Art & Science Krems

Die Asche meiner Oma

Wenn Trauben aus Skeletten wachsen und Omas im Regal lagern: Die Künstlerin Haruko Maeda und die Sammlung des museumkrems.
Haruko Maeda mit ihren Kunstwerken

Hinten auf dem Regal, zwischen Totenschädeln und winkenden Nippes-Kätzchen: Dort steht die Oma. Besser gesagt, was von ihr übrig blieb. Haruko Maeda bewahrt die Asche der Mutter ihres Vaters in einer kleinen Keramikdose auf. Sie steht zwischen den Gegenständen in ihrem Wohnzimmer, als wäre sie nichts Besonderes. Sie ist einfach da.

Gesamtansicht
Haruko Maeda hat in der Ausstellung „Der Wein ist schon reif in der Schale“ einen eigenwilligen und komplexen Parcours gestaltet, in dem verschiedene Welten aufeinanderstoßen.

Intensive Todesbeziehung

Haruko Maeda, 1983 in Tokio geboren, hat eine intensive Beziehung zum Tod. „Der Tod ist sehr nahe. Doch hinter dem Tod gibt es das Leben“, sagt die Künstlerin, als sie in ihrer Wohnung im Wiener Stuwerviertel ask – art & science krems zum Interview empfängt. Eine zierliche Frau, deren Augen hinter dünnrandigen Brillen hervorblitzen. Über der Wohnung liegt ihr Atelier, doch dieses ist gerade ziemlich leer: Einen Großteil ihrer Arbeiten arrangierte sie nämlich, aus Anlass des 130-jährigen Jubiläum des museumkrems, ebendort gemeinsam mit Objekten aus dessen Sammlung in ihrer Ausstellung „Der Wein ist schon reif in der Schale“. Es ist ein eigenwilliger wie komplexer Parcours herausgekommen, in dem fernöstliche Philosophie auf europäisches Mittelalter, japanische Populärkultur auf österreichischen Aberglauben stößt. Als die Künstlerin eingeladen wurde, sich mit dem Museum zu befassen, war sie zunächst skeptisch. „Doch als ich in das Depot kam, entdeckte ich vieles, das mich an meine Arbeiten erinnerte.“

Reliquie
Heartbeat of the death 9

Lose Extremitäten

So stieß sie auf kleine Skulpturen, denen Hände und Füße fehlten – die sie später anderswo fand. „Das faszinierte mich mehr als die fertigen Werke“, erinnert sie sich. Sie kombinierte die Gliedmaßen mit einem Bild ihres Fußes, den sie mit „meiner Oma in einem Keramikgefäß“ gemalt hatte. Ebenso überraschten sie die Schluckbildchen in Briefmarkengröße, die in Gefahr und bei Krankheit zum Schutz davor verzehrt wurden – schließlich erfreuen sich in Japan jetzt, in pandemischen Zeiten, Süßigkeiten mit Aufdrucken des Fabelwesens Amabie hoher Beliebtheit: Die Meeresfigur kündigt angeblich entweder eine gute Ernte oder eine Pandemie an. „Ein mittelalterlicher Aberglauben aus Europa hat jetzt seine Entsprechung in Japan“, staunt Haruko Maeda. Die mittelalterlichen Reliquien kombiniert sie mit ihren eigenen, etwa einer eingelegten Pflaume ihrer Großmutter.

Schluckbildchen aus dem Kremser Depot und Ambabie-Zuckerl aus Japan: Beide sollen gegen Krankheit und in Gefahr schützen.

Erdnussgötter

Der Zauber steckt bei Maeda häufig im Unscheinbaren und Alltäglichen: Als Kind sah sie in den Hälften von Erdnüssen kleine Figuren, in denen sie etwas Göttliches vermutete. So entstanden ihre „Erdnussgötter“ – Readymades der Nusshälften, die sich viele im Publikum wohl noch nie so genau angesehen haben wie in Maedas Ausstellung. „Es verbindet sich alles miteinander“, sagt Haruko Maeda, und ihre Finger weben ein Netzwerk in die Luft. In Zusammenhang mit der Ausstellung malte sie auch ein neues Bild: Ein Skelett, das ein Festkleid, inspiriert von einem Textil in der Sammlung trägt. Dahinter erstreckt sich eine – sehr frei interpretierte – Stadtansicht von Krems. In der Hand hält die verwitterte Dame eine Traube. Maeda: „Wenn ich mir Krems vorstelle, dann denke ich automatisch an Wein.“ Auch das ist so ein Moment in ihrer Kunst, wo Tod und Leben ineinander greifen. Haruko Maeda verstehe „die Vergänglichkeit als Teil eines unendlichen und lebenssteigernden Prozesses der Transformation“, schrieb Angela Stief, Direktorin der Albertina Modern.

