Art & Science Krems

Was kommt nach ZOOM?

Attila Pausits, Leiter des Departments Hochschulforschung an der Universität für Weiterbildung Krems, über das digitale Lernen.

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Mit Beginn des Lockdowns im März 2019 wurden Österreichs Bildungseinrichtungen schlagartig auf Distance Learning umgestellt. Die Vorbereitungszeit war knapp. Davor wurde jahrelang über Digitalisierung im Klassenzimmer gesprochen. Manche Bildungsanbieter*innen und Lernende hatten die nötige Infrastruktur nicht am Start. Recht bald etablierte sich die Konferenzsoftware als Mittel zum Zweck. ask fragt Attila Pausits, Leiter des Departments Hochschulforschung an der Universität für Weiterbildung Krems.

Wer viel Zeit am Bildschirm verbringt, braucht zwischendurch auch Sport und Bewegung: Attila Pausits spielt in seiner Freizeit gerne Basketball.

Was war gut am Distance Learning?

Das Bildungssystem am Leben zu erhalten, ist so einigermaßen gelungen. ZOOM war schnell zur richtigen Zeit am richtigen Ort, hat bei der Datensicherheit nachgeschärft und viele Bildungseinrichtungen ins Boot geholt. Es gab aber viele andere Herausforderungen. Wir haben in einer Studie für das Bildungsministerium untersucht, wie Distance Learning eingesetzt wurde und welche Maßnahmen im Hochschulbereich bleiben sollen. Die asynchrone Kommunikation zwischen Lehrenden und Studierenden wurde beispielsweise als wesentlicher Vorteil von Beteiligten und Betroffenen oft genannt. Bleiben sollen kurze Videos zu Basisthemen, die früher im Frontalvortrag vermittelt wurden. Es unterstützt das Lernen, wenn die Inputs flexibel und ortsungebunden mehrmals abrufbar bleiben und wiederholt werden können. Diese konservierten Inhalte zwingen die Lehrenden dazu, das eigene Lehren zu reflektieren – da sollte jeder Satz sitzen und jeder Gedanke aufeinander folgen. Die Umstellung auf digitale Medien hat die Studierenden aber auch dazu gezwungen, selbstständiger zu lernen. Wer das beherrscht, ist im Vorteil. Es braucht in Zukunft also Unterstützung dabei, Lernstrategien zu entwickeln und zu vermitteln.

Was ist wichtig für das digitale Lernen der Zukunft?

Medienkompetenz und Mediendidaktik müssen aus meiner Sicht bei Lehrenden und Lernenden noch mehr entwickelt werden. Den Umgang mit digitalen Medien erlernt man nicht von heute auf morgen. Das muss im Kindergarten beginnen. Genauso sollten sich Lehrende hier systematisch weiterbilden und Hochschulen ihre Angebote ausbauen. In zehn Jahren wird das Mensch-Maschine-Interface nicht mehr aussehen wie heute, sondern wir werden uns in 3D in virtuellen Räumen treffen und austauschen. Die Technologien sind in Entwicklung und teilweise schon da. Aber es braucht auch mediendidaktische Kompetenzen, um diese Räume sinnvoll zu nutzen: der Präsentationskoffer und das Flipchart werden in die dritte Dimension wachsen.

Wo kann man diese Entwicklung schon sehen?

Der limitierende Faktor ist der Mensch, nicht die Technologie. In den USA gibt es an der University of Nevada at Las Vegas den ersten digitalen Präsidenten Keith Whitfield, der 24/7 verfügbar ist und 10.000 unterschiedliche Fragen verbindlich beantworten kann. Ein Avatar mit einer KI im Hintergrund als Präsident einer Hochschule? Durchaus innovativ, aber wenn ich als Bildungsinstitution diesen Weg einschlage, muss das von allen an der Hochschule mitgetragen werden.

Bildung der Zukunft heißt auch, unnötige Anwesenheitspflichten zu beseitigen. Die gewonnene Zeit kann zum Entspannen genutzt werden.

Was brauchen wir, um beide Welten zu beherrschen?

Viel Investition in Bildung. Die soziale und technologische Schere kann weiter aufgehen mit jedem Innovationszyklus an Bildungstechnologie. Auf Bewährtes zurückzugreifen ist à la longue falsch. Die Vorlesung ist passé. Im Präsenzunterricht ist v.a. Interaktion gefragt. Komplexere Inhalte besprechen, Fragen beantworten, mit Studierenden zusammenarbeiten nach dem Prinzip des Flipped Classroom.

Treffen wir uns zum Lernen im Metaverse? Ist es nicht problematisch, wenn Bildungstechnologie von kommerziellen Anbieter*innen kommt?

Die Anbieter*innen werden sich in Richtung Bildungsangebote öffnen. LinkedIn hat eine eigene Akademie entwickelt, andere werden nachziehen. Viele lernen schon heute mit YouTube. Vielleicht werden Bildungseinrichtungen auch als Zertifizierungsstellen für Kompetenzen, die ich mir selbst angeeignet habe, agieren. Die Trennung zwischen formalem, non-formalem und informellem Lernen wird in der Zukunft abnehmen. Ein banales Beispiel: Dank YouTube weiß mein Sohn mehr übers Fischen als ich in seinem Alter. Er muss trotzdem in die Fortbildung, damit er eine Lizenz erhält. Es geht darum Kompetenzen sichtbar zu machen und Lernende nicht mit unnötiger Anwesenheitspflicht zu bestrafen. Die (Lern)Zeit sinnvoll gestalten und nutzen ist die Herausforderung der Bildung. Wer die Bildungsmedien der Zukunft gestaltet, beherrscht und letztendlich nutzen wird, ist offen. Vielleicht werden unsere Avatare von anderen Avataren Sachen lernen, und wir können uns statt auf lexikalisches Wissen auf innovative Lösungen konzentrieren. Immer wieder etwas Neues ausprobieren, statt ständig das „Alte“ wiedergeben.

Hier eine Liste von Projekten, Initiativen und Studien über Distance Learning an Hochschulen in Österreich, die das Team zusammengetragen hat.

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Zur Person

Attila Pausits, habilitiert in Wirtschafts- und Organisationswissenschaften, beteiligt sich an der Förderung der Hochschulforschung und der evidenzbasierten Hochschulentwicklung durch die Beratung von bildungspolitischen Akteur*innen, Forschungsaufenthalte sowie Lehraufträge an diversen Hochschulen (z.B. University of Bath, Tampere University, University of Georgia). Er ist wissenschaftlicher Leiter und Koordinator des Erasmus Mundus Joint Master Programms „Research and Innovation in Higher Education“ und bildet so das wissenschaftliche und administrative Personal für die Hochschulen der Zukunft aus.

Fotos: Walter Skokanitsch
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