Art & Science Krems

Roher Beton

Wie entstand das Forum Frohner? So, wie Wasser durch Melitta-Filter tropft.
Ausstellungsansicht _Padhi Frieberger. Glanz und Elend der Moderne_ im Forum Frohner

Der Künstler Adolf Frohner war kein Mann verklausulierter Worte. „Das Museum ist ein Begriff der Spätbürgerlichkeit des 19. Jahrhunderts“, sagte er einmal. „Da hat man halt immer wieder was Schönes, was Statisches gesammelt und es in Räume gegeben und dann die Tür zugemacht.“ Er selbst wolle nicht „das Tote“, sondern „ein Museum, das lebendig ist.“ Das forderte er in einem Gespräch im Dezember 2006, das im Katalog zur Eröffnung des Forum Frohner auf der Kunstmeile Krems 2007 abgedruckt wurde. Die Institution präsentiert sich in einem großzügigen Ausstellungsraum – einer „Betonkiste“, wie es dessen Architekt Lukas Goebl einmal ausdrückte. Mit einer Ausstellung über Frohners Zeichnungen („Die Zeichnung entsteht im Kopf. Adolf Frohner als Zeichner“, Kurator*innen: Dieter Ronte, Elisabeth Voggeneder) feiert das Forum Frohner gerade sein 15-jähriges Jubiläum. Die Schau ist etwas atypisch für den Ort, denn häufig dient das Oeuvre des Künstlers als Anker und Ausgangspunkt für thematische Projekte, die weit darüber hinausreichen: So sah man hier schon Ausstellungen über afrikanisch-niederösterreichische Begegnungen, die Art Brut, die Collage sowie das Essen. Auch den doppelt begabten Adalbert Stifter stellte man aus, in Beziehung zu Frohners Zyklus „Reflexionen zu Adalbert Stifter“, in dem schwebende Strukturen zu wolkigen Gebilden finden, aus denen sich Figuren herausschälen. Das zeigt sich auch in der aktuellen Ausstellung.

Adolf Frohner Porträt
Abb. 1: Adolf Frohner, Porträt

„Spontanreaktion“

Adolf Frohner, 1934 geboren, ursprünglich Werbegrafiker, erregte erstmals 1962 Aufsehen. Damals mauerte er sich gemeinsam mit seinen Kollegen Otto Muehl und Hermann Nitsch in einem Keller in der Wiener Perinetgasse für drei Tage lang ein. Die Aktion gehört zu den Inkunabeln des Wiener Aktionismus. Darüber hinaus schuf Frohner, wie auch die Ausstellung zeigt, ein facettenreiches Werk. Bekannt wurden seine eingeschnürten Frauenakte, die herkömmliche Schönheitsbegriffe transzendieren, aber auch seine Materialassemblagen, die das Schmutzige, Unperfekte, Vernachlässigte feierten.

Die Ursprünge des Forum Frohner schilderte der Künstler selbst einmal als „Spontanreaktion“ nach der Eröffnung einer Ausstellung von ihm in Langenlois durch den damaligen Landeshauptmann Erwin Pröll. Frohner sprach diesen an, ob er nicht Interesse an einer Art Frohner-Museum habe. Zu diesem Zeitpunkt war noch von einem anderen Standort die Rede. Der entpuppte sich als ungeeignet. Bald jedoch war ein neuer Vorschlag gefunden: und zwar gleich neben der Kremser Minoritenkirche, die ohnehin gerade saniert wurde. Die langsame und stetige Art der Genese des Forums beschrieb Frohner dann so: „Das muss, so wie es durch den Melitta-Filter tropft, zu dem geworden sein, was es jetzt ist.“ In Krems fand das Haus seinen passenden Ort: Schließlich hatte der Maler, später Professor an der Universität für Angewandte Kunst, hier einst das Piaristengymnasium besucht; zudem hatte er einen Wohnsitz mitsamt großzügigem Atelier nicht weit von der Stadt, am Jauerling. Jene, die an der Entstehung des Forum Frohner beteiligt waren, erinnern sich heute, wie wichtig Frohner die Offenheit des Hauses war. Etwa Joachim Rössl, der als früherer Leiter der Abteilung für Kunst und Kultur im Land Niederösterreich das Projekt mit antrieb: „Frohner sagte von Anfang an, es solle ein offenes Haus sein, wo junge und internationale Kunst ihren Platz hätten.“ Dieter Ronte, zuvor Direktor im Museum Moderner Kunst in Wien, im Sprengel Museum in Hannover sowie im Kunstmuseum Bonn, war von 2007 bis 2015 künstlerischer Leiter des Forum Frohner. „Adi wollte kein Museum, sondern ein Forum, denn da kann man alles machen“, erzählt er. „Museen leiden unter dem Ballast der Sammlung.“