Knochenporträt, Öl auf Leinwand

Horrende Studiengebühren

In ihren Medien fokussiert sich die Künstlerin – nach einer Exkursion in den Animationsfilm – auf Malerei und Skulptur. Dabei zeigt sie sich fasziniert von den Alten Meistern: etwa Jan van Eyck und Hieronymus Bosch, der auch hinter ihren großformatigen Leinwänden der Serie „Neverland“ hervorschaut. Maedas Porträts entstehen aus vielen Farbschichten, die sie übereinanderlegt, die vielteiligen Szenerien hingegen spontaner: „Es ist so, als würden mehrere Inseln auf einem Bild zueinanderkommen“, beschreibt es die Künstlerin.

The great bouquet 5, Öl auf Leinwand, Privatsammlung/Sofia, New York

Mit rund 20 Jahren verließ sie Tokio, wo sie bereits Kunst studierte. Zunächst ging sie nach Deutschland, nachdem sie ein Interview mit dem in Deutschland lebenden Yoshitomo Nara gelesen hatte – darin hatte der Künstler erzählt, dass man dort gratis studieren könne. Im Gegensatz zu Japan, wo Haruko Maeda umgerechnet 15.000 Euro pro Jahr zahlen musste. Da sie die Berliner Universität der Künste nicht aufnahm und eine Freundin in Linz an der Kunstuniversität studierte, entschied sie sich für eine Bewerbung ebendort – und wurde prompt in der Klasse von Ursula Hübner aufgenommen. Die Malerin gab der damals schüchternen und bis heute „sehr selbstkritischen“ Künstlerin Mut. Auch wenn sie die Sprache vor Probleme stellte: „In Deutschland lernte ich Hochdeutsch, doch an der Uni in Linz sprachen alle oberösterreichisch.“ Heute unterrichtet sie selbst dort. Verständnisprobleme scheint es keine mehr zu geben.

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Ausstellung „Haruko Maeda. Der Wein ist schon reif in der Schale – Ein Blick in die Sammlungen“. Bis 1. November 2022

museumkrems
Körnermarkt 14
3500 Krems

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mail: museum@krems.gv.at
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Öffnungszeiten
26. März bis 1. November 2022 täglich von 10.00 bis 18.00 Uhr, letzter Einlass: 17.00 Uhr

Museumsbesuch in Zeiten von Covid 19/Corona
(Stand: Mai 2021)
Es gibt derzeit keine Einschränkungen.

Eintrittspreise
Kinder und Jugendliche bis 19 Jahre: freier Eintritt
Erwachsene: € 7,50 / Person
Ermäßigt: € 6,00 / Person
Gruppen ab 15 Personen gegen Voranmeldung: € 6,00 / Person
Niederösterreich-Card: freier Eintritt

Museumsführungen
Gruppen
gegen Voranmeldung auch außerhalb der Öffnungszeiten möglich
(nicht in den Monaten November, Dezember und Jänner)
Mindestgruppengröße: 20 Personen
Kosten: € 3,00 / Person zzgl. ermäßigtem Eintrittspreis, Mindestgebühr € 60,00
Dauer: ca. eine Stunde
Info & Anmeldung: +43 (0)2732 801-571

Schulklassen
altersgerechte Führungen, allgemein oder mit thematischen Schwerpunktsetzungen gegen Voranmeldung
Kosten: € 3,00 / Schüler*in, der Eintritt in das museumkrems ist frei
Dauer: 50 Minuten
Info & Anmeldung: +43 (0)2732 801-571

Fotos: museumkrems / Pamela Schmatz Rudolf Strobl
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