Art & Science Krems

„Ich glaube an die Kunst“

Nadja Kayali, Leiterin des Festivals Imago Dei, über die Vielfalt im Gemeinsamen, Morgenkonzerte und unabsichtliche Nachhaltigkeit.

„Das Festival Imago Dei bietet die Möglichkeit der stilistischen Vielfalt. Das bildet auch mein Interesse ab. Das Programm spricht viele Menschen an – und zwar nicht nur am Abend. Die Matineen waren mir ein besonderes Anliegen: Es gibt nichts Schöneres, als mit Musik in den Tag zu gehen, und noch dazu in so einer schönen Gegend wie dieser hier. Mit den Morgenkonzerten um 7 Uhr 45 will ich ein Zeichen setzen: Das ist vor allem eine Einladung an die Kremserinnen und Kremser. In seiner Breite ist das Programm auch für Wienerinnen und Wiener interessant oder für andere Leute, die von weiter her anreisen: Wenn wir etwa dem Komponisten Alexander Skrjabin einen Abend widmen oder eine neue Komposition aufgeführt wird.

Dynamik und Reflexion

Am wichtigsten ist mir, dass das Festival Imago Dei gefühlsmäßig in die Tiefe geht und die Menschen im Herzen anspricht, und zwar mit allen Sinnen. Imago Dei begann als Osterfestival. Ich habe „Ostern“ gedanklich durch „Frühling“ ersetzt. Der Frühling ruft so viele schöne Gefühle hervor, man ist sofort in bester Stimmung. Das ist eine Richtung die ich anvisiere: das Schöne, Inspirierende, auf Neues Ausgerichtete. Gleichzeitig liegt darin ein Moment der Reflexion. Wenn man sich demgegenüber öffnet, kann man die Konzerte nicht nur als wunderbare Musik erleben, sondern sie können das eigene Leben in Schwingung versetzen. Ich weiß, das mag groß gedacht erscheinen, aber: Warum nicht? Ich glaube an die Kunst, gerade in diesen Zeiten. Ein wesentlicher Motor meiner Programmierung liegt in der Vielfalt: die Vielfalt als Chance und Entdeckungsreise, als etwas, das uns bereichert, nicht verängstigt. Das ist eine dramaturgische Leitlinie.

Dazu gehört auch das Motto des diesjährigen Festivals: Zwischenwelten. Wir kommunizieren momentan ständig auf polaren Ebenen, aber an diesen Polen befindet sich niemand. Da ist ein differenzierter Diskurs wichtig. Dieser ermöglicht erst, dass sich unser Denken weitet und wir einander jenseits von Schubladisierungen begegnen.

Die Göttinnen sind der Bogen

Das Festival heißt Imago Dei. Doch das Bildnis Gottes hat ein Äquivalent: das der Göttin. Ich habe neue Labels eingeführt, um Schwerpunkte zu markieren. Eines davon heißt „Imago Deae“, das Bildnis der Göttin. Und das ist auch der Titel des Eröffnungskonzerts. Den Schlusspunkt setzt das Ensemble Divinerinnen, in denen ja das Adjektiv „divine“, also göttlich, steckt. Das bildet einen Bogen. Für die Eröffnung haben wir Sängerinnen mit kurdischen, syrischen, iranischen, kroatischen und bosnischen Wurzeln eingeladen, deren Lieder zusammen mit den Klängen der Jazz-Musikerinnen zu einem besonderen Konzertabend werden. Wir spielen nicht ein Lied nach dem anderen, sondern die Musikerinnen reagieren aufeinander, docken aneinander an. Damit verdeutlichen wir das Miteinander: Wir sind ein großes Ganzes und innerhalb dessen sehr unterschiedlich.

Die Divinerinnen spannen beim Abschlusskonzert den Bogen zwischen Tradition und modernem Klangdenken, zwischen Volksmusik und Klassik.

Wie ein Gedicht

Fast alle Musikerinnen und Musiker, die beim Festival Imago Dei auftreten, leben in Österreich. Ob das mit einem Nachhaltigkeitsgedanken zu tun hat? Nun ja, ich gehe sehr intuitiv vor: Ich überlege mir etwas, und im Nachhinein erkenne ich darin noch weitere Dinge, die ich vorher gar nicht gesehen habe. Wie bei der nachträglichen Interpretation eines Gedichts. Nun sehe ich, wie nachhaltig mein Programm von Anfang an gedacht war. Nur ein Ensemble kommt von weiter her, aus Polen. Ansonsten haben alle, die hier spielen, kurze Anfahrtswege, kommen maximal aus Graz. Wichtig ist mir vor allem Eines: Wir alle sind Österreich, und wir können uns dennoch in ganz unterschiedlichen Welten bewegen.“

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Zur Person

Nadja Kayali leitet dieses Jahr erstmals das Festival Imago Dei. Sie studierte Musikwissenschaft und Musiktheaterregie, arbeitet als Lektorin am Institut für Musikwissenschaft der Universität Wien; zudem ist sie Sendungsgestalterin und Moderatorin von Musik-, Literatur- und Wissenschaftssendungen bei Radio Ö1. Als freiberufliche Regisseurin, Kuratorin und Dramaturgin war sie u.a. für die Salzburger Festspiele sowie das Wiener Konzerthaus tätig.

 

Fotos: Walter Skokanitsch, Theresa Pewal
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