Adolf Frohner natürliche Verformung, 1990er-Jahre
Abb. 2: Adolf Frohner natürliche Verformung, 1990er-Jahre

Eine Decke wie aus Stroh

Frohners künstlerische Ansätze schlugen sich in der Architektur nieder. So gelangt man in die Halle durch ein Tor, bestehend aus unregelmäßig gemasertem Holz. Die Wände sind in rohem Beton belassen – sie verstecken ebenso wenig ihre Machart wie die dicken Frauen in Frohners Zeichnungen ihren Bauchspeck. Die Decke besteht aus sogenannten Heradesign-Platten und sieht ein wenig so aus, als bestünde sie aus gepresstem und eingeschwärztem Stroh, eine Anspielung auf Frohners Matratzenbilder.

2016 übernahm Elisabeth Voggeneder von Dieter Ronte die künstlerische Leitung. Sie hatte Frohner nie kennengelernt und erschließt sich sein Werk und seine Person unter anderem aus dem Nachlass, den sie ebenfalls betreut. In ihrer Sicht war Frohner „jemand, der seine Haltung vertreten hat.“ Häufig ergeben sich die Ausstellungen aus dem, was Voggeneder im Nachlass findet. So entdeckte sie etwa eine Korrespondenz mit dem koreanischen Künstler Park Seo-Bo, den Frohner 1961 kennenlernte und mit dem er sein Leben lang verbunden blieb. Das brachte die Kuratorin auf die Idee, sein Werk dem von Frohner gegenüberzustellen – und damit den Blick auf den österreichischen Aktionisten einmal mehr zu erweitern.

Die Zeichnung entsteht im Kopf. Frohner als Zeichner
Abb. 3: Blick in die Ausstellung „Die Zeichnung entsteht im Kopf. Frohner als Zeichner“ im Forum Frohner

„Ein Museum hat man früher bekommen, wenn man tot war“, sagte Adolf Frohner im Dezember 2006. „Nun versuche ich, das möglichst weit hinauszuschieben, das Sterben. Und ich möchte, solange ich lebe, in diesem Forum agieren.“ Leider kam es nicht dazu: Am 19. Februar 2007 war der Spatenstich für die Errichtung des Forums. Nur fünf Tage später verstarb Frohner unerwartet.

Sein Vermächtnis lebt fort, zwischen rohem Beton und schwarzem Stroh.

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Forum Frohner

Das Forum Frohner ist eine Ausstellungs- und Diskussionsplattform zum Werk des Künstlers Adolf Frohner. Impulsgebende Themenbereiche aus Frohners Wirken werden in wechselnden Ausstellungen mit nationalen und internationalen Künstler:innen der gleichen Zeit sowie Aspekten der Gegenwartskunst in Beziehung gesetzt. 2022 feiert das Forum Frohner sein 15-jähriges Bestehen.

Aktuelle Ausstellung: „Die Zeichnung entsteht im Kopf. Adolf Frohner als Zeichner“

Bis 26.3.2023

Kurator*innen: Dieter Ronte, Elisabeth Voggeneder

 

Aus Anlass seines 15-jährigen Bestehens publizierte das Forum Frohner den dritten Band des Werkverzeichnisses („Adolf Frohner. Zeichnung“) mit Beiträgen von Dieter Ronte, Elisabeth Voggeneder, Berthold Ecker, Susanne Neuburger, Joachim Rössl und Kristian Sotriffer.

Die im Kerber Verlag herausgegebene, 311 Seiten umfassende Publikation ist im Museumsshop erhältlich.

 

 

Forum Frohner
Minoritenplatz 4
3500 Krems-Stein

+43 (0) 2732 90 80 10
office@kunstmeile.at

 

Öffnungszeiten:

Dienstag bis Sonntag und Montag wenn Feiertag 11.00 bis 17.00 Uhr

Schließtage:
24.12., 31.12. und 01.01.2023

Fotos: Adolf Frohner gemeinnützige Privatstiftung, Kunstmeile Krems / Christian Redtenbacher, Kunstmeile Krems / APA-Fotoservice Ludwig Schedl
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