Bücher herausgeben, Symposien veranstalten, Installationen konzipieren, Songs schreiben und performen, Workshops sowie Festivals kuratieren, wissenschaftlich arbeiten: Julian Warner, 1985 geboren, ist gewissermaßen die Personifikation der Transdisziplinarität. Als Musiker nennt er sich Fehler Kuti, eine Anspielung auf Afrobeat-Pionier Fela Kuti.
The Kriegsspiel
Der studierte Kulturanthropologe passt damit perfekt zum Donaufestival, das ebenfalls gern die Genregrenzen überschreitet. Dieses lud Fehler Kuti zu einem Konzert und Julian Warner dafür, eine neue Arbeit zu entwickeln. „The Kriegsspiel“ nennt er, wie häufig bei ihm in einer Kombination aus Deutsch und Englisch, seine Installation in der Kunsthalle Krems. Mit deren Konzeption begann Warner bereits vor dem Angriffskrieg auf die Ukraine – und sie dreht sich nicht unmittelbar um konkrete Kriege. Im Zentrum steht ein Sandkasten. Das Publikum ist darin eingeladen, „Krieg zu spielen“ – im übertragenen Sinn: „als Art und Weise, Konflikte zu denken, Sachverhalte zu übersetzen in die Logik und Grammatik des Kriegs.“ Das erläutert Julian Warner bei einem Gespräch mit ask – art & science krems.
Das Kriegsspiel wurde im 19. Jahrhundert in Preußen erfunden, als ein Planspiel, bei dem Militärstrategen ihre Taktiken erprobten. Eine Illustration aus dem Jahr 1872 zeigt Offiziere an einem Spieltisch, auf dem sie Plättchen arrangieren. Warner sagt über das Kriegsspiel: „Es ist ein Apparat, der Abläufe der mechanisierten Welt beschreiben kann. Damit verwandt sind die Disziplin der Logistik, aber auch moderne Managementtheorien.“ Für ihn stellt sich die Frage: „Welche Art von Erkenntnis ist heute mit einem solchen militärischen Sandkasten möglich?“ Häufig sei man der Handlungsoptionen, die das Schicksal biete, gar nicht gewahr. „Wie kann uns das Kriegsspiel helfen, Dinge zu verstehen?“ Zu Beginn der Ausstellung in der Kunsthalle aktiviert Julian Warner an zwei Tagen das „Kriegsspiel“ performativ.
Global Angst
Die bisherigen Arbeiten des Künstlers – er ist auch designierter künstlerische Leiter des Brechtfestival Augsburg – sind vielversprechend. Egal, ob Julian Warner ein spektakuläres Happening in München mit dem Titel „Global Angst“ – mit Ritualen und Paraden – durchführt oder als Fehler Kuti einen Song mit dem Titel „All Ausländer go to Heaven“ herausbringt: Stets sind seine Projekte unterfüttert von Theorien und Diskursen; die Art, wie er diese übersetzt, machen sie sinnlich greif- und erfahrbar – Ergebnis der Transdisziplinarität seiner Arbeit, die sich um gesellschaftspolitische Themen wie Rassismus oder Kolonialismus, oft aus einem historischen Blickwinkel, dreht.
Jazzsängerin und IT-Spezialist
Die Spannbreite der Disziplinen bekam Warner als Sohn einer Jazzsängerin und eines IT-Spezialisten schon, wie er sagt, „daheim am Esstisch“ geliefert. Obwohl er das „Fachidiotentum“ bewundert, pflegt er doch lieber die Genrevielfalt. Besonders nachhaltig blieb ihm ein Erlebnis in Erinnerung: „Am Schauspiel Köln arbeitete ich u.a. mit der Nama-Aktivistin und Historikerin Talita Uinuses an einem Theater-Projekt über den Genozid in Namibia. Und diese Historikerin wechselte nahtlos zwischen wissenschaftlichem Vortrag und Klagegesang, erzählt er. Und diese Historikerin wechselte nahtlos zwischen wissenschaftlichem Vortrag und „Das Leiden erforderte diesen Ausdruck.“
Wissenschaft kann sich eben auch anders äußern als in Vorträgen und Papers.