebt seit 2011 in Deutschland. Demnächst liest er beim Eröffnungsabend der Veranstaltung „Literatur und Wein“ im Literaturhaus NÖ aus seinem jüngsten Werk, dessen Titel auf den Ursprung der Corona-Pandemie verweist. 1989, als das chinesische Regime in Peking tausende Protestierende töten ließ, schrieb er ein Gedicht. Es sollte ihn ins Gefängnis bringen. „Feuer frei! Schießt! Schießt auf Alte, Kinder, Frauen / Auf Studenten, Arbeiter, Händler, schießt / Knallt sie ab, zielt auf diese wütenden Gesichter, die erstaunten, zuckenden, lachenden Gesichter, die verzagten und die ­gelassenen Gesichter, knallt sie ab / Macht kurzen Prozess“ heißt es darin. Nachdem das Poem „Massaker“ über eine Radiosendung im Ausland seinen Weg in die chinesische Öffentlichkeit gefunden hatte, wurde Liao Yiwu verhaftet. Von 1990 bis 1994 saß er im Gefängnis.

Liao Yiwu verbrachte aufgrund seines Gedichtes „Massaker“ die Zeit von 1990 bis 1994 im Gefängnis.

Fräulein Hallo

Wird ein Künstler, dem so etwas geschehen ist, verbittert? Hört er auf zu schreiben, die Sprache als Mittel des Widerstands zu nutzen? In Interviews betont Liao Yiwu, dass das Gefängnis wie eine Schule für ihn war. Erst hier lernte er jene Menschen kennen, die später verstärkt in seine Literatur Eingang finden sollten: einfache Leute, die von wenig Geld leben müssen. Diese porträtierte er in seinem Buch „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser“, in dem unter anderem ein Klomann, eine Prostituierte und ein ehemaliger Rotgardist zu Wort kommen. Zudem erlernte er das Flötenspiel, das die Jahre nach seiner Entlassung zu seinem Broterwerb beitrug. Nachdem ihm 2009 die Behörden die Ausreise verweigert hatten, floh der Dichter über Vietnam nach Deutschland. Dort erhielt er unter anderem den Geschwister-Scholl-Preis sowie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. „Als ich nach vielen Jahren in Berlin landete“, erzählte er in einer Rede 2019, „schmeckte der Duft der Freiheit durchaus süß. Obwohl die acht Jahre, die folgten, nicht immer ein Zuckerschlecken waren, war es die friedlichste und produktivste Zeit meines Lebens.“ Nun, da er in einer westlichen Demokratie lebt, sagt er in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau: „Ich weiß, was Gefahr bedeutet. Nun lebe ich in einem freien Land, in einer Demokratie. Das ist eine Verpflichtung für mich. Ich muss meine Meinung äußern. Das ist meine Mission. Wenn ich nichts tue, kann ich später einmal in einer anderen Welt nicht den Leuten gegenübertreten, die jetzt in China für die Demokratie gestorben sind.“  

Literaturhaus NÖ_Literatur & Wein
Beim Eröffnungsabend der Veranstaltung „Literatur und Wein“ im Literaturhaus NÖ wird Yiwu sein jüngstes Buch „Wuhan“ präsentieren, welches von der Coronapolitik Chinas handelt.

Kafkaeskes Roadmovie

Wie in anderen Büchern Liao Yiwus treffen auch in „Wuhan“ reale Fakten und dichterische Freiheit aufeinander. In der Hölle des Pandemie-Ausbruchs in China versucht der Historiker Ai Ding aus Deutschland nach Hause, nach Wuhan, zu Frau und Kind zu gelangen. In einer Art Roadmovie schlägt er sich durch ein kafkaesk-dystopisches Gewirr aus Checkpoints, aufgehetzten Dorfbewohner*innen und absurden Hygienevorschriften. Dazwischen schaltet der Autor immer wieder reale Berichte von Wissenschaftler*innen über die Entstehung und Verbreitung des Virus und Blogeinträge von Betroffenen, die einem die Sprache verschlagen. Ein Bürgerjournalist kommt ebenso vor wie ein Schriftsteller im Exil, in dessen Figur ein Alter Ego Liao Yiwus erkennbar ist. So wechselt das Buch zwischen einem protokollartigen Dokumentarstil und fiktiven Szenen, dazwischen finden sich Zeilen chinesischer Dichtergrößen eingestreut. Die Feuilletons lobten das Buch; Liao Yiwu verwandle die Gegenwart „in einen ästhetischen Raum“ (Die Zeit), der Text sei „ein kunstvolles Patchwork“ (taz).

An einer Stelle heißt es in „Wuhan“: „Das ganze Land ist ein Gefängnis“. Das war China zwar schon lange. Doch die Seuche verschärfte die Situation weiter. Liao Yiwu führt dies in bedrückender Meisterhaftigkeit vor.

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Literatur & Wein, 20. bis 23. April,

Literaturhaus NÖ und Stift Göttweig

 

Programm unter: https://www.literaturundwein.at/festivalaktuell/programm.php

Fotos: Yoan Valat / picture alliance, Stefanie Waldecker
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