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Zahnweh vor 7000 Jahren

Karies quälte schon die Menschen im Neolithikum. Das zeigt eine Untersuchung von Anthropologin Nicole Nicklisch von der Danube Private University.

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Unterkiefer einer im Alter von 30-40 Jahren verstorbenen Frau mit zwei kariösen Zähnen. Der zweite Prämolar ist bis zur Wurzel zerstört, der angrenzende erste Molar zeigt ebenfalls eine tiefe Kavität.

Wie war es um die Zahngesundheit bei den Menschen vor 7000 Jahren bestellt und wovon haben sie sich ernährt? Dieser Frage widmete sich eine Untersuchung an frühneolithischen Skelettfunden aus Mitteldeutschland. Im 6. Jahrtausend vor Christus beginnt in Mitteleuropa der Übergang von mobil lebenden Jäger & Sammler-Gemeinschaften hin zur sesshaften Lebensweise mit Land- und Viehwirtschaft: „Im frühen Neolithikum finden wir die ersten bäuerlich lebenden Bevölkerungen, die Nahrungsmittel selbst produzieren und so die Versorgung gezielt planen. Erreicht wird das durch den Anbau von Pflanzen und die Haltung von Nutztieren, was das Anlegen von Vorräten erleichtert. Wir können keine Aussagen über ganz Mitteleuropa treffen, aber wo die Einwanderer*innen reiche Lössböden fanden, wurde vor allem auf den Anbau ursprünglicher Getreidesorten wie Emmer und Einkorn als verlässliche Nahrungsquelle gesetzt“, betont die Anthropologin Nicole Nicklisch vom Zentrum für Natur- und Kulturgeschichte des Menschen der Danube Private University (DPU). Wie heute auch, brachten Menschen aus anderen Weltgegenden neue Ideen mit. Mit späteren Einwanderungswellen aus der eurasischen Steppe setzte sich die Viehwirtschaft stärker durch.

Sehr gut erhaltener Schädel eines im Alter von 35-45 Jahren verstorbenen Mannes, der vor etwa 7000 Jahren lebte und einer der ersten Bauern in Mitteleuropa war.
Sehr gut erhaltener Schädel eines im Alter von 35-45 Jahren verstorbenen Mannes, der vor etwa 7000 Jahren lebte und einer der ersten Bauern in Mitteleuropa war.

Ursachenforschung an Zähnen und Rippen

Mit einem ganzen Set an Methoden untersuchte Nicklisch gemeinsam mit Kolleg*innen, wie sich die Ernährungsweise im Neolithikum auf die Zahngesundheit auswirkte und kann anhand der Ergebnisse bestätigen: Karies gab es schon immer, mit einem ersten signifikanten Anstieg bei den ersten bäuerlichen Gemeinschaften. Heute ist Karies die häufigste, nicht übertragbare Krankheit, die durch ein gestörtes Mund-Mikrobiom ausgelöst wird, und bei der Hygiene, Genetik und Ernährung hineinspielen.

Untersucht wurden Knochen und Zähne von 101 Individuen von drei Fundplätzen in der Mittelelbe-Saale Region (heute in Sachsen-Anhalt), die sich anhand von Keramikfunden sowie Radiokarbondatierungen der Linienbandkeramik zuordnen lassen. Dabei kommt den Forschern zugute, dass die Menschen nun ihre Toten auf Gräberfeldern oder innerhalb der Siedlungen bestatten, was die Anzahl der Funde, die im Zuge baubegleitender Maßnahmen geborgen werden, erhöht.  Das Team bestimmte zunächst das biologische Alter und Geschlecht der geborgenen Skelettfunde. Um Informationen über die Zahngesundheit zu erhalten, wurden die Zahn- und Kieferfunde detailliert untersucht: Welche Zähne sind noch vorhanden, welcher Zahn fehlt und warum, welche Zähne sind wie stark und häufig von Karies betroffen? Die Dentalanthropologin hat rund 2100 Zähne, ihre Oberflächen und kariösen Defekte, den Zahnstein und Abnutzungsgrad der Kauflächen mit Brille und Lupe begutachtet und erfasst. Wenn Zähne fehlten, stellte sich die Frage, ob sie bei der Bergung verloren gingen oder durch Abnutzung, Traumata oder parodontale Erkrankungen zu Lebzeiten ausgefallen waren. Mögliche entzündliche Prozesse im Knochen wurden mittels Röntgenaufnahmen erfasst.

Die Anthropologin bei der makroskopischen Untersuchung der Kiefer. Für jedes Individuum wird ein detaillierter Befundbogen angelegt.
Die Anthropologin bei der makroskopischen Untersuchung der Kiefer. Für jedes Individuum wird ein detaillierter Befundbogen angelegt.

