Art & Science Krems

Alter ist eine ziemlich komplexe Sache

Mit der Filmemacherin Valerie Blankenbyl diskutierten eine Alterforscherin und eine Architekturtheoretikerin über die Doku „The Bubble“.

Autorin

Daniela Ingruber: Deine Dokumentation spielt in einer Rentnersiedlung in Florida. Wie kam es dazu?

Valerie Blankenbyl: Bevor meine Eltern in Pension gegangen sind, habe ich viel mit ihnen gesprochen, wie sich das anfühlt. Auch in Gesprächen mit anderen Menschen habe ich immer wieder gehört: Ich habe das Gefühl, ich finde meinen Platz in der Gesellschaft nicht. Ich habe mich gefragt, ob es Orte gibt, an denen sich alte Menschen wohler fühlen. Lange war es ein Film über ein Kreuzfahrtschiff, aber als Produzent Dario Schoch „The Villages“ fand und wir zur Recherche dort waren, war klar: Das ist es.

Ingruber: Valerie, haben sich deine Vorstellungen vom Alter im Zuge der Filmarbeiten verändert?

Blankenbyl: Das ist das Spannende am Filmemachen und sicher auch in der Forschung. Zunächst dachte ich: Warum würde man hier wohnen wollen? Eine Abwehrrektion. Als ich das erste Mal dort war, fühlte ich mich wie in einem Propagandafilm. Alle waren fit, glücklich und gesund. Als ich länger da war, haben sich andere Facetten gezeigt. Die Leute in „The Villages“ waren so offen, das Management hingegen so ablehnend. Wir haben das notwendige Vertrauen aufgebaut, um eine gewisse Tiefe zu erreichen, um auch schwierige Fragen stellen zu können. Die Haltung der Bevölkerung außerhalb der Gated Community brachte einen investigativen Aspekt rein.

Ingruber: Vera, hast du in der Altersforschung ähnliche Erfahrungen gemacht?

Vera Gallistl: Als Soziologin in der Altersforschung hatte ich auch meine Ideen, was diese Altersphase kennzeichnet. Aber Alter ist eine ziemlich komplexe Sache, die alle Menschen irgendwann betrifft. Ich setze mich mit dem Szenario des demografischen Wandels auseinander und was das für eine Gesellschaft bedeutet. Die individuelle Komponente schwingt in mir mit. Was bedeutet es, dass ich selbst älter werde und mit älteren Menschen zu tun habe? Der Film fragt ganz intensiv, was Älterwerden bedeutet und rückt das Bild davon zurecht. Diese Lebensphase ist vielfältiger, als man sie sich vorstellt. Mit der Pensionierung kommt viel Dynamik, viel Neues entsteht. Wir haben alle etwas Neues über das Altern gelernt.

Szenen aus dem Film „The Bubble“

Wohnformen fürs Alter

Ingruber: Könntest du dir auch vorstellen, dass Menschen in Österreich dieses Wohn-Konzept annehmen?

Gallistl: Ich habe vor zwei Jahren das Projekt „Wohnmonitor Alter“ betreut. Da haben wir eine repräsentative Stichprobe befragt – 1000 Personen über 60 –, wie sie im Alter wohnen wollen. Diese Form haben wir „Seniorendorf“ genannt. 49 Prozent der Befragten haben gesagt, sie würden das gut finden. Diese Villages sind kulturell in den USA verortet, aber die Kontextfaktoren sind in Österreich ähnlich. Auch unsere Gesellschaft wird älter, Menschen leben vor allem in der Hochaltrigkeit häufiger alleine und suchen Alternativen zum Wohnen daheim. Auch Mehrgenerationen-Wohnen ist ein Thema.

Ingruber: Tania, wie wird der Bedarf hierzulande architektonisch beantwortet?

Tania Berger: Da entsteht ein Bedarf, keine Frage. Wir haben keine Segregation in Form von Altersgrenzen, sondern eher entlang von Einkommensgrenzen und ethnischen Unterschieden. „The Village“ ist eine wohlhabende, rein weiße Community. In Österreich wird die Tradition der sozialen Durchmischung mit dem sozialen Wohnbau gut gepflegt. Hofrat und Straßenarbeiter in einer Wohnanlage sind eine Errungenschaft, aber man kann das nicht verordnen. Ich kann Leute nicht zur Durchmischung von Ethnie und Alter verpflichten. Das Mehrgenerationenwohnen ist wiederum deshalb interessant, weil man auch in Österreich oft nur mit Menschen der eigenen Generation zu tun hat. Diese Wohnform ist ein Anstoß, mit Menschen verschiedenen Alters zu sprechen, die nicht mit einem verwandt sind.

Gallistl: Ein Kind, das heute heranwächst, kennt vielleicht die eigenen Großeltern, aber es lebt wahrscheinlich nicht mit ihnen unter einem Dach. Wo haben wir eigentlich noch Orte, an denen viele verschiedene Generationen ins Gespräch kommen? Das Bildungssystem ist segregiert nach Alter, der Arbeitsmarkt, das Wohnen auch. Der Film macht da eine wichtige Frage auf: Wo kommen wir noch zusammen? Und kann man das unterstützen? Wir haben es ein bisschen verlernt, über unterschiedliche Generationen gemeinsam nachzudenken.

Berger: Da fällt mir ein, dass der klassische Konflikt im Gemeindebau ja entsteht, wenn die eingesessenen Alten, die dort wohnen, auf die junge, kinderreiche Einwandererfamilie treffen. Konflikt gehört zum Leben dazu. Aber wie gehen wir damit um? Wenn die Kommunikation nur noch über die Hausverwaltung läuft, wird es schwierig, Lösungen zu finden. Die Frage stellt sich im Einfamilienhaus im Grünen nicht, aber man hat auch weniger Möglichkeiten, in Austausch zu kommen.

Podiumsgespräch im Kino im Kesselhaus: Valerie Blankenbyl, Vera Gallistl, Daniela Ingruber und Tania Berger

Sorgearbeit: Enkelliebe oder Emanzipation?

Ingruber: Mich hat berührt, als du die Leute fragtest, ob sie Kinder und Enkel nicht vermissen. Da kam auch eine Einsamkeit hervor. Ist dir das öfter begegnet, Valerie?

Blankenbyl: Das war ein spannender Moment, auf den das Publikum unterschiedlich reagiert. Manche sind entsetzt, aber es ist umgekehrt auch ein Akt der Emanzipation, nicht jederzeit zum Kinderhüten greifbar zu sein. Wir haben mit unserer einjährigen Tochter dort gelebt, die von den Villagers mit Geschenken und Aufmerksamkeit überschüttet wurde. Man merkt, dass diese Enkelliebe dort niemand auffangen kann. Alter ist ambivalent, es gibt verschiedene parallel existierende Emotionen.

Gallistl: Einsamkeit im Alter ist ein Thema, aber wenn man sich die Daten anschaut, sieht man, dass die Einsamkeit zwischen 30 und 40 Jahren ähnlich hoch ist. Wenn Freunde und Verwandte sterben, trägt das zur Einsamkeit bei, aber es ist nicht typisch. Der Film spielt sehr schön mit einer anderen Perspektive auf diese Lebensphase: die späte Freiheit. Gerade für Frauen bedeutet die Pensionierung in Österreich aber oft viel Pflegearbeit. Eine weitere Facette der Komplexität im Alter.

Ingruber: Tania, welche Rolle spielt Architektur beim Bedienen menschlicher Bedürfnisse in verschiedenen Lebensphasen?

Berger: Gebaute Architektur kann viel verhindern und Barrieren schaffen, physische und kommunikative. Sie kann aber auch Möglichkeiten schaffen, ins Gespräch zu kommen. Das ist nicht einfach im engen Korsett von Budgets und Normen. Es verlangt von Planenden Einfühlungsvermögen und die Fähigkeit zu beobachten, was Menschen brauchen, lange bevor man anfängt zu entwerfen. Der Reflex der Zunft ist es, Ideen zu generieren … ohne zu fragen, ob sie erwünscht sind. Was es zudem braucht, ist eine Sichtweise auf Gebäude als Prozess. Wenn sie gebaut sind, fängt die Geschichte erst an, hoffentlich als Aneignung. Dann zeigt sich, wie weit der geschaffene Raum Identifikation erlaubt und die Kommunikation der Menschen, die ihn nutzen, befördert.

Architekturtheoretikerin Tania Berger von der Universität für Weiterbildung Krems

Der Blickwinkel aufs Alter

Ingruber: Habt ihr als Wissenschafter*innen etwas Neues mitgenommen aus der künstlerischen Aufbereitung des Themas?

Gallistl: Im Film blicken wir auf eine uns fremde Kultur des Alterns. Bei mir hängengeblieben, wenn uns das Alter wie eine fremde Kultur vorkommt, sagt das viel über unsere Altersbilder aus. Wir nehmen das Alter als etwas Segregiertes, Defizitäres, etwas nach dem richtigen Leben wahr.

Berger: Ich schließe mich dem an. Der Film ist in einigen Facetten für uns befremdlich. Die politische Konnotation, der Flächenverbrauch. Das erstaunt uns an den USA, aber auch in Österreich werden 20 Fußballfelder täglich verbaut. Freistehende Einfamilienhäuser sind auch bei Jungen die beliebteste Wohnform. Angesichts der endlichen Ressource Boden stimmt das nachdenklich. Der Blick auf eine andere Kultur, die mit unserer etwas gemeinsam hat, wo sich Brüche auftun, regt zum Nachdenken an.

Ingruber: Der Film zeigt eine Blase, in der Bedürfnisse erfüllt werden. Aber es gibt sicher auch Konflikte, Widerspruch und Herausforderungen im Alltag. Wie wird damit umgegangen?