Parallel zu diesen Untersuchungen wurden Rippenproben entnommen. „Das Verhältnis von Kohlenstoff- und Stickstoff-Isotopen, also Varianten chemischer Elemente im Knochen gibt uns Aufschluss darüber, was diese Menschen in den letzten Jahren vor ihrem Tod zu sich genommen haben“, erklärt Nicklisch. Dabei spiegelt der Stickstoffwert vor allem den Anteil des tierischen Proteins in der Nahrung wider und dieser war in der untersuchten mitteldeutschen Region noch erstaunlich gering. Ein Indiz dafür, dass kohlenhydratreiche Kost eine wesentliche Rolle bei der Ernährung gespielt hat.  Des Weiteren wurden Samen und Pollen sowie Tierknochen im Siedlungsgebiet bestimmt, um weitere Informationen über die Lebensweise der Menschen zu erhalten.

Harte Fakten über Löcher in Zähnen

Was erzählen nun die 101 untersuchten Menschen, die vor rund 7000 Jahren lebten und meist 40 bis 60 Jahre alt wurden? Karies war vor allem eine Altersfrage, je älter desto mehr. Zwei Drittel der Erwachsenen hatten zumindest eine kariöse Läsion, rund 10 Prozent der Zähne waren betroffen, aber meist nicht stark. „Es gibt einzelne erwachsene Individuen, die besonders stark betroffen waren, was den Lebensalltag durchaus schmerzvoll gestaltete“.  Es wurde keine Karies bei Kindern unter sechs gefunden, wenig zwischen 7 und 12 Jahren und auch von den Jugendlichen waren nicht viele betroffen. Das ist ein deutlicher Kontrast zu heute, wo die Gefahr für Karies mit dem ersten Geburtstagskuchen fortschreitend zunimmt. Die „Zahnfäule“ trat mit der Industrialisierung ihren Siegeszug an, als neben Milch- und Fruchtzucker auch Zucker aus Zuckerrüben und Zuckerrohr zum Einsatz kam. Von einer solch hohen Belastung war man im mitteldeutschen Frühneolithikum noch weit entfernt, aber es zeigt sich ein erster kleiner Peak. „Der Konsum von verarbeitetem Getreide, das beispielsweise gekocht wurde, vielleicht mit Honig oder Früchten gesüßt, bedeutete neben besserer Nährstoffverfügbarkeit und Sättigung auch, dass Zucker aus der Stärke besser aufgeschlossen wurde. Ein signifikanter Unterschied zwischen Männer und Frauen ergab sich nicht, obwohl Frauen etwas stärker von Zahnerkrankungen betroffen sind, was vor allem mit hormonellen Unterschieden erklärt wird und sich besonders in der Schwangerschaft auswirken kann. Letztendlich spielen hier aber viele Faktoren eine Rolle. 

Eine Panorama-Aufnahme, ein sog. Orthopantomogramm (OPG)
Eine Panorama-Aufnahme, ein sog. Orthopantomogramm (OPG), liefert einen Überblick über die gesamte Zahn- und Kieferregion. Damit lassen sich verborgene krankhafte Befunde lokalisieren oder auch Fehlbildungen und Entwicklungsstörungen feststellen.

Für heute lernen

Was ist die Aufgabe der Zahnanthropologie an einer Ausbildungsinstitution wie der Danube Private University? „Wir schaffen Fakten und klären auf: Karies gab es sehr wohl schon vor 7000 Jahren. Aus der Untersuchung des Zahnsteins wissen wir zudem, dass die neolithischen Menschen eine höhere Biodiversität in der Mundflora aufwiesen, die sich wohl gegenseitig besser in Schach hielt“, so Nicklisch.  Eine natürliche Diversität unseres Mikrobioms hält uns im Gleichgewicht – nicht nur im Mund. Die Erkenntnisse, die wir aus der Untersuchung unserer Vorfahr*innen ziehen, können uns helfen, Ursachen und Wirkung von Krankheiten besser zu verstehen. Das sollte auch heute bei der Konzeption neuer Behandlungsmethoden und langfristiger Therapieformen mitbedacht werden. Untersuchungen in Niederösterreich sollen weitere Einblicke in die Vergangenheit liefern: Eine aktuelle Untersuchung an der DPU hat eine recht hohe kariöse Belastung bei den Römern aus Mautern erbracht… was haben die wohl genascht?

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Eine Geschichtestunde mit Ass. Prof. Dr. phil. Nicole Nicklisch M.A., die Anthropologie, Kulturanthropologie und Archäologie an der Universität Mainz studierte und sich auf Osteologie, Dentalanthropologie und Hartgewebehistologie spezialisiert hat. Sie promovierte 2014, 2012 bis 2019 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, ab 2014 assoziierte Mitarbeiterin am Zentrum für Natur- und Kulturgeschichte des Menschen an der DPU (Leiter: Prof. Dr. Kurt W. Alt). Im Januar 2020 wechselte sie ganz an die DPU. Sie gibt Kurse zur Skelettanatomie und forscht zu evolutiven Prozessen von Mensch und Gesellschaft an der Schnittstelle zur Medizin.

Fotos: DPU
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