Blankenbyl: Unterschiede bedeuten Reibung und die ist dort nicht erwünscht. Es wird kommuniziert, dass es eine Community der fitten, gesunden Junggebliebenen ist. Wer krank wird und bei dem Lebensstil nicht mehr mitmachen kann, ist draußen. Es ist altersfeindlich, eine Community zu machen, in der man nicht schwach sein, krank werden oder sterben darf. Es gibt dort keinen Friedhof. Das Mithalten bedeutet auch Druck. Eine Psychiaterin dort hat mir gesagt, dass die Menschen als Ablenkungsmanöver viel trinken, Drogen nehmen, viel Sex haben und in die Kirche gehen.

Ingruber: Ist es für die Gesellschaft nicht auch bequem, wenn die alten Menschen weit weg zusammenleben? So haben wir diese Lebensphase aus dem Blick.

Blankenbyl: Gerade in den USA sind alleinlebende Menschen noch mehr eingeschränkt und unsichtbar, wenn sie z.B. nicht mehr Auto fahren können. Dass sich so viele an den Rentnercommunitys stoßen liegt daran, dass sie sichtbar und selbstbewusst sind. Die Jungen mögen die Wohnform, weil sie die Verantwortung nicht haben, die Alten sind froh, wenn sie keine Bürde sind. Man begegnet einander nicht mehr.

Berger: Da sind wir wieder bei der Segregation. Ich arbeite viel in Indien und Äthiopien, wo es Städte mit Inseln des Reichtums als Gated Communities und Slums gibt. Die können ein Leben lang nebeneinander leben, ohne einander wirklich zu begegnen. Das ist sozialpolitisch gefährlich. Man kann Durchmischung nicht anordnen oder bauen. Der Wohlstandssegregation muss sozialpolitisch gegengesteuert werden: mit nicht-polarisierter Einkommensverteilung getragen von Bildungs- und Gesundheitspolitik.

Gallistl: Wir sehen uns das mit Daten an. Auf die Frage, was Leute dazu bringe, im Alter umzuziehen, kommen Antworten wie „Ich will zuhause niemandem zur Last fallen“ oder „Ich habe Angst, dass ich zuhause alleine überfordert bin“ – viel mehr als der Wunsch nach neuen sozialen Kontakten, Pflege und Unterstützung. Ich sehe es eher so, dass das Alter irgendwann in unsere Wohnformen nicht mehr hineinpasst. Es ist ein Problem, dass wir das nicht anders vergesellschaften können, und deshalb kommt es zu segregierten Wohnformen.

Altersforscherin Vera Gallistl von der Karl Landsteiner Privatuniversität

Wünsche fürs Alter

Ingruber: Was wünscht ihr euch selbst fürs Alter?

Berger: Eine Alters-WG.

Gallistl: Mir bleibt von der Diskussion, dass wir wirklich versuchen müssen, neue, Ideale zum Alter zu finden. Wie kann solidarisches, politisches, verbundenes, emanzipatorisches Altern aussehen?

Blankenbyl: Das Erschreckende an den Villages ist, dass man sich dort aller Verantwortung entledigen kann. Ich wünsche mir, dass wir uns als Gesellschaft darüber Gedanken machen, was wir besser machen können, damit sich nicht ganze Teile der Gesellschaft ausklinken wollen.

Fotos: © Martin Jordan, The Bubble

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DER FILM

130.000 Rentner*innen, 50 Golfplätze, 3.000 Aktivitäten: „The Bubble“ beobachtet das Alltagsleben in der weltgrößten Seniorensiedlung in Zentralflorida und lässt dabei Bewohner*innen ebenso zu Wort kommen, wie Kritiker*innen.

 

DIE DISKUTANTINNEN IM KINO IM KESSELHAUS

www.kinoimkesselhaus.at

Valerie Blankenbyl, Regisseurin von „The Bubble“, beschäftigt sich als Dokumentarfilmerin damit, wie Menschen zusammenleben.

https://valerie-blankenbyl.squarespace.com

Vera Gallistl, Altersforscherin am Institut für Soziologie der Universität Wien und an der Karl Landsteiner Universität am Kompetenzzentrum für Gerontologie und Gesundheitsforschung.

https://www.kl.ac.at/person/vera-gallistl

Tania Berger, Architekturtheoretikerin, forscht an der Universität für Weiterbildung Krems im SPACE (Social Space based Research in Built Environment) zum Thema Mensch und Technik in der Architektur.

https://www.donau-uni.ac.at/de/universitaet/organisation/mitarbeiterinnen/person/4294993269

 

https://www.donau-uni.ac.at/de/universitaet/fakultaeten/bildung-kunst-architektur/departments/bauen-umwelt/zentren/space-sozialraumorientierte-bauforschung.html

 

Daniela Ingruber, Moderation, Demokratieforscherin an Universität für Weiterbildung Krems.

Fotos: Martin Jordan, Catpics/Gold